Dienstag, 21. Juni 2016

#26 Lücken, die zu füllen waren.

Es gibt eine Zeit in meinem Leben, die einem annähernd vollkommenen Blackout unterliegt. Das erscheint mir nicht fair, mir selbst gegenüber nicht und auch nicht den Menschen gegenüber, die diese Zeit mit mir erlebt haben. Aber es ist so, diese Situation besteht.
Ich habe über Jahre hinweg keinerlei Interesse verspürt, dies zu ändern. Vielleicht war die Angst vor dem, was mich erwarten könnte, zu groß. Vielleicht dachte ich auch einfach, dass es abgehakt und daher nicht mehr wichtig sei. Doch in diesem Dschungel aus Ausflüchten habe ich vollkommen übersehen, dass gerade diese Lücken, die meine Erinnerung durchpflügen, zu den essentiellsten Dingen gehören, die ich in meinem Leben noch zu füllen habe. Und deswegen habe ich damit begonnen.
Es kostet Kraft und es gilt Ängste zu überwinden. Ich muss mich Dingen stellen, die ich tief in mir vergraben habe. Ich muss mir Fragen stellen, die mich an meine persönliche Schmerzgrenze und manchmal auch darüber hinaus bringen. Und dennoch ist es so unglaublich lohnenswert. Schon aus den ersten Dingen, die ich (endlich) hinterfragt habe, sind Erkenntnisse erwachsen, die etwas Überwältigendes an sich haben. Und eine ganz besondere Erkenntnis ist jene, dass am Ende jeder Fehler, den man macht, zu irgendetwas gut ist.

Ich war nicht ich selbst in dieser Zeit. Ich habe Dinge getan, über die ich heute nur noch ungläubig den Kopf schütteln kann. Ich habe Menschen verletzt, die mir die Welt bedeutet haben. Ich habe mich selbst vollkommen verloren und je mehr ich nach mir suchte, desto schlimmer und aussichtsloser schien es. Ich bin viele Male aufgestanden - und doch irgendwann wieder hingefallen. Aber heute weiß ich, dass all das zu irgendetwas gut war. All diese Erfahrungen, Dummheiten, Idiotien, Fehler, alle Rücksichtslosigkeiten, jede Aktion hart am Limit, jedes kleinste Detail, war dazu gut, heute die zu sein, die ich jetzt bin.
Das heißt nicht, dass ich stolz darauf bin, was ich da teilweise so fabriziert habe. Aber es heißt, dass ich anfangen kann, diese Dinge und damit meine Vergangenheit anzunehmen. Es bedeutet auch, dass die innere Rastlosigkeit und die ewige Suche nach irgendeinem Sinn so langsam einer vollkommen neuen Ruhe weicht. Einer Gewissheit, dass ich nicht einfach nur ein Biest bin, das ohne Rücksicht auf Verluste immer wieder ausbricht und alles um sich herum in Schutt und Asche legt.
Stattdessen weiß ich heute, dass ich einfach lernen musste. Ich musste durch all diese schmerzhaften Momente gehen, um heute zu wissen, wie ich es anders machen kann. Daraus erwächst langsam aber sicher ein Vertrauen in mich selbst, das neu und verwirrend ist, sich aber unglaublich gut anfühlt. Und gemeinsam mit diesem Vertrauen erfüllt mich ein Gefühl von bisher ungekannter Dankbarkeit. Für all die Erfahrung, für jede Erkenntnis. Für die vielen Teile, die sich nach und nach zusammensetzen und mir so langsam zumindest eine Idee davon zu Teil werden lassen, wie das Puzzle im Gesamten aussehen könnte. Ich glaube, so fühlt es sich an, wenn man erwachsen wird.

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