Sonntag, 2. Juli 2017

#44 Ich gewinne.

Ich war heute auf einer Hochzeitsfeier. Ich war allein da. Es war schön. Es war bewegend. Und es war anstrengend. Nicht auf Grund der anwesenden Personen, nicht wegen des Programms. Es war anstrengend, weil Hochzeiten mir alles bieten: Meine sehnlichsten Wünsche, meine größten Ängste. Mir wird all das vor Augen geführt, was ich vielleicht doch irgendwann gerne hätte - und sofort im selben Atemzug kommen die Ängste auf. Die Angst davor, all das niemals zu erreichen, weil ich immer auf der Flucht sein werde. Die Angst davor, dass ich irgendwann wieder renne. Davor, dass irgendwann das "rosarot" weg ist und ich meine alten Fehler wiederhole. Und selbst wenn das alles nicht so eintreten sollte ... Dann ist da immer noch die Angst davor, dass ich es vielleicht irgendwann bis zu diesem Tag schaffe, bis zu dem "Ja". Und darüber hinaus. Und dass es dann doch irgendwann einfach schief geht. Weil es keine Garantie gibt. Es wird nie eine geben. Kein Versprechen dieser Welt, kein Ring und kein Ja-Wort können eine Garantie für irgendwas sein. Heute noch kannst du so sehr überzeugt davon sein, dass dein Leben jetzt endlich in der richtigen Bahn ist. Dass du jetzt weißt, wohin du gehörst. Und dann wird es morgen. Und schon kann es vorbei sein. Es kann immer, jederzeit, vorbei sein.
Wie erträgt man das? Wie schafft man es, so viel Hoffnung auf etwas zu haben, wo es doch zugleich so weh tun kann? Ist das die Kunst, es einfach zu wagen? Oder vielleicht einfach so zu tun, als wären die Dinge sicher und gesetzt?

Es sind diese Tage, an denen ich mich vollkommen machtlos fühle. Ich schaue auf mich und auf mein Leben und ich habe keinen Plan. Die Ideen und Wünsche, die ich entwickle, betrachte ich mit Skepsis, weil ich immer noch nicht weiß, welche meiner Wünsche eigentlich echt sind - und welche nur dazu dienen sollen, mich in Sicherheit zu wiegen. Ich frage mich, ob ich das jemals beantworten kann. Und ob ich es überhaupt muss. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es mich endlos müde macht, das alles. Ständige Zweifel an mir. An der Welt. Machtlosigkeit. Lähmung. Und diese tiefe, tiefe Traurigkeit, die mich jedes Mal einholt, weil ich einfach nicht glauben kann, dass es wirklich und wahrhaftig eine Chance darauf gibt, dass ich glücklich sein kann - ohne Angst.
Es sind diese Momente, in denen ich mir wünsche, einfach nur dumm und anspruchslos und damit glücklich zu sein, statt mich und mein Leben mit allen Mitteln zu zerdenken.
Es sind diese Momente, in denen ich so traurig und müde bin, dass ich nicht einmal mehr schreiben kann oder will. Einfach nur noch schlafen.

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Diesen Eintrag schrieb ich mir heute Nacht frei von der Seele. Heute früh wachte ich auf und fühlte mich immer noch kein Stück leichter. Eigentlich sind da oben schon alle essentiellen Ängste aufgeführt und dennoch sind da noch so viele Gedanken, kleine und große, die so viel mit mir machen. Manchmal ruhen sie über Wochen und Monate, dann kommen sie einfach wieder hervor. Ich werde noch eine ganze Weile brauchen, um das zu sortieren. Und auch wenn der Abend und die Nacht und auch der heutige Tag anstrengend waren, so bin ich doch auch diesmal wieder dankbar, denn mittlerweile bin ich nicht einfach nur noch Spielball meiner Emotionen - ich arbeite mit ihnen. Und ich werde besser darin.
So habe ich den oben genannten Text heute schon dem Menschen vorgelesen, dessen Reaktion ich grundsätzlich am meisten wünsche und zugleich am meisten fürchte. Jedes Mal wieder fürchte ich diesen Schritt, jedes Mal wieder weiß ich danach, dass es sich lohnt, sich zu öffnen. Und jedes Mal wieder bin ich dankbar für die viele Geduld und die liebevollen Worte und Taten, die mir zuteil werden.

Vorhin war ich spazieren - endlich mal wieder nach mehreren Tagen miesen Wetters. Nicht, dass ich aus Zucker wäre, aber ich hatte in letzter Zeit eh etwas Probleme, mich dazu aufzuraffen, auch weil ich ja insgesamt doch ziemlich fertig war. Und das schlechte Wetter war dann eben die ausschlaggebende Hemmschwelle.
Jedenfalls - es war gut. Sehr gut sogar. Denn manchmal werden mir erst beim laufen Dinge bewusst, die ja eigentlich obvious waren, aber gerade vor lauter anderen Gedanken in der Versenkung verschwunden sind. Und heute war das Folgendes:
Meine größte Angst ist eigentlich nicht, dass ER geht. Meine größte Angst ist, dass ICH es verbaue. Und warum hab ichs bisher verbaut? Weil ich Angst davor hatte, dass der andere geht. Und die wurde immer dann groß und übermächtig, wenn ich eigentlich schon längst wusste, dass da Dinge sind, die gerade einfach nicht kompatibel sind. Ich kämpfe dann mit mir, manchmal Tage, Wochen oder Monate. Ich versuche alles mögliche. Und dann stelle ich am Ende fest, dass es nicht geht - was ich eigentlich schon viel früher ganz tief in mir wusste. Also hab ichs eigentlich nicht mal verbaut - es passte eben nicht. Und zwar immer aus dem Grund, dass ich eine bestimmte Einschränkung oder Verpflichtung für mich nicht in Kauf nehmen konnte (zumindest seit ich in solchen Situationen rational agieren kann - alles davor war gefühlt pur emotional und ist damit nicht mehr heranzuziehen).
Dass man diesen Punkt erreicht, an dem es nicht (mehr) passt, das kann immer passieren. Davor ist niemand gefeit. Aber die Grundvoraussetzungen, die sind immer ganz unterschiedlich. Und die waren noch nie so gut wie jetzt. Ich kann ich sein. In jeder Hinsicht. Es gibt keinen Grund, wegzurennen oder mich zu verstecken. Ich habe schon so viele meiner Gedanken einfach auf den Tisch geworfen, obwohl ich mich selbst dafür in Grund und Boden geschämt habe. Ich habe mich jedes Mal entschieden, mich dem zu stellen. Und gewonnen. Und genau da ist er wieder, dieser Punkt, an dem mich auf einmal diese Erkenntnis durchflutet, dass ich es eben doch in der Hand habe. Jeden Tag aufs Neue. Immer und immer wieder entscheide ICH über das was ich tue. Und gewinne.

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