Montag, 29. September 2014

#3 Liebe als Religionsersatz.

Auf die Idee brachte mich die Frankfurter Allgemeine, die heute "Egoistische Zweisamkeit: Ersatzreligion Liebe" titelte. Ich habe den Artikel nicht zu Ende gelesen, irgendwie passte er nicht zu mir. Stattdessen machte ich mir meine eigenen Gedanken über Liebe und Beziehungen, auch angeregt durch eine meiner Facebook-Freundinnen, die heute ein Video "Sam Smith - Stay with me" verlinkte. Diese Kombination löste irgendwas aus, jetzt schreibe ich also.

Abhängigkeit in Beziehungen tötet Beziehungen ziemlich zuverlässig. Eigentlich ging bisher jede meiner Beziehungen genau aus diesem Grund in die Brüche: "Ich kann nicht ohne dich leben!" Der eine oder andere mag es romantisch nennen, ich nenne es eine Lüge. Eine, die man so intensiv leben kann wie kaum etwas anderes.

"Stay with me, because you're all I need!"

Ist das so? Ist dieser zweite Mensch im Leben eines jeden "alles was man braucht"? Ich sage nein. Jeder kann alleine und manchmal gibt es Momente oder Zeiten, da muss man alleine. Und jeder, wirklich jeder, kann das schaffen. Warum also ketten wir uns so sehr an andere Menschen, warum legen wir unser Glück, dass doch im besten Fall wir selbst und nur wir in der Hand haben sollten, in die Hände einer einzelnen Person? Warum sorgen wir dafür, dass ein anderer nun nicht nur sein eigenes Päckchen, sondern auch gleich unser eigenes mittragen soll?

"Geben und Nehmen"

Ist das so? Sind Beziehungen wirklich "Geben und Nehmen"? Oder neigen wir manchmal oder immer dazu, nur zu geben oder nur zu nehmen?
Ich habe lange Zeit nur genommen. Ich dachte immer, ich gebe, aber eigentlich nahm ich nur. Ich ließ meine Partner allein mit meinem Päckchen und ihrem. Und warum? "Ich kann nicht ohne dich leben!" Ich habe es geglaubt. Ich habe mich definiert über den Menschen an meiner Seite und nicht über mich selbst. Und ich habe gedacht, dass ich ohne denjenigen nichts wert sei. Dass ich alleine verloren bin. Einmal wurde es dem Mann an meiner Seite zu viel, in allen anderen Fällen löste ich die Beziehung. Warum? Darüber grüble ich heute manchmal noch. Weil ich nicht damit umgehen konnte, dass ich nichts geben konnte, z.B. Oder weil ich das Gefühl hatte, dass der Mann an meiner Seite gar nicht mehr der Mensch war, den ich kennengelernt hatte, denn er hatte sich meinetwegen zu sehr verbogen. Abhängigkeit tötet Beziehungen.

Irgendwann habe ich angefangen, die Dinge so zu sehen. Ich weiß, dass es für den einen oder anderen scheußlich klingt, denn wenn man meine Worte so liest, kriegt man das Gefühl, dass romantische Liebe für mich gar nicht existieren kann. Und irgendwie stimmt das auch. Ich bin nicht so der Schatzi-Hasi-Schnucki-Typ. Ich habs nicht so mit Rosen und Teelichtern. Und ich bin verflucht vorsichtig mit Aussagen wie "für immer" oder eben "ich brauche dich". Genauso kämpfe ich auch mit den berüchtigten drei Worten "Ich liebe dich". Warum sagt man das nur dieser einen Person, die einen am besten das ganze Leben lang begleiten soll? Warum kriegen alle anderen nur ein "Hab dich lieb"? Ist Liebe exklusiv? Darf ich nicht mehrere Menschen lieben, vielleicht sogar so beziehungsmäßig? Geht das überhaupt? So viele Fragen ...

