Freitag, 26. Mai 2017

#38 Ebbe und Flut.

Der folgende Text entstand in einem der ganz dunklen Momente. Das hier ist kein Hilferuf, es ist ein Augenzeugenbericht. Es ist eine Erinnerung. Dieser Text ist nicht lang und doch offenbart er viel von mir und macht mich damit gleichzeitig sehr verletzlich. Dies ist mir bewusst. Euch hoffentlich auch.


---


Es ist wie stumme Taubheit, die langsam vorankriecht. Es beginnt in der Brust, bahnt sich langsam seinen Weg. Ein schwaches, ganz leicht kühles Kribbeln. Dann werden die Gliedmaßen schwer. Zuerst die Arme, von den Schultern ausgehend. Eine merkwürdige, stellenweise schwer auszuhaltende Spannung überzieht meinen Nacken. Die Spannung pulsiert. Sie wird phasenweise stärker und wieder schwächer. Und jedes Mal, wenn sie sich ein Stück zurückzieht ... jedes Mal, wenn Ebbe ist, dann wird die verbleibende Leere gefüllt von dunkler, zäher Traurigkeit.
Es können Momente sein zwischen Ebbe und Flut, manchmal sind es Stunden. Ich weiß nicht, was von beidem ich lieber mag. Wenn die Taubheit unerträglich wird und ich das Gefühl bekomme, dass ich mich aus meiner eigenen Haut schälen will, um endlich wieder irgendwas zu fühlen, dann vermisse ich die Trauer fast. Und wenn sie mich dann irgendwann erfüllt und ich an den Punkt komme, an dem ich endlich weinen will und ich dabei doch gegen eine scheinbar unsichtbare Wand laufe ... wenn ich dann schreien könnte vor Schmerz und Wut und Hilflosigkeit, dann wünsche ich mir die Taubheit zurück. Das befreiende Nichts. Nicht grundsätzlich befreiend, aber wenigstens für den Moment. Es ist ein Wechselspiel ohne Gewinner.

Während ich schreibe, kehrt so langsam das Gefühl in meine Finger zurück. Schreiben ist ein gutes Ventil.

Heute ist ein Tag, an dem es mich unerwartet getroffen hat. Oft sehe ich es ja irgendwie kommen, kann mich wappnen, suche mir Wege. Heute war ich nicht vorbereitet. Und dann wird es meistens besonders fies. Dann kommen viele, viele alte Glaubenssätze hervor. Dann geht es nicht nur um das Gefühl des Verlassenseins, sondern auch um Minderwertigkeitskomplexe. Um das Gefühl, nicht zu genügen. Darum, isoliert und abgekoppelt zu sein - oder sich zumindest so zu fühlen. Die Überzeugung, nichts richtig machen zu können. Die Angst, dass mich das alles ewig verfolgen wird. Der Gedanke, dass die Sonne da draußen nur am Himmel steht um mich auszulachen. Es sind diese Tage, an denen ich mich schäme dafür, dass ich ich bin.

Es gibt Pflaster, die ich auf diese Wunde kleben kann. Ich habe einige Möglichkeiten, dieses Empfinden beiseite zu schieben und mich zu betäuben. Durch Menschen, durch jegliche Art von Betäubungsmitteln, durch Fernsehen, durch Aktivität, durch Essen oder Schlafen oder Arbeiten. Aber jeder dieser Wege ist eben nur ein Pflaster.
Es gibt Tage, da ist es gerechtfertigt, sie zu nutzen. Ein sehr weiser Mensch sagte mal zu mir: "Du musst nicht immer an dir arbeiten, du darfst auch mal eine Pause machen!" Aber heute ist kein Tag für eine Pause. Heute schaue ich dem Gefühl ins Gesicht. Ich banne es auf Papier, lasse es kleiner werden. Ich kann spüren, wie es sich langsam zurückzieht und die Lähmung nachlässt. Für den Moment kann ich wieder atmen.
Das war sicher nicht unsere letzte Begegnung. Es war nur eine von vielen auf einem sehr langen und sehr anstrengenden Weg. Füher waren es Gebirge, die ich zu bezwingen hatte. Heute sind es meist nur noch Hügel. Aber auch diese können manchmal noch sehr schwer zu bezwingen sein, wenn man sich auf dem Weg den Fuß verletzt hat. Gerade bin ich oben angekommen. Ich werde mich jetzt setzen und versuchen, den Ausblick zu genießen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen