Sonntag, 3. Juli 2016

#27 Meine älteste Bekannte.

Jeder kennt dich. Unsere erste richtige Begegnung mit dir ereignet sich zwangsweise kurz nach der Geburt. Es ist laut, kalt, hektisch, ungewohnt. Und dann ereilst du uns zum ersten Mal.
Unsere Kindheit ist immer geprägt von dir, so viele neue Erfahrungen und so viele Ungewissheiten. Es gibt keine Möglichkeit, an dir vorbeizukommen. Du bist immer da.
Dann sind wir irgendwann Jugendliche. Wir beginnen, Dinge zu reflektieren, doch wir haben so wenig Erfahrung, wir verstehen uns selbst oft nicht. Und damit verstehen wir auch dich nicht.
Und irgendwann kommt der Punkt, an dem wir doch zu verstehen beginnen. Es dauert und es ist anstrengend, mühsam, schmerzhaft. Es erfordert so viel Mut und Geduld und Liebe. Und viel zu oft scheint es dennoch aussichtslos. Aber am Ende ist es ein Gewinn, dich kennenzulernen und sich mit dir auseinanderzusetzen.

Du bist so zwiespältig, das macht es kompliziert. Grundsätzlich bist du ein Warnsignal, du sollst uns darauf hinweisen, wann uns Gefahr droht, wann wir Acht geben müssen. Eigentlich willst du nur Gutes. Doch wenn du missverstanden wirst, wenn du dich über Jahre hinweg auf diffuse Art und Weise manifestiert hast, wenn du dich auf Grund von Kindheitserfahrungen, an die wir uns gar nicht mehr erinnern können, irgendwo in unserer Brust festgesetzt hast, und wir dich einfach nicht mehr zu deuten wissen, dann wirst du auch zur Last, liebe Angst.

Mein Verhältnis zu dir ist stark geprägt von dieser Zwiespältigkeit. Eine gewisse Dame stellte mir - nachdem sie mich gerade einmal 15 Minuten kannte - die folgende Diagnose: F41.1 - Generalisierte Angststörung. Auf Grund der Tatsache, dass diese Frau auch ein paar sehr unschöne Entscheidungen für mein Leben mitgeprägt hat, war ich mir lange, lange Zeit nicht sicher, ob und inwiefern diese Diagnose zutreffend ist - und was sie mir eigentlich sagen will.
Erst seit Kurzem setze ich mich tatsächlich damit auseinander, denn ich stelle durchaus fest: Du bist diffus. Vielfältig. Und bei mir stärker ausgeprägt als bei vielen anderen Menschen, die ich so kenne. Du begegnest mir immer wieder, egal wie oft ich denke, ich sei "über dich hinweg". Und immer wieder erscheint dein Auftreten absurd, unpassend, übertrieben. Was sich dann wiederspiegelt in meiner Reaktion auf dich. Und was mein Umfeld dann oft ausbadet.

Aktuell bin ich dabei zu sammeln, auf welche Arten und Weisen du dich äußerst. Es ist spannend, denn mein jetziger Stand zeigt mir bisher vier verschiedene Asprekte auf: Verlust, Ablehnung, Hypochondrie (bzw. Krankheit im Allgemeinen) und Fallangst. (Es gibt sicher noch mehr, aber wie gesagt, ich suche noch.) Das sind so unfassbar unterschiedliche Dinge, manche lassen sich häufiger blicken und manche seltener. Aber alle haben sie gemeinsam, dass sie sich im entsprechenden Moment gleich anfühlen. Du setzt dich in meinen Nacken, ziehst mir über die Schultern und in die Rippen. Lässt meinen Brustkorb tausend Tonnen wiegen. Und bringst mein Herz zum rasen.
Ich kenne dich so gut, ich weiß so gut wie du dich anfühlst. Und dennoch überraschst du mich oft. Tauchst auf, wenn ich gerade gestresst bin. Oder wenn es mir unglaublich gut geht und nur einzig und allein die Gefahr besteht, dass das aufhören könnte. Meldest dich in Momenten, in denen ich dich einfach gar nicht erwarte. Und manchmal schlägst du brutal zu.

Die absurdesten Momente habe ich bisher wohl dann erlebt, wenn du mich in das hüllst, was man "Angst vor der Angst" nennt. Ich sehe einen Moment auf mich zukommen und ich weiß, dass du mich dann begrüßen wirst. Und dann schlägst du einfach schon vorher zu. Obwohl ich doch gar nicht wissen kann, ob und wie schlimm es eigentlich werden wird. Obwohl ich dich kenne. Obwohl ich dich nicht mehr wegstoße. Ich bin dennoch oft nicht gefeit vor dir.

Wie bei vielem anderen auch ist meine Sicht auf dich natürlich eine andere als zu früheren Zeiten meines Lebens. Dort, wo damals Heulkrämpfe und absolute Starre, Gefühlstaubheit und endloses panisches Kreiseln meinen Alltag bestimmten, sind heute nur noch gelegentliches Weinen, Stunden starken In-mich-gekehrt-Seins, hin und wieder ein paar Zigaretten zu viel oder ein Nutellatoast ohne Hunger geblieben. Das ist stark, das weiß ich. Ich bin einen langen Weg gegangen, um hier anzukommen. Aber mir ist auch klar, dass ich trotzdem oft noch so reagiere, wie du mich lenkst. Dass ich mich doch immer wieder von dir beherrschen lasse, auch wenn es nur kurz ist.

"Bin das ich oder ist das die Angst?" Ein sehr lieber Mensch hat mir geraten, mir diese Frage im Zweifelsfall immer zu stellen. Das tue ich. Doch schwierig sind eben vor allem die Stellen, an denen ich die Frage nicht eindeutig beantworten kann. Die Begebenheiten, bei denen ich es so gewohnt bin, mich von dir leiten zu lassen, dass ich manchmal nicht mehr unterscheiden kann, was ich will und was du willst.
Deswegen habe ich mich dazu entschieden, die Diagnose anzunehmen. Dich anzunehmen. Mich mit dir stärker zu beschäftigen und dich besser zu verstehen. Es gibt sehr liebe Menschen in meinem Umfeld, die mir dabei unbezahlbare Hilfestellungen leisten. Ich werde auf mehr davon zurückgreifen. Denn ich stelle immer wieder fest, dass mir dadurch so viele neue Wege eröffnet werden und dass ich so oft den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen habe in meinem Leben.

Am Ende bist und warst du immer nur ein Warnsignal. Du hast mich hingewiesen auf Dinge, die irgendwann einmal verkehrt gelaufen sind in meinem Leben und du wirst es wieder tun. Nur muss ich nach wie vor lernen, deine Hinweise zu nutzen. Und da bin ich dran. Liebe Angst, du bist ein Bote. Danke für das Abliefern deiner Nachricht. Für heute kannst du weiterziehen.

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