Freitag, 5. April 2019

#79 Sinneswandel.

"Faszinierend, dass bei dir eigentlich alles seine eigene kleine oder größere Bedeutung hat", schrieb mir eine liebe Freundin kürzlich. Und tatsächlich hat sie damit recht, ich finde es selbst faszinierend. Wenn ich den Sinn einer Handlung nicht schon definiert habe, bevor ich sie begehe, dann habe ich spätestens im Nachhinein eine Bedeutung, die ich ihr beimessen kann. Zu vielen Gegenständen in meinem Besitz kann ich irgendeine kleine oder größere Geschichte erzählen, die etwas mit mir und meiner Entwicklung zu tun hat. Das war aber nicht immer so.

Die Sinnhaftigkeit als Konstante hat sich erst in den letzten drei Jahren in mein Leben geschlichen, zeitgleich mit dem Wunsch danach, bewusster zu leben. Für mich sind diese beiden Dinge fast untrennbar miteinander verbunden. Wenn ich eine bewusste Entscheidung treffen möchte, frage ich noch im gleichen Atemzug nach dem Sinn dahinter. Danach, was mir das gibt, wo es mich hinbringt, oder ob ichs auch einfach sein lassen kann. 
Begonnen hat das wohl mit meiner Abkehr von Diäten, hin zu einem mehr oder minder gesunden, aber in jedem Fall intuitiven Essverhalten. Und dann rollte diese Welle von Bewusstheit und Sinnhaftigkeit durch meine Lebensbereiche und nahm alles mit, was nicht rechtzeitig auf den Bäumen war - mein Selbstbild, das Thema (hormonelle) Verhütung, Sexualität im Allgemeinen, Alkoholkonsum, Rauchen, Konsum im allgemeinen, mein grünes Gewissen, meine Hobbies, die Menschen, mit denen ich mich umgebe, den Füllstand meiner Wohnung, meine Einstellung zu Geld, meine Einstellung zu Ehe, Kindern, Haus und Hund, und nun, zuletzt, auch die Frage nach meinem Job.

Allen Anteilen meines Lebens einen Sinn zu verleihen hat fast etwas Berauschendes, es verwurzelt mich mit mir selbst und meinen Werten. Eine Tätigkeit zu Ende zu bringen fühlt sich noch viel großartiger an, wenn ich selbst definiert habe, wofür ich tue was ich tue. Und es bewahrt mich vor dem Drift. Davor, mich irgendwann fragen zu müssen, wie ich eigentlich hierher gekommen bin. Denn ein ganzes Stück weit habe ich diesen Drift schon erlebt und wenn ich ehrlich bin, brauche ich keine Wiederholung dessen.

Es ist fast ein bisschen ironisch, dass Sinnhaftigkeit offensichtlich von selbst zu meinem wichtigsten Wert wurde - so ganz unbewusst. Ich sehe es mir nach, immerhin hat sich mein Leben dadurch wesentlich verbessert. Früher habe ich sehr viel Zeit damit zugebracht, einfach irgendwelche Dinge zu tun. Oft war ich dabei von Emotionen geleitet, oft auch von alten Glaubenssätzen oder den Einstellungen anderer Menschen, die ich als wichtig erachtete. (Um ein Beispiel zu nennen: Mein Musikgeschmack wechselte mit jedem neuen Partner vollständig.) Zwischen alledem glich mein Leben eher einer Wolke aus Input ohne Kompass von innen.
Die Frage nach Sinn hat mich schließlich dazu gezwungen, mich selbst zu definieren - meine Ideale, meine Ziele, meine Grenzen. Denn wie will ich einem Sinn nachgehen, wenn ich nicht einmal weiß wer ich bin oder was ich vom Leben will?

Ganz ohne Komplikationen ist dieser Wert natürlich auch nicht. Übertreiben hat immer Nachteile, so auch hier. Die Suche nach Sinn lädt sehr zur Selbstoptimierung ein. Dazu, stetig nur ein Ziel zu verfolgen und nie locker zu lassen. Entspannen und nichts tun, welchen Sinn hat das nun?
Ich weiß hierbei wovon ich spreche, denn tatsächlich fällt es mir häufig schwer, einfach mal nichts zu tun oder die tiefgründigen Gedanken mal sein zu lassen und mich mit etwas Leichtem zu befassen. Das zu verändern ist eines der Dinge, die gerade viel Stellenwert in meinem Leben einnehmen und mich daher auch zu diesem Beitrag inspiriert haben. Und dann ist da noch eine weitere Sache ...

