Sonntag, 16. Juli 2017

#45 Vom Eremiten zum Socializer - Nachwehen.

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass ich mein Leben als Eremitin in der Großstadt aufgab, um endlich wieder unter Menschen zu sein. Ich hatte genug von unverbindlichen und oberflächlichen Beziehungen ohne echte Begegnung. Ich wollte wieder zurück ins Geschehen. Und ich bin zurückgekehrt. Nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich erfolgreich. So erfolgreich, dass ich mich mittlerweile manchmal wieder etwas zu gut daran erinnern kann, warum ich eigentlich zur Eremitin wurde: Weil zwischenmenschliche Begegnungen wirklich anstrengend sein können. Und im Moment bin ich wirklich ziemlich angestrengt.

Ich liebe es, wie sich mein Leben entwickelt hat. Die ganzen letzten Jahre mit allem, was sie an Erfahrungen und schönen, aber auch traurigen Momenten mit sich gebracht haben, würde ich in keinem Fall missen wollen. Und jetzt gerade habe ich genau das, was ich immer haben wollte: Ich bin frei und zugleich alles andere als allein. Ich habe einen Kreis unglaublich lieber Menschen um mich, die mir viel bedeuten, für die ich viel gebe und die zugleich auch viel für mich geben. Und ich kann so sehr ich sein, wie ich es vermutlich noch nie war. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen.
Gleichzeitig bringt dieses freie und offene Leben, das ich nun führe, auch einiges an Neuem mit sich. Vieles davon schön, einiges aber auch eine wahre Herausforderung.

Ohne arrogant klingen zu wollen - in letzter Zeit erfreut sich meine Person offensichtlich am regen Interesse ziemlich vieler neuer, aber auch alter, lange nicht gesehener Gesichter. Das schmeichelt mir, ganz ohne Zweifel. Aber es ist nicht immer leicht.
Selbst jenen gegenüber, die ich zu meinen Engsten und Vertrautesten zählen, fällt es mir schon nicht leicht, "Nein" zu sagen, Grenzen zu setzen, unangenehme Dinge anzusprechen und meine eigenen Bedürfnisse offen zu kommunizieren und zu betonen. Wie sieht das dann erst bei Menschen aus, die man gerade oder gerade wieder kennenlernt? Egal ob es nun darum geht, ein lang geplantes Treffen abzusagen, jemandem zu sagen, dass man seine Gefühle nicht erwidert oder einer Person klar machen zu müssen, dass man an dem Kontakt mit ihr vielleicht eigentlich gar kein wirkliches Interesse hat - das alles sind Situationen, die mich grundsätzlich schon mal sehr fordern. Und in letzter Zeit häufen sie sich. Das ist dann wohl die unglückliche Nebenwirkung der Offenheit, die ich zumeist an den Tag lege. Und es ist unglaublich anstrengend. Ich will niemandem weh tun, am liebsten hätte ich love, peace and harmony für alle - und im selben Moment muss ich einsehen, dass das einfach nicht geht. Ich kann es nicht jedem Recht machen und ich kann nicht für jeden alles sein, was er/sie sich von mir erhofft. Ich bin eben auch nur ein Mensch.

An den meisten Tagen weiß ich, wie ich mit den Dingen am besten umgehe. Und dann gibt es noch Tage wie heute, an denen mich aus dem Nichts heraus ein Schlag in den Nacken trifft und ich mehrere Stunden brauche, um wirklich zu kapieren, was mich da eigentlich umtreibt. Dann kommen sie wieder auf, diese Momente, in denen ich mir meine selbst gewählte Einsamkeit und die damit einhergehende Befreiung von jeglicher vermeintlicher Verantwortung für das Glück Anderer zurückwünsche. Das Leben in einer Blase hat eben auch Vorteile.
Aber mir ist eben auch klar: In dieser Blase war ich auch nicht glücklich. "Zurück" ist keine Option. Also muss ich wohl stattdessen mein "nach vorne" definieren. Und dazu wird es gehören, klare Worte zu finden und offen zu kommunizieren.
Leicht wird das nicht. Doch im Gegensatz zu damals, bei meiner Rückkehr ins echte Leben, stehe ich jetzt nicht mehr alleine auf weiter Flur. Jetzt gibt es meinen vertrauten Kreis. Die, die mir die liebsten sind. Die, die immer einen guten Rat und herzliche Worte über haben. Die, die mir eben einfach einen Rettungsring zuwerfen, wenn ich gerade mal wieder in einer viel zu großen Welle vor mich hin strample und nach Luft schnappe. Es ist doch einfach schön zu wissen, dass ich so oder so nicht untergehen werde. Und noch schöner ist es, dass die Welle allein schon auf Grund dieses Wissens schrumpft. Ich schwimme dann mal an Land.

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