Samstag, 10. Juni 2017

#41 Gelobt sei ich.

Nach mehreren Tagen intensiven Abfucks genieße ich gerade sehr, dass ich seit gut 12 Stunden das Gefühl habe, wieder richtig atmen zu können.
Während sowohl der Mittwoch als auch der Donnerstag einmal so richtig ganz weit runter in den Abgrund (und danach wieder hinaus) geführt haben, war der Freitagmorgen gemäßigt. Ich lief wieder einigermaßen im Takt, ich konnte mich so langsam wieder konzentrieren, aber dennoch war da dauerhaft dieses nagende, unterschwellige, leicht panische Gefühl, dass einfach alles von jetzt auf gleich doch (wieder) in sich zusammenfallen könnte. Dass es eben doch nicht gut ist, alles nur Schein. Und auch wenn ich nach außen hin wieder funktionierte - das ist dennoch ziemlich anstrengend. Auch ein wenig schmerzhaft.

Ich hatte heute mein meist zwei-, manchmal auch dreiwöchentliches Therapiegespräch. Als ich zur Tür reinging, dachte ich, dass ich heute eh nur heule und dass es vermutlich keinen Sinn macht und dass mir gerade eh nicht zu helfen sei. Ich wurde mal wieder eines Besseren belehrt. Natürlich habe ich geheult. Natürlich ging auch viel Zeit dafür "drauf", mich einfach nur auszuschütten. Mich zu beklagen und darüber aufzuregen, dass es Punkte gibt, an denen ich einfach nicht weiterkomme. Der Großteil des Gesprächs drehte sich um solche Dinge. Aber manchmal reichen 5 Minuten von 50 vollkommen aus, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, der jeglichen kläglichen Laut in den Schatten stellt. Das waren die 5 Minuten, in denen mir gespiegelt wurde, was ich eigentlich so alles schaffe und leiste und bewältige. Die 5 Minuten, in denen ich nochmal zurückblickte auf früher. Darauf, wie es mal war und darauf, wie es heute ist. Darauf, dass ich zu anderen Zeiten in vollkommener Sicherheit unterwegs war und dennoch rotierte ohne jeglichen Halt. Darauf, dass ich mich heute in ausgeprägte Unsicherheit begeben habe, weil das MEIN WUNSCH war und ist, und dass ich immernoch auf meinen Beinen stehe, zwar manchmal ins Wanken gerate, aber am Ende dennoch immer gewinne.
Ich neige noch immer dazu, stetig nur auf meine Fehler zu achten. Auf das, was ich eben nicht gut genug gemacht habe. Das, was hätte besser sein können. Und dabei lasse ich vollkommen außer Acht, was ich eigentlich stetig bewerkstellige. Und wie verdammt nochmal gut ich das eigentlich mache. Meine Ansprüche an mich sind immens. Ich habe wohl irgendwann gelernt, dass sie das sein müssen, um irgendwie bestehen zu können. Dass ich hart zu mir sein und mich treten muss, damit ich ordentlich was leiste. Bei all diesem Druck, den ich mir selbst mache, vergesse (oder vermeide?) ich es stetig,  mich selbst gut zu behandeln. Sanft mit mir umzugehen. Mich auch mal zu loben. Mir eine Pause zu gönnen von all den Anforderungen. Und dabei ist das so unglaublich wichtig - und vor allem tut es unglaublich gut.
Diese Erkenntnis, die Erinnerung an diesen Umstand, brachte mich innerhalb kürzester Zeit zurück auf den Boden. Als ich zur Tür wieder raus ging, war ich so unglaublich klar. Gelassen. Ruhig. Zufrieden. Und fest entschlossen, mir selbst mehr Liebe zu widmen.



Gelobt sei ich

Gelobt sei ich, denn ich gebe nicht auf. Ich ackere, ich kämpfe, ich nehm Schmerzen in Kauf. Ich bin unzerstörbar, selbst wenn ich in Trümmern liege. Ich bin immer noch da, weil ichs gebacken kriege. Hab schon unüberwindbare Berge bezwungen und vom Gipfel mein Lied in die Nacht gesungen. Bin so oft fast in tobenden Wellen ertrunken und am Ende doch nie zu Boden gesunken.

Gelobt sei ich, weil ich weiter will. Denn Stillstand gleich Tod, also steh ich nicht still. Ich bewege mich, winde mich um Kanten und Ecken, denn ich bin es so Leid, mein Ich zu verstecken. Also ging ich den Schritt, schrie mich raus in die Welt, hab mich nackt und verletzlich der Furcht gestellt. Habe Schmerz geerntet, aber Liebe gesät und verstanden, dass es immer noch weiter geht. Dass ein Ende auch ein Anfang ist und dass ich mehr sein will, als nur ein Statist. Dass mein Fortschritt in meinen Händen liegt und dass meine Attitüde siegt.

Gelobt sei ich, weil mich Neugierde treibt. Weil der Mut was zu wagen mein Steckenpferd bleibt. Und auch wenn die Angst mich zu lähmen scheint, ich hab noch jedes Mal meine Kräfte vereint. Hab der Kälte mein Feuer entgegensetzt, hab die Dürre mit Tropfen von Herzblut benetzt. Ich sah, wie der Tropfen im Boden verrann und ich spürte, dass ich zu wachsen begann.

Gelobt sei ich, weil ich Liebe wähle, mich nicht länger als nötig durch Distanzen quäle. Weil "aufeinander zu" meine Lösung ist, weil niemand "voneinander weg" vermisst. Weil ich Hände reiche, weil ich alles gebe, weil ich mit euch und für euch und durch euch lebe.

Gelobt sei ich, weil ich das Leben liebe. Höhen und Tiefen, Streichler und Hiebe. Weil ich am Ende jeden Tag genieße, ob ich nun lache oder Tränen vergieße. Weil das alles einem Wunder gleicht, weil alles, was ich will, mein Herz erreicht. Ich hab so viel bekommen und hab so viel zu geben. Gelobt sei ich, denn ich liebe das Leben.

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