Mein thematisches Steckenpferd "Paarbeziehungen" kommt ja nicht von irgendwoher. Die zerbrochene Beziehung meiner Eltern mit all ihren Folgen hat für mich dazu geführt, dass funktionierende Paarbeziehungen und ihre Entwicklung für mich zu einer großen Faszination wurden. Ich liebe dieses Thema, ich kann den Input dazu ewig aufsaugen und stundenlang darüber sprechen. Meine Freund*innen werden hier vermutlich milde lächeln, die Erfahrungswerte dürften vorhanden sein.
Doch neben dieser großen Faszination, quasi schon Leidenschaft, für die Thematik hat sich da auch noch etwas anderes in meinem Herzen niedergelassen: Es besser machen zu wollen als meine Eltern.
Ich wollte das mein Leben lang so sehr, dass ich mir (und meinem Partner) keine Auszeit von meinem beziehungstechnischen Hustle gönnen konnte. Noch ein Gespräch, noch ein Streit, noch mehr Zeit miteinander. Noch mehr "Verlass mich nicht!" Noch mehr "Du musst aber wollen, wenn du mich liebst!" Immer noch mehr, immer noch enger, es immer noch sicherer machen: "Willkommen im Fort Knox der Beziehungen! Ist sicher hier, das bisschen Freiheitsverlust kannste schon verschmerzen." Ich sperrte uns beide ein, ordnete alles meinem großen Ziel unter und übersah dabei, dass ich auch einfach mein eigenes Leben leben könnte. Wenn ich zu sehr verletzt zu werden drohte, brach ich meine Zelte ab und zog weiter. Rastlos, auf eine ganz verquere Art und Weise. Nächster Mann, nächster Versuch. Jetzt aber richtig. Alles for the greater good. Ich werde es besser machen.
Und so wurde eine funktionierende Paarbeziehung irgendwie zu meinem größten Ziel, zum Sinn meines Lebens. Und im gleichen Atemzug auch zum heiligen Gral, dem ich bis zuletzt mit Scheuklappen nachlief.

Und, was mache ich jetzt mit dieser Erkenntnis? Gute Frage. Da ich kein Guru bin, der hier seine Weisheiten in die Welt sendet, gibt es an dieser Stelle keine Lösung. Nur eine Betrachtung des Problems und eine Idee davon, wie es weitergehen könnte. Anstatt mein Leben völlig an meiner Beziehung auszurichten, will ich meine anderen Werte betrachten, sie stärken und Zeit und Kraft investieren, um meinem Leben endlich Themenvielfalt bieten zu können und dadurch auch meinen Partner zu entlasten, der dann nicht mehr dafür verantwortlich ist, gemäß meines aus den Umständen entstandenen Lebensziels zu funktionieren. Ich will nicht mehr besessen sein, sondern fasziniert. Ich will mir selbst mehr bieten können als ein Festhalten an nur einer Thematik, denn da schlummert noch so viel mehr in mir.

All das hat in den letzten Wochen und Monaten in mir gebrütet und nun, da ich diese Worte hinaus in die Welt entlasse, kann ich zum ersten Mal so richtig die Lust nach neuen Erfahrungen, nach Abenteuer und nach Veränderung nicht nur fühlen - ich kann sie auch genießen. Denn erst jetzt, mit dieser Erkenntnis und mit meinen neuen Plänen, mit der bewussten Übernahme und Veränderung dieses letzten großen Bereiches meines Lebens, ist ein Gefühl geboren worden, das schon so lange in der Pipeline gewartet hat. Mein Gefühl von Identität. Es ist noch ganz klein und fremd in dieser Welt, aber ich werde es hegen und pflegen und wachsen lassen, denn ich weiß um seine Bedeutung, spüre sie in allen Zellen. Und deswegen heiße ich es mit offenen Armen Willkommen auf der Welt. Kein Fort Knox könnte mir so viel Sicherheit geben wie es dieses Gefühl zu tun vermag.

Mittwoch, 13. Februar 2019

#78 Was gehen darf.

