Mittwoch, 3. August 2016

#31 Ruhestürme.

Solange ich mich erinnern kann, war ich immer ein Ball aus Emotionen. Ich war nicht einfach nur ein emotionaler Mensch, ich habe förmlich gebrannt. Das waren nicht immer nur schlechte Emotionen, da war schlicht und ergreifend alles dabei. Ich war himmelhochjauchzend, ich war zutiefst betrübt. Ich lachte lauter als der Rest und ich weinte über Stunden. Egal ob Abschied oder Wiedersehen, Liebe, Freude, Trauer, Schmerz. Ich WAR pure Emotion.
In der Jugend war es so immens, dass mein Umfeld unglaublich irritiert war von der Heftigkeit, mit welcher mich all diese Empfindungen überkamen. Meine Weinkrämpfe brachten Schulstunden zum Ausfallen. Mein Hineinsteigern in das, was ich zu dieser Zeit für Liebe hielt, trieb Menschen in die Flucht. So schnell, wie ich nach ganz oben kam, so schnell fiel ich auch wieder.

In den letzten Jahren ist das Ganze ein wenig abgeflacht. Aber es war immer noch vorhanden. Zuletzt, im großen Hormonchaos nach dem Absetzen der Pille, wurde es noch einmal ganz besonders deutlich.
Und heute? Heute ist ein Tag, an dem ich pure Ruhe verspürt habe. Ich kenne das nicht ... Ruhe, was will mir das sagen? Alltag, Routine, Gewohnheit ... was ist das?

In gewissem Maße sind all diese Begriffe für mich negativ besetzt. Ich dachte immer, das ganze Leben müsste ein einziger Rausch sein, ein Extrem. Der rationale Teil von mir ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass man keineswegs ständig unter Strom sein kann, auf Dauer hält das niemand durch. Und dennoch schleichen sich nun, da ich plötzlich die Abwesenheit jeglicher Heftigkeit an diesem heutigen Tage erkannt habe, Fragen ein, die mich in Angst versetzen:

Bin ich noch ich ohne all das? Geht ein Teil von mir verloren? Brauche ich das Dasein als glühender Feuerball? Kann ich ohne einfach nicht sein?

Diese Fragen sind nicht neu, ich habe sie mir schon einmal gestellt. Nur wusste ich sie zum damaligen Zeitpunkt einfach gar nicht zu beantworten. Stattdessen bin ich geflohen.
Heute bin ich in einer ganz anderen Ausgangssituation. Ich habe die letzten Jahre, insbesondere die letzten Monate, genutzt, um zu lernen, wie ich freundlicher und offener mit mir selbst umgehen kann. Ich habe gelernt, dass ich Hände ergreifen kann, die mir gereicht werden. Und deswegen werde ich diesmal nicht fliehen.
Es wäre anmaßend und voreilig, diese Fragen am heutigen Abend aus dem Stegreif beantworten zu wollen. Auf mich kommt eine Zeit des Beobachtens und Erforschens zu, die zwar einerseits alte Ängste ans Tageslicht holt, zum anderen aber auch die Chance bietet, genau diese Ängste in das zu verwandeln, wonach sich ein Teil von mir immer gesehnt hat: In das Gefühl, zur Ruhe zu kommen.

Morgen früh ziehe ich die Wanderschuhe an und mache mich auf die Reise. Jetzt wünsche ich euch und auch mir selbst eine angenehme Nacht-Ruhe.

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