Mittwoch, 7. Juni 2017

#40 Schmerz gegen Schmerz.

Heute können sie mich alle mal kreuzweise. Die scheiß Hormone, die dachten, dass heute wirklich ein super Tag für ein Tief ist. Die scheiß Emotionen, die jedes Mal aufkommen, wenn ich über längere Zeit nicht alleine war und dann plötzlich mit Stille konfrontiert bin. Das Wetter kann mich mal, weil es immer so beschissen passend ist. Und all dieses sinnlose Geschwurbel in meinem Kopf, das kann mich erst recht mal.

Heute war ein stürmischer Tag und das in jeder Hinsicht. Ich wusste es schon zeitnahe nach dem Aufstehen, als mir zum ersten Mal fast die Tränen kamen, aber ich habe dennoch nicht kommen sehen, dass es mich so dermaßen krass umwatscht. Und dann kam eben viel Scheiß zusammen. Ein Arzttermin, der mir tierisch auf die Nerven ging. Mein Schreibtisch, der nach drei Tagen Abwesenheit Stoff für gefühlte zwei Wochen aufwies. Und die Stille. Diese gottverdammte Stille.
Sie sind immer da, meine Gedanken. Meine Sorgen. Meine Ängste. Aber vor dem Hintergrund der Stille werden sie erst recht laut. Gehässig. Böse. Und so mächtig. So mächtig, weil ich mich schützen muss. 
Das ist tatsächlich das Absurde an der ganzen Sache. Ich tue mir selbst weh damit, um mich darauf vorzubereiten, dass es wirklich weh tun könnte. Ich muss gewappnet sein, mich abhärten. Dicht machen. Mich abschotten. Mit dem Schlimmsten rechnen. Mauern hochziehen. Die Waffen schärfen. Und während ich das tue, bereite ich mir selbst den gröbsten Schmerz. Ich reiße Wunden auf, die niemals entstehen müssten. Dann verbinde ich sie, indem ich mich in Beton gieße. Und am Ende gewinnt niemand - und ich verliere.

Den Ausstieg fand ich dank zweier sehr, sehr lieber Menschen, die mich in schriftlicher Form und telefonisch durch den Tag begleitet haben. Irgendwann wusste ich, dass ich da so nicht liegen bleiben kann. Dass dieser Mechanismus, der schon so oft gegriffen hat, einfach keinen Nutzen hat, außer eine Illusion der Kontrolle herzustellen - die man am Ende eben doch nicht hat. Und, dass es hier um eine Entscheidung geht. Um eine erneute Entscheidung dafür, ein Risiko einzugehen. Für eine Sache, die so großartig und wunderschön ist, dass es sich in jedem Fall lohnt. Ich habe diese Entscheidung schon sehr oft getroffen. Und eigentlich weiß ich auch, dass ich sie immer wieder treffen werde.
Also stand ich auf. Ich kämpfte mich durch ein Labyrinth aus Beton, ich schrie innerlich an gegen die gehässigen Stimmen in meinem Kopf.  Ich wandelte Angst zu Wut und Wut zu Antrieb. Ich füllte die Stille mit Musik. Ich ersetzte die Starre durch Bewegung. Und ich entkam der Hölle. Der Sturm legte sich. 
Eine gewisse restliche Traurigkeit blieb und ist auch jetzt noch da. Aber das ist okay. Gedanklich tätschele ich sie ein wenig liebevoll, sie ist mir so gut vertraut.

Nun sitze ich hier und schreibe "die Reste weg", mit einem Sandwich, Schokokeksen und einem Glas verdammt gutem, teurem Whisky. Dazu begleitet mich die Stimme von Mandy Harvey, einer tauben Sängerin, die ihr Gehör durch eine Erkrankung verlor, dann aufgab - und sich am Ende dafür entschied, dass Aufgeben keine Option ist. Sie trat bei "America's got Talent" auf. Normalerweise stehe ich echt nicht auf sowas, aber ihr Auftritt und ihre Geschichte haben mich wirklich bewegt. Daher verlinke ich euch hier mal das Video: Klick! Mit den Lyrics zu "Try" verabschiede ich euch in diesen traumhaft schönen, ruhigen Abend.


I don't feel the way I used to
The sky is grey much more than it is blue
But I know one day I'll get through
And I'll take my place again

If I would try
If I will try
Oh
There is no one for me to blame
'cause I know the only thing in my way
Is me

I don't live the way I want to
That whole picture never came into view
But I'm tired of getting used to the day

So I will try
So I will try

If I would try
If I will try
Oh

1 Kommentar:

  1. Das Lied davor war dann wohl Knorkator - Ich geb es auf

    Stummer Tanz aus Licht und Staub,
    Seiten fallen aus dem Buch,
    blass erscheint, woran ich glaub,
    hab vergessen, was ich such.
    Kein Gedanke regt sich mehr,
    meinen Körper spür ich nicht,
    und die Stille legt sich schwer
    auf mein steinernes Gesicht.


    Ich verharre regungslos,
    müde vom Vorhandensein.
    Ist der Raum unendlich groß,
    oder bin ich nur so klein?
    Ist die Zeit davon gerast,
    oder blieb sie einfach stehn?
    Ist da gar nichts rings umher,
    oder kann ich nichts mehr sehn?

    Ich geb es auf.
    Ich schaff es nicht.
    Ich schließ die Tür
    und lösch das Licht.
    Ich habs versucht,
    es soll nicht sein.
    Ich leg mich hin
    und schlafe ein.

    Welkes Blatt auf morschem Holz,
    feuchtes Moos auf kaltem Stein,
    weißer Schnee auf balsser Haut,
    weiter fällt mir nichts mehr ein.
    Also leg ich fort den Stift,
    les die Worte noch einmal.
    Ganz so übel ist es nicht,
    aber auch nicht grad genial.

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