Dienstag, 17. Mai 2016

#25 Intuitiv Essen - Die Waage und ich.

Diesen Beitrag möchte ich einem Elektrogreät widmen. Und zwar einem, das nicht mehr verkörpern könnte, was "Hassliebe" bedeutet. Dieser Beitrag ist ein Abschiedsgruß, liebe Waage.

Schon in meinem ersten Post habe ich deutlich gemacht, was ich vom Wiegen halte: Nix. Und dennoch habe ich das jahrelang zelebriert. Teilweise so immens, das will man sich gar nicht vorstellen. Manchmal habe ich mich 4mal am Tag gewogen um zu sehen, wie die letzte Mahlzeit mein Gewicht verändert hat. Manchmal habe ich wochenlang einen riesen Bogen um besagtes Gerät gemacht, denn ich hatte einfach nur panische Angst vor den Zahlen. Und viel zu oft habe ich an Wiegetagen die Wiegezeit möglichst spät gelegt, vorher aber zwangsweise weder gegessen noch getrunken, denn das könnte ja mein Gewicht beeinflussen.

Ich war abhängig von diesen Zahlen, besessen von der Illusion der Kontrolle. Meine Tage waren scheiße, wenn mein Gewicht "hoch" war und super, wenn es "niedrig" war. Ich war ferngesteuert. Fremdbestimmt. Und, wie gesagt, besessen.

Mit dem intuitiven Essen habe ich aufgehört mich zu wiegen und habe die Waage in den Schrank verbannt mit dem Vorsatz sie zeitnah zu verkaufen. Ich habe mich tatsächlich nicht mehr gewogen - bis vorgestern. Da hatte ich dann folgendes Erlebnis (Repost von Instagram) :

"Du bist nicht mehr mein Feind!
Liebe Waage, so lange habe ich mit dir gekämpft. Über Jahre hinweg hatte ich Angst vor dir und deinen Zahlen. Manchmal ließ ich sie mir mehrmals täglich ausspucken, manchmal habe ich dich wochenlang gemieden - aus Angst. Bis heute.
Seit Dezember habe ich mich nicht mehr gewogen. Heute Morgen tat ich es. Es ging mir schlecht. Ich fühlte mich schwer, träge, unschön. Und ich wollte wissen, was du dazu sagst. Deine Antwort war eindeutig anders als das von mir empfundene und deshalb hat sich mir nun eine Einsicht eröffnet: Man ist immer nur genau so schwer wie man sich fühlt. Deine Zahlen haben keinen Einfluss mehr auf mich. Du bist überflüssig geworden. Nichts kann jemals mehr ins Gewicht fallen als meine Gedanken. An diesen gilt es nun zu arbeiten. Und dich werde ich jetzt wirklich weggeben. Auf dass du einem Anderen dieselbe Einsicht bescheren mögest!"

Ich bin immer noch ein bisschen überwältigt von diesem Erlebnis. Und eben insbesondere von dieser Einsicht. Nichts und niemand außer mir selbst bestimmt, wie schön oder leicht ich bin. Nur einzig und allein meine Gedanken sind es, die meinen Tag gut oder schlecht, mein Spiegelbild schön oder unerträglich machen.
Es ist nicht so, dass das jetzt was komplett Neues wäre. Aber es so hautnah zu spüren, zu erleben - das wird der eine oder andere von euch vielleicht auch kennen. Die Dinge stellen sich eben doch noch mal ganz anders dar, wenn man sie am eigenen Leib erfährt.
Da gibt es jetzt auch plötzlich so unheimlich viel zu tun. Und ich weiß noch gar nicht wo ich anfangen soll. Aber ich freue mich trotzdem schon mal. Einfach so. Neue Brücken.

Gute Nacht <3!

Kommentare:

  1. Danke für den Artikel, er hat mich motiviert nachzudenken.

    Bei mir hat sich beim Lesen Fragen aufgeworfen:

    Was ist intuitives Essen? Essen wir wirklich intuitiv?

    Wenn ich traurig bin, esse ich mehr in der Hoffnung die Innere Leere zu füllen.
    Ich esse häufig nicht, weil ich wirklich hungrig bin sondern weil es eine bestimmte Tageszeit ist.
    Ich esse nicht, bis das Hungergefühl weg ist, sondern bis mein Magen mir durch ein Völle-Gefühl mir mitteilt, dass er am absoluten Limit arbeit und danach einen aufputschenden Kaffee brauche, weil die Verdauung meine ganze Energie benötigt.
    Andersrum esse ich an Tagen, wo ich viel Sport gemacht habe weniger und bin dennoch nicht hungrig.
    Ein ganz normaler Snickers Riegel schmeckt um Welten besser, wenn ich davor zwei Wochen lang keine Süßigkeiten hatte.

    Sich nicht selber mental fertig zu machen ist ein tolle Entscheidung ich gratuliere und applaudiere hierzu. Du hast eine Quelle deiner Selbstkritik ausgemerzt.

    Ich stelle mir nun selbst die Frage: War es die Ursache oder nur ein Symptom? Ich tendiere eher zum letzteren

    Bitte mache weiter so und ich wünsch viel gute Laune




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    1. Ich würde intuitives Essen definieren als ein Essverhalten, das sich nach Hunger und Sättigung richtet und bei dem die Auswahl der Speise sich nach dem Körpergefühl richtet.