Und warum schreibe ich das überhaupt? Weil ich Zweifel habe. An alledem. Ich habe also mein Bild von menschlichen Liebesbeziehungen gründlich überarbeitet und übrig bleibt ... nicht viel. Ähnlich einer nackten Wand, von der man die alte, verstaubte Tapete heruntergerissen hat, und die man jetzt gerne neu anmalen würde ... nur ... in welcher Farbe? Mit Muster oder ohne? Raufaser ja oder nein? Was soll es sein?

Und vielleicht kennt das der eine oder andere, der irgendwann in seinem Leben mal ein Zimmer renoviert hat und, als er dann vor der nackten Wand stand, plötzlich die alte Tapete, die gewohnten Farben vermisste.

Manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der ich "ohne ihn nicht leben konnte", in der der Mann an meiner Seite "alles war, was ich brauchte". In der ich aus Liebeskummer stundenlang heulen konnte und in der ich alles um mich herum vergaß, wenn "er" nur bei mir war. Manchmal wünsche ich mir doch fast, ich könnte in mein altes, gewohntes Muster zurückfallen .. weil Gewohnheit sowas wie Sicherheit bedeutet.
Aber wenn ich so genauer drüber nachdenke, war die alte Tapete doch etwas fleckig und modrig und irgendwie ... nicht so meins. Und deshalb gehe ich jetzt los und suche mir eine neue aus. Vielleicht lasse ich euch wissen, welche es geworden ist.

Einen schönen Abend euch allen.

Kommentare:

  1. Glück
    Nur Du selbst kannst Dich glücklich machen. Die Person an Deiner Seite kann Dein Glück verbessern - aber sie kann es niemals sein. Und das ist auch nicht ihre Aufgabe. Man darf sich mal brauchen, mal vor Liebe vergehen. Aber das darf nicht alles sein, woran das Glück und das Leben hängt. Denn alles endet irgendwann, sei es die Beziehung oder das Leben des Partners. Es ging vorher ohne ihn, und es wird auch danach ohne ihn gehen. Das kann, das darf traurig sein, und wehtun. Aber es darf nicht Dein Leben daran hängen.

    Liebe
    Ich war früher sehr vorsichtig mit den drei Worten, denn ich wusste oft nicht, ob sie stimmen würden. Dann irgendwann wusste ich es doch. Und in erster Linie stimmten sie damals nicht. Später stimmten sie mal, aber nur für kurze Zeit. Ich mochte immer den Gedanken, dass Liebe ist wie ein Schmetterling. Sie kommt und geht, aber wenn Du sie greifen und festhalten willst, machst Du sie kaputt.
    Und manchmal fliegt sie einfach von selbst wieder los. Ich weiß heute was ich tue wenn ich sage "Ich liebe Dich", und ich meine es, wenn ich es sage. Und das beschränkt sich nicht auf eine Person, nein. Ich liebe Freundinnen, Familienmitglieder und meinen Piraten; ich liebe meine Laus. Ich liebe wen ich will. Nein, das stimmt nicht ganz. Ich liebe wen ich liebe. Und da redet mir keiner rein.
    Mein liebster Spruch zu diesem Thema lautete immer: "Love doesn't know any borders, not of nation, nor race, nor gender, and least of all, the borders of relationships"

    Ich wünsche Dir viel Spaß beim Streichen.

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  2. Ich empfehle dir folgendes Video:
    http://www.arte.tv/guide/de/047168-006/philosophie?autoplay=1

    Das ist etwa eine halbe Stunde Zeit, die es lohnt zu investieren.
    Es beschäftigt sich sehr stark mit dem Thema Glück durch warten und erwarten.

    Liebe ist definitiv nicht exklusiv.
    Das weiß ich aus Erfahrung.
    Und es ist nie einfach.
    Es gibt viele, die damit nicht zurecht kommen und auch, wenn sie sagen, dass es ihnen egal oder für sie in Ordnung sei und im Endeffekt sind sie doch oft eifersüchtig; auch dann, wenn es nichts körperliches ist.

    Sei ehrlich zu dir selbst und gestehe dir deine Gefühle ein, behalte aber auch im Hinterkopf, dass jeder jederzeit seine Meinung und seine Gefühle sich verändern können.
    Menschen ändern sich nun mal.
    Damit muss man leben.

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