Szene 1: Du erzählst von damals. Von all den Dingen, die du so gemacht und für die du dich eingesetzt hast. Von den Projekten, von deinen Hobbies, von ehrenamtlichem Engagement. Davon, wie ihr gefeiert habt und wie viele Menschen du kanntest und um dich hattest. Davon, wie du nachts durch die Stadt gestreift bist und dich einfach frei gefühlt hast.

Szene 2: Wir tanzen. Zu dieser Musik auf diesem Konzert dieser Band, die dich schon lange begleitet. Neben uns tanzen Freunde von dir, die langsam auch meine Freunde werden. Wir alle lachen, bewegen uns im Takt, singen mit. Und während wir singen, weiß ich, dass für euch in diesen Liedern nicht nur die Geschichten liegen, die in den Worten selbst verborgen sind, sondern auch eure gemeinsamen.

Ich liebe diese Momente mit dir. Ich liebe den Menschen, der du bist. Ich kann mich verlieren in ihnen und dir. Und doch wecken sie einen alten Schmerz, den zu wecken du sicherlich nie beabsichtigt hast.



Letztes Jahr bin ich 30 geworden. 30 Jahre wandele ich nun auf diesem Planeten mit all seinen Schönheiten. Ich habe viel gesehen und viel gelernt, habe eine großes Repertoire an Erfahrungen, insbesonderer emotionaler Art, vorzuweisen und zugleich habe ich jetzt, nach über 30 Jahren, zum ersten mal wirklich ein Gefühl davon bekommen, wie sich ein leichtes Leben anfühlen kann. In den letzten zwei Wochen ging es mir nämlich tatsächlich einfach viel besser. Ich konnte lachen, ohne dabei stetig fiese Gedanken verdrängen zu müssen, ich konnte genießen und sein, einfach so. Ohne dieses Gefühl, dass da doch immer schon gleich wieder das Unglück lauert. Zeitweise, zumindest, habe ich einen Einblick in das bekommen, was für andere Menschen offensichtlich das ist, was man ein "normales Leben" nennt. Eine unfassbar kostbare und schöne Erfahrung. Nur kam sie leider nicht alleine. Sie brachte eine Bitterkeit mit sich, die ich bis dahin auch noch nicht gekannt habe - alles hat eben seine zwei Seiten.

Diese neue Bitterkeit, mit der ich mich hier und heute auseinandersetzen möchte, lässt sich wahrscheinlich am besten mit den folgenden Worten beschreiben: "SO hätte das sein können? SO hätte es sich anfühlen können, all die Jahre lang? Wie verschwendet waren diese 30 Jahre dann bitte?"
Da stehen sie, die Worte. Da gehen sie, die Jahre. Und wenn ich zurückblicke, dann ist da viel Dankbarkeit und viel Schönes, aber vor allem ist da gerade so unfassbar viel Wut. Wut, die mich in heißem Rot einfach überschwemmt. Aber auch Wut in altem, staubigem Grau, die schon so lange irgendwo in einer Ecke gewartet hat auf diesen Tag, an dem ich sie endlich ansehe.
Wut darauf, dass ich als Teenager mit 15 ein Jahr lang fast eingegangen bin vor Liebeskummer, aber niemand mir WIRKLICH half. Dass diese Trennungserfahrung, die ein Kinheitstrauma wieder an die Oberfläche holte, abgetan wurde damit, dass "die Zeit ja alle Wunden heile" und dass "das erste Mal immer schlimm sei." Darauf, dass es kein sinnvolles System gibt, das Menschen mit psychischen Erkrankungen begleitet und ihnen hilft, einen guten Weg für sich zu finden, stattdessen Stigmata und sterile Flure. Wut darauf, dass meine Berufswünsche als Kind und Jugendliche häufig nur mit Kritik beantwortet wurden ("Tierärztin? Dir sollte aber schon klar sein, dass du dann auch Tiere einschläfern musst!" ... "Soziale Arbeit? Da findest du doch keinen Job und verdienst nix!" ... "Mach doch was Solides!") bzw. dass die Kritik geäußert wurde, ohne dass die Redner bedacht hätten, wie sehr sich all das in Kopf und Herz eines ängstlichen Menschen festsetzt. Ich bin so wütend darüber, wie viel Angst mir gemacht wurde, ohne dass das jemand ernsthaft erkannt hätte.* Und all das hat dazu geführt, dass ich heute 30 Jahre alt bin und die einzige Ausbildung, die ich fertig gemacht habe, ist eine für einen Job, den ich eigentlich nicht mal mag. Oder von dem ich zumindest nicht mehr weiß ob ich ihn mögen kann. Ich hatte keine Studienzeit, die ich hätte genießen können. Keine ausgelassenen Studentenpartys, keine (Herzens-)Projekte, kein ehrenamtliches Engagement. Ich habe nichts Tolles oder Spannendes im Lebenslauf, bis auf Versuche und Abbrüche und Lücken, die ich vielleicht noch als wertvolle Selbsterfahrung verkaufen könnte.
Stattdessen hatte ich Angst. Angst und das Gefühl, funktionieren zu müssen. Ich bin so wütend, weil ich heute hier sitze, 30 Jahre alt bin und ich meine 20er an die Angst, die Depression und die Ansichten anderer Leute verloren habe. Ich habe mich verformt und verbogen unter all den Worten dieser Menschen, weil ich einfach nur das Gefühl haben wollte, gut genug und mir meiner Sache sicher sein zu können. Heute weiß ich, dass es sich bei dem Wunsch nach Sicherheit um eine Utopie handelt. Ich bin einem Ideal hinterhergerannt, das völlig unrealistisch ist und habe das Gefühl, dabei das verschenkt zu haben, was in meinen Augen am kostbarsten ist: Zeit. Zeit, die ich nicht zurückholen kann.