      Das, was du beschreibst, würde ich vor allem unter emotionalem Essen verorten, das ist nicht intuitiv. Mein liebstes Buch zum Gesamtthema ist "Intuitiv Abnehmen" (aus dem englischen "intuitive eating", sehr blöd übersetzt). In dem Buch ist das intuitive Essen sehr gut erklärt, es geht um eine Rückkehr zu natürlichem Esseverhalten. Und auch um den Umgang mit emotional geprägtem Essen.
      Grundsätzlich wird übrigens jeder Mensch als intuitiver Esser geboren, wir bekommen es nur aberzogen oder verlernen es eben. Kinder wissen genau, was ihnen gut tut und was nicht, wenn man ihnen die freie Wahl lässt. Manche Menschen schaffen es, sich das intuitive Essen ein Leben lang beizubehalten. Bewundernswert.

      Natürlich ist das mit dem Wiegen nur ein Symptom, ich bin schon immer eine emotionale Esserin gewesen, mal mehr und mal weniger, und weiß, dass die ganze Thematik in meinem Fall sehr stark von psychischen Problemen geprägt ist und ich das Essen und alles drumherum als Ventil genutzt habe.

      Das Wiegen loszulassen ist für mich aber in dem Fall mehr als nur ein Symptom loszuwerden. Ich verabschiede mich damit von der vermeintlichen Kontrolle und damit auch von einem Stück "Halt", das ich mir selbst zusammengebaut habe, auch wenn es mir nicht gut tat.

      Vielen Dank für deinen Kommentar und deine Zeit! <3! Wenn du mehr Fragen hast, immer her damit. Und wie gesagt, das Buch kann ich nur empfehlen. Auch wenn das extrem pathetisch klingt, aber es hat mein Leben verändert.

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  2. Den Kampf habe ich nie so stark geführt. Was die Waage sagte ist mir ebenso latte, wie Unbekannte, Freundesfreunde oder Doktoren, die mein Übergewicht in den ersten Minuten des Kennenlernens thematisierten. Alle paar Jahre packte es mich um mal zu sehen, was die Waage so anzeigt, aber eine Stimmung resultierte selten daraus. Anfangs etwas Wut und Frustration als ich die erste Dreistellige Messung hatte aber sonst uninteressant. Zu meiner sportlichen Lebensphase war das wohl viel öfter und selbst dann sagte man mir ein leichtes Übergewicht nach. Quacksalber eben! Ca 70kg auf 174cm waren für mich völlig normal und als ich trainierte ging das bis 78kg zuwachs durch Muskelmasse. Selbst in einer Kur wollten die mich nach den Ergebnissen der Waage in ein Übergewichtigen-Programm einfügen... solche Spinner. Ich sagte das ist mein ideales Kampfgewicht und Ende der Diskussion. Später als ich nach der Bundeswehrzeit rein aus Frust und Langeweile im Innendienst am Ende meine "Karriere" dort 25kg zugenommen hatte, fühlte ich mich nicht schlecht. Ich lebte damit, versuchte mich lediglich wieder ein wenig zu stabilisieren. Doch jedes mal nach dem ich ein paar Erfolge erzielt hatte, trat ein neuer Stressfaktor in mein Leben und schon waren die Vorsätze dahin. Jedes Mal wenn diese Stressfaktoren weg waren, fiel mir die Disziplin wieder leichter. Leider kann man solche Situationen nur schwer vermeiden und Erkennen muss man sie auch erst einmal. Nun bin ich mein halbes Leben übergewichtig und fühle mich dennoch nicht grundsätzlich schlecht vor allem nicht aufgrund einer Zahl und meines Umfangs. Jeder der sich die Zeit nimmt mich kennenzulernen jenseits von Aussehen, Abstammung und Gewicht wird merken, dass ich durchaus sozialkompatibel sein kann und meistens auch bin. ^^

    Übrigens hab ich Dich von Anfang an immer als sehr warmen und interessierten Menschen wahrgenommen und manch Pfündchen mehr fand ich schon immer sexy an Dir! =)

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    1. Ärzte finde ich da auch immer so schlimm. Wenn man dann geraten kriegt, man solle doch mal ne Diät machen und ein paar Kilos loswerden. Da will man nur brüllen "Meinste ich weiß das nich, du Pfosten?" Als hätte man sein Gewicht nur, weil man keine Lust hat es loszuwerden. *kopfschüttel

      Ich finde es sowieso erschreckend, wie viele negative Aspekte man Menschen mit Übergewicht zuschreibt. So nach dem Motto "faul, null Disziplin, bringts zu nix" und was ich da nich schon alles gehört und gesehen habe. Vorurteile sind so gruselig. Klar, jeder von uns hat sie (nicht nur aufs Gewicht bezogen), ich erwische mich auch oft genug dabei. Aber wenigstens wird es mir mittlerweile oft genug bewusst und ich haue mir dann gedanklich selbst auf die Finger.

      Im Übrigen habe ich gleich von Anfang an gewusst, dass du "sozialkompatibel" und, viel mehr noch, ein toller Mensch bist. ;)

      Und Danke für den Kommentar im Allgemeinen und für das Kompliment im Besonderen. Ich bin doch ein bisschen rot geworden :D

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