Dienstag, 4. April 2017

#36 Die Angstspirale.

Wir kennen das ja, mich und meine Ängste. Da sollte man fast denken, ich hab schon alles gesehen und alles erkannt, aber am Ende bin ich doch immer wieder überrascht, was die Angst noch so alles an Assen im Ärmel hat. Daher will heute über etwas schreiben, das ich für mich "Angstspirale" nenne.
Ich weiß nicht, ob man sich da hineinfühlen kann, wenn man keine Angststörung hat, oder ob das jeder irgendwie kennt und es für mich nur irgendwie mächtiger ist, als für Menschen ohne Angststörung. Aber ein Einblick in meinen Kopf kann vermutlich nicht schaden. Zumindest nicht für die, die hin und wieder Zeit mit mir verbringen.

Die Angstspirale ist vielfältig. Meist hat sie mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun, am häufigsten tritt sie (zumindest in meinem Fall) in Partnerschaften auf. Es kann aber auch andere Lebensbereiche treffen, ganz unterschiedlich.
Es beginnt damit, dass irgendwas fehlt. Ein unbefriedigtes Bedürfnis, ein "Vermissen" irgendeines Umstandes. Manchmal erkenne ich das, manchmal spreche ich es an. Manchmal geht es auch an mir vorbei, bahnt sich unterschwellig seinen Weg. Wird das Bedürfnis wieder befriedigt, trifft der vermisste Umstand (wieder) ein, dann ist dem ganzen Einhalt geboten. Hält das Problem jedoch an, kommt irgendwann ein Punkt, an dem sich die Dinge verselbstständigen.
Etwas fehlt. Wenn ich es nicht auf die übliche Art und Weise bekommen kann, dann hole ich es mir woanders her. Oder spiele zumindest mit dem Gedanken, das zu tun. Vielleicht rede ich auch noch darüber. Vielleicht weiß ich auch einfach nichts, sondern verspüre nur einen Drang nach "irgendwas". Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem das Schuldgefühl einsetzt. Das Gefühl, dass irgendwas nicht richtig läuft, ich aber dennoch diesen unsagbaren Drang habe, etwas zu tun, das nicht in die Norm passt ("so verhält man sich nicht in Freundschaften/Beziehungen/gegenüber seiner Familie"). Die logische Konsequenz daraus? - Flucht! Ich renne. Ich weiche aus. Denen, die ich liebe. Denen, die mich kritisieren könnten. Denen, die ich verletzen könnte. Denen, die mich verletzen könnten.
Ich steigere mich hinein in ein Bedürfnis, in einen Wunsch. Ich sehe nach außen hin nichts mehr, nur noch mich und das, was ich scheinbar will. Ich sage mir selbst, dass das meine persönliche Freiheit ist. Dass ich das will und muss und dass das gut ist, mir nachzugeben, denn am Ende habe ich ja nur mich. Das ist mein Selbstschutz. So halte ich mich aufrecht für den Fall, dass ich tatsächlich alles verliere.
Gleichzeitig plagt mich diese Angst davor, alles zu verlieren. Aber ich kann ja keinem mehr ins Gesicht sehen, denn ich verhalte mich nicht mehr normgerecht. Ich passe nicht mehr ins Bild. Ich stehe zwischen Menschen, die mich lieben und fühle mich deplatziert. Falsch. Schlecht. Also ziehe ich mich weiter zurück. Vertiefe mich noch weiter in mein "Bedürfnis", mit dem alles begann und das mittlerweile in gigantische Dimensionen angewachsen ist. Drehe mich darum. Und breche irgendwann tatsächlich Verbindungen ab. Igele mich ein. Spiele den lonesome rider, orientiere mich neu, suche Extreme, stürze mich ins Chaos. Und verschwinde von der Bildfläche derer, die mich lieben.

Das ist mir mehr als einmal passiert in meinem Leben. Im kleinen und im großen Rahmen. Manche Spiralen drehen sich noch, andere sind lange vorüber.
Wirklich tückisch ist, dass man manchmal gar nicht mehr unterscheiden kann, was man wirklich will und was nur angstgeprägtes Hineinsteigern ist. Das zu sortieren ist unglaublich schwierig - aber machbar. Wenn man es will.
In der letzten Woche ist es mir zum ersten Mal in meinem Leben gelungen, eine wirklich große und mächtige Angstspirale aufzulösen. Über vier Monate habe ich mich gedreht, bin geflohen, habe Menschen verletzt, habe mich verrannt - und mich an Ende umgedreht. Mich dem gestellt. Zu behaupten, dass ich das alleine geschafft habe, wäre dreist gelogen. Ich hatte Hilfe. Wirklich viel Hilfe. Gespräche mit unglaublich vielen lieben Menschen. Liebevolle und manchmal auch harsche Worte.
Und dann kam der Morgen, an dem ich aufgewacht bin und festgestellt habe, dass ich wütend bin über meine Hilflosigkeit. Über das Gefühl, nichts mehr unter Kontrolle zu haben. Also habe ich mich entschieden. Ich habe rumgedreht, habe all meinem Shit ins Gesicht geblickt, habe sortiert, was aus Angst entsprang und was ich wirklich will - und habe Angst schlussendlich in Liebe verwandelt. Es geht. Es ist möglich. Ich hätte nicht gedacht, dass der Tag kommt, an dem ich das schaffe, aber es hat funktioniert. Weil ich es wollte. Und weil die Sache, um die es ging, es mir mehr als wert war.

Ich kann nicht versprechen, dass es mir nie wieder passiert. Das wäre dumm, möglich wird es immer sein. Aber ich starte gerade in eine neue Ära. Weil ich jetzt weiß, dass ich es kann. Weil es mir gelungen ist. Danke an alle, die mich auf diesem Weg begleitet haben. Ohne euch wärs nicht möglich gewesen. Und vielleicht kann der eine oder andere jetzt etwas besser verstehen, wie sich das anfühlt.

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