All diese Erlebnisse sitzen in meinem Körper fest, denn ich habe sie dort über Jahre hinweg zurückgehalten. Jedes Mal, wenn sich Stress, Wut, Frustration und Enttäuschung melden, kämpfe ich mit Schmerzen in Schulter und Schlüsselbein auf der rechten Seite. Mein persönliches Warnsignal, as in den letzten Jahren leider zum Dauerbegleiter geworden ist. Manchmal frage ich mich, ob mein Schlüsselbein irgendwann vielleicht einfach brechen wird - zerborsten unter dem Gewicht verschwendeter Jahre, die wie ein Amboss auf meiner Schulter liegen. Zu pathetisch? Sagt das mal meinem Schmerz.


Und hier nun der Punkt, an dem es wesentlich wird: Ich will all das loslassen. Diese Wut, diesen Frust, diese Bitterkeit. Und damit irgendwann, hoffentlich, auch den Schmerz. Ich gebe mir Zeit um zu trauern, um all das da sein zu lassen, um es bewusst zu erleben. Aber dann darf es auch gehen. Denn es wäre genauso Zeitverschwendung, an diesen Dingen weiter festzuhalten. Ich kann meine Vergangenheit nicht ändern. Ich kann meinem 20jährigen Ich leider nicht das geben, was sie verdient gehabt hätte. Aber jetzt und heute kann ich mir das geben. Es ist nicht zu spät für Projekte, für Herzensangelegenheiten, für ehrenamtliches Engagement. Es ist nicht mal zu spät für ein Studium, auch wenn das Feeling vermutlich dennoch etwas anders wäre. Ich muss vielleicht auf meine Kraft achten und auch auf meine Zeit, aber wenn ich diese alten Dinge gehen lasse, habe ich mehr davon, um mich auf Neues zu konzentrieren. Und falls irgendwo doch noch Reste dieser alten Emotionen übrig bleiben, will ich sie stattdessen als Antrieb nutzen. Um Dinge zu verändern. Für mich, aber vielleicht auch für andere Menschen. Vielleicht ja für solche wie mich damals, als Teenager.
In diesem Sinne verabschiede ich mich. Von meinen 20ern, von dem Frust und der Bitterkeit, und vor allem davon, den Ansichten anderer Menschen so viel Gewicht zu geben in meinem Leben. Adieu. Byebye. Schönes Leben noch. Ich kann gut ohne euch, das weiß ich jetzt schon.




Dieser Post entstand im Rahmen der Februar-Aufgabe (Abschied nehmen - Wovon musst du loslassen, wenn du ganz für dich einstehst?) der #zweitausendmeinzehnchallenge, angeregt durch Kea von Garnier auf Instagram.


* Weil mir das irgendwie doch ein großes Anliegen ist: Passt einfach auf, was ihr zu Leuten sagt. Egal ob Kind oder Erwachsener - wenn jemand euch von seinen Träumen erzählt, dann würdigt