Sonntag, 7. Dezember 2014

#7 Verwischte Spuren.

Habt ihr ihn auch? Diesen einen Menschen, der irgendwann ganz heimlich, still und leise, wirklich komplett wortlos aus eurem Leben verschwand?
Dass Menschen aus dem eigenen Leben verschwinden, ist ja keine Seltenheit. Manchmal verabschiedet man sich von selbst, weil es "nicht mehr passt" und manchmal streitet man sich vorher richtig heftig, sodass beide Seiten sich in Wut abwenden. Und manchmal, da verschwindet einer einfach ... ohne Worte.

Ich habe nur einen solchen Menschen. Nur einen, der wirklich von heute auf morgen den Kontakt abbrach und von dem ich nie wieder etwas hörte. Und irgendwie ist diese Ungewissheit noch tausendmal schlimmer als jeder noch so krasse Streit. Schlimmer als zu wissen, wie schlimm es ist oder war, ist nur, gar nichts zu wissen.

Das letzte Mal gesehen haben wir uns am 23.12.2006. Unfassbar, dass das schon acht Jahre her ist und mich immer noch beschäftigt. Aber ich beginne mal etwas weiter vorne. Vielleicht wird dann alles ein bisschen klarer.

Wir kannten uns und kannten uns doch kaum. So wie das eben ist bei Menschen, die man über das Internet kennenlernt. Ich war damals irgendwas um die 15, 16 .. er war zwei Jahre älter als ich. Zwei, drei Jahre lang schrieben wir über ein großes deutsches Forum, wurden dadurch sowas wie beste Freunde. Für Außenstehende waren wir sowas wie Geschwister.
(Jetzt, wo ich das schreibe, wird mir erst klar, wie jung wir eigentlich damals waren und wie lächerlich das alles im Nachhinein für mich wirkt, wenn ich bedenke, wie viel Gefühl ich in die Sache investiert habe. Aber mal weiter im Text.)
Eigentlich war alles toll. Wir verstanden uns so unglaublich gut, eigentlich hätte es nicht besser sein kommen. Und dann kam eine Phase, in der sich plötzlich alle möglichen Leute aus unserem Forum trafen. Also schnappte er sich damals einen Kumpel und tourte mit diesem durch Deutschland ... und so trafen wir uns also das erste mal.
Ich war zu diesem Zeitpunkt zwar in einer Beziehung, doch glücklich war ich eigentlich schon lange nicht mehr. Es war ein ständiges Auf und Ab, durch die Fernbeziehung noch verstärkt. Und vor allem war ich jung. 17 oder 18 zu diesem Zeitpunkt. Sprunghaft. Neugierig. Und genau deshalb verliebte ich mich also in meinen besten Freund. Meinen besten Freund, den ich niemals verlieren wollte. Mit dem ich immer einer Meinung war und der mir so viel bedeutete. Und der 800km von mir entfernt wohnte. Ich beendete meine Beziehung und ließ mich auf eine ziemliche Dummheit ein.

Es ging alles viel zu schnell, ich wollte viel zu viel. Heute sehe ich das genau vor mir, kann dabei eigentlich nur den Kopf schütteln. Wir trafen uns 5 oder 6 mal. Jedes Mal fuhr ich zu ihm, 800km. 9 Stunden Fahrt.  Und so schnell wie es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei. Nach drei Monaten, am 23.12.2006, stieg ich unter Tränen in den Zug und wusste irgendwie schon ein bisschen, dass es das gewesen ist. Er hatte mich nicht geküsst zum Abschied, ich hatte eigentlich den ganzen Tag gespürt, dass er mich nur schnell hatte loswerden wollen. Und dann saß ich da im Zug und heulte. Und hoffte dennoch. Dass er nur einen schlechten Tag gehabt hatte oder dass er vielleicht sauer war wegen irgendwas, das aber wieder vergehen würde.
Zu Silvester bekam ich noch eine Sms. Irgendeinen Standard-Müll mit frohem neuem Jahr und blabla. Danach nichts mehr. Ich schrieb ihn an, rief an, mailte. Nichts. Ich meine mich noch dunkel zu erinnern, dass ich irgendwann eine Mail von ihm bekam, in welcher drinstand, dass ich ihn einfach nur in Frieden lassen solle und dass ich schon wisse, warum. Und genau das ist der Punkt: Ich weiß es bis heute nicht.

Genau deshalb fällt mir dieser Scheißkerl jedes Jahr kurz vor Weihnachten wieder ein und genau deshalb tut es irgendwie immer noch ein bisschen weh, obwohl ich ihm wahrscheinlich sagen würde, dass er sich ins Knie ****** kann, wenn er mir begegnen würde. Ich weiß einfach nicht warum. Es gibt zig Möglichkeiten: Ich wollte zu viel, ich hab geklammert, die Entfernung war zu groß, er hat nie was empfunden, er hat was empfunden aber sich nicht getraut, er hat mich nur benutzt und ich hab mich benutzen lassen, oder oder oder. Vielleicht auch die Tatsache, dass ich kurz nachdem er mich abserviert hatte, meine alte Beziehung wieder aufnahm und versuchte, irgendwie weiterzumachen. Aber was auch immer es war: Ich weiß es nicht. Das macht mich heute noch wütend und traurig. Ich meine ... selbst wenn ein Menschen einem nie was bedeutet hat .. kann man dann nicht die Fairness besitzen und es demjenigen einfach sagen?
Ich weiß, alle meine Freunde haben mir damals auch geraten, ihn einfach zu vergessen und auf diesen Typen zu scheißen, der mich einfach von heute auf morgen wegwarf und es nicht mal für nötig befand, mir zu sagen warum. Aber genau diese Suche nach dem Warum ist es nunmal, die ich nicht loslassen kann.

Warum nun heute dieser Beitrag dazu ... Weil mir dieser Typ heute wieder eingefallen ist. Keine Ahnung, woran es genau lag. Doch eine Sache ist heute anders als in den letzten 8 Jahren: Alle Spuren sind verwischt. Bis vor geraumer Zeit konnt ich sein Profil auf Facebook noch finden. Hatte ich zumindest die Möglichkeit offen, eine Mail zu schreiben, auch wenn ich sie zuletzt nicht mehr nutzte. Und jetzt sind alle Spuren verwischt. Keine Kontaktmöglichkeit mehr.
Wahrscheinlich gibt es noch Leute von damals, die noch Kontakt zu ihm haben, aber diese Umwege will ich nicht mehr gehen. Acht Jahre sollten doch irgendwie reichen.
Und dennoch würde ich ihm so gerne noch einmal wiederbegegnen, diesem Typen. Um noch einmal 18 zu sein und all das zu sagen und zu tun, was ich damals gerne getan hätte. Um ihm einfach nur ins Gesicht zu schreien, was für ein Arsch er ist und wie es sein kann, dass ich heute noch jedes Jahr um die Weihnachtszeit an ihn denken muss. Und dass ich ihm irgendwie dennoch verzeihe, weil ich mich immer noch erinnern kann, wie viel er mir bedeutet hat und wie schön die Zeit mit ihm war.

Wenn ihr irgendwann einen Menschen aus eurem Leben verbannt, dann seid bitte so fair und sagt demjenigen, warum. Es gibt echt wenig Beschisseneres, als sich immer und immer wieder zu fragen, was man nun eigentlich falsch gemacht hat oder wie man es hätte wieder gut machen können.

Damit schließe ich die Erinnerungskiste. Bis irgendwann nächstes Jahr dann, so um Weihnachten rum.

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