Montag, 1. Mai 2017

#37 Chaos und Neubeginn.

Irgendwie spielen wir doch dauerhaft Jenga. Immer wieder suchen wir uns einen mehr oder minder tragenden Aspekt unseres Lebens aus, an dem wir arbeiten, in dem wir uns verändern. Manchmal suchen wir ihn uns auch nicht so wirklich aus, sondern "er" findet uns. Manchmal springen die Dinge uns einfach an: "Hallo, hier bin ich übrigens. Eigentlich war ich schon immer da, du hast mich halt nur nicht so richtig beachtet, aber jetzt bin ich hier und ich werde groß und bedeutend und jetzt, herzlichen Glückwunsch, mach was aus mir!" Wir wählen den Stein also, oder er wählt uns. Und dann ziehen wir ihn heraus aus dem Turm, der da eben noch so fest und überzeugend stand.
Oft sind es nur kleine Angelegenheiten, ein Kinderspiel. Vielleicht ein bisschen Spannung für einen Bruchteil eines Moments, aber leicht zu verschmerzen. Locker mitzunehmen. Und dann gibt es da noch diese Steine, die eigentlich tragend wirken - aber irgendwie hast du gerade keine andere Wahl. Dir wird klar, dass das hier jetzt deine Baustelle ist. Dass es jetzt hieran zu arbeiten gilt. Du kommst nicht daran vorbei. Also nimmst du den Stein vorsichtig zwischen die Finger. Vielleicht zitterst du. Vielleicht lässt du dir viel Zeit, vielleicht gerätst du dabei wirklich ins Schwitzen. Dann ziehst du ihn - und der Turm beginnt zu wanken.
Man kennt diese langen Sekunden, in denen nicht sicher ist, ob nicht einfach alles, was man bisher gebaut hat, gleich in Gänze in sich zusammenstürzt. Das innere Chaos, wenn man sich fragt, ob man nicht einfach den falschen Stein gewählt hat. Ob es nicht anders gegangen wäre. Aber es gibt Spielregeln. Man hat gewählt. Jetzt folgen die Konsequenzen. Und wenn die ewig langen Sekunden des Wankens vorüber sind, dann zittert man erneut, wenn man den Stein vorsichtig obenauf legt, vielleicht ein erneutes Schwanken und schließlich die Ruhe folgt. So in der Art funktioniert das wohl, das mit dem "wachsen".

Ich bin gerade mal wieder mittendrin in so einem "Wachstum". Ich kann schwerlich sagen, zum wievielten Mal der Turm gerade wankt, ein wenig habe ich den Überblick verloren. Die letzten Tage, Wochen, Monate waren stark geprägt von Bausteinen, die ich selbst wählte und von solchen, die mich gewählt haben. Und manchmal schien der Turm schon eingestürzt zu sein, bis mir schließlich bewusst wurde, dass ICH noch stehe. Zwischen all diesen Steinen, all diesen Entscheidungen, bin ich selbst schwer ins Wanken geraten. Zeitweise wusste ich überhaupt nicht, was mir eigentlich noch bleibt und was ich verliere. Was ich behalten will und was nicht. Und auch jetzt setze ich mich noch damit auseinander, wie es eigentlich weitergehen soll. Wo ich wirklich hin will. Manches ist größer geworden als ich dachte. Und manches hat sich kaum bewegt, obwohl ich vermutet hatte, dass an diesen Punkten das größte Einsturzrisiko besteht. Aber wie auch immer ich die einzelnen Steine betrachte: Ich stehe noch. An manchen Tagen mehr schlecht als recht, manchmal will ich auch einfach nur in mir zusammenfallen. Und dann kommt ein neuer Tag. Nächste Chance.
Diese Zeiten haben auch Gutes. Sie zeigen deutlich, auf wen man zählen kann und auf wen man besser nicht bauen sollte. Wie die Menschen um mich herum mit mir und meinen Schwankungen umgehen, sagt mir oft viel mehr über sie als über mich. Und mir wird immer klarer, wer bleibt und wer geht - und von wem ich mir wünsche, dass er bleibt oder geht. Also sortiere ich. Menschen, Beziehungen, Ziele, Ideen, Träume. Ich richte mich neu aus. Greife alte Baustellen auf, an denen ich schon sehr lange arbeiten wollte und schaffe mir den Boden dafür. Und gleichzeitig nehme ich mir Zeit, um mich zu verabschieden von dem, was mir lieb und teuer war und teilweise auch noch immer ist, mir aber nicht bleiben wird. Denn auch wenn dieser Beitrag nach Hoffnung und nach Neubeginn klingt, so bin ich doch traurig. Und auch diesem Gefühl gebe ich den Raum, den es benötigt.

Wenn das Chaos im eigenen Kopf abklingt, wenn das Wanken sich legt, dann kommt da manchmal dieser kurze Moment, in dem mir klar wird, dass jedes Ende eben auch ein Anfang ist.

In diesem Zusammenhang haben gleich mehrere Menschen in der letzten Zeit mir gegenüber Hesse zitiert, was mich ein wenig zum schmunzeln brachte und dazu führt, dass ich heute selbiges tun werde. Ich schließe also mit einer Passage aus dem wundervollen Gedicht "Stufen".

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
 Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."

Ich hoffe, euer Leben verzaubert euch ein wenig. Habt einen schönen Abend!

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