Dienstag, 4. November 2014

#6 Seiltänzertraum.

Kennst du den Seiltänzertraum?
Ich stürz' ab, doch ich lebe noch.
Dein Netz fängt mich auf.
- Pur.


Es ist ein Drahtseilakt. Ich balanciere auf diesem Seil, hoch über den Wolken. Einen Fuß vor den anderen. Aber obwohl ich es besser wissen sollte, mache ich immer wieder denselben Fehler: Ich schaue nach unten.

Falle ich nach links, dann werde ich wieder distanziert, egoistisch, verschlossen.
Falle ich nach rechts, begebe ich mich zurück in Abhängigkeit.

Ein Schrittchen zu viel und ich könnte also fallen. Und es kann immer noch gut ausgehen, aber ich weiß es eben nicht. Ungewissheit ist mein Unwort des Jahres 2014.

Ich wurde letzte Woche überrascht von einer Welle von Gefühlen, die mich vollkommen unvorbereitet überrollte. Nach monatelangem Herumtragen zig beschissener Gedanken tat ich es also einfach: Ich sprach es aus. Ich hab ihm alles gesagt, was mir gerade durch den Kopf ging. Sorgen, Ängste, Zweifel, Hoffnungen. Und danach war ich ein paar Tage lang sowas wie high. Plötzlich war diese Angst weg, die ständig das Gefühl unterdrückt. Plötzlich war Platz da. Plötzlich war es, als hätte ich mich in exakt diesem Moment nochmal neu verliebt.
Und dann kommen die Ängste. Jedes Mal, wenn ich in so einem Hoch bin, dauert es nicht lange und die altbekannten Freunde melden sich zurück. "Du rennst da in was rein, Frau. Wenn du so weitermachst, wirst du nächste Woche schon soweit sein, dass du am liebsten deinen Job für ihn schmeißen würdest und in zwei Wochen wirst du denken, dass du ohne ihn nicht mehr leben kannst.", sagt einer der Begleiter auf meiner Schulter. Ich könnte nach rechts kippen.
Dazu darf es nicht kommen. Also drehe ich gedanklich um. Ziehe die Notbremse und lege den Rückwärtsgang ein. Und steuere mit Vollgas darauf zu, mich emotional wieder herauszuziehen aus dieser Beziehung. Und dabei wissen mittlerweile wahrscheinlich alle, die hier hin und wieder mitlesen, dass das noch viel weniger zu mir passt. Nein, nach links kippen ist auch keine Option.

In meinem Kopf geht es hin und her, ich fühle mich wie bei einem PingPong-Spiel. Meistens lehne ich mich weiter nach rechts, denn irgendwie fühlt sich das immer noch besser an. Aber die Seite ist egal, die Folgen könnten die gleichen sein.

Und deshalb balanciere ich weiter. 

Vielleicht kommt der Tag, an dem ich mich irgendwie sicher fühle auf diesem Seil. Und vielleicht mache ich irgendwann einen falschen Schritt und stürze. Das einzig Gute an dieser Geschichte ist, dass ich weiß, dass da tatsächlich irgendwo ein Netz ist. Ich hoffe nur, ich springe dann nicht daneben.

Kommentare:

  1. Hallo liebe SummerRain,
    ich finde deinen schriebweise schön, mach bitte weiter. Bis jetzt hat mich jeder deiner Titel sehr inspiriert auch mal in meinem Leben zu schauen. Ich denke das du das schaffen wirst mit deinem Partner, jeder muss halt seine Kompromisse machen in einer Beziehung. Bei meinem Freund und mir ist es so, dass wenn es nicht mehr geht, geht jeder seiner Wege. Wenn er dich liebt, wird er es verstehen, ich wünsche euch beiden alles gute. Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft - vielmehr aus unbeugsamen Willen.
    Mahatma Gandhi

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    1. Liebe/r anonyme/e Schreiber/in ;)
      Bitte verzeih mir, dass ich nicht geantwortet habe. Ich hatte es vor, aber es kam was dazwischen und dann habe ich nicht mehr dran gedacht :/ 17 Monate später ... besser spät als nie :D
      Ich wollte dir sehr danken für deine Worte. Wir sind auch heute noch zusammen. Und glücklich. Natürlich haben wir Höhen und Tiefen und die Fernbeziehung macht es auch nicht immer einfach, aber wir kriegen das hin. Weil wir es wollen! <3!
      Ich hoffe, es geht dir gut!
      Liebste Grüße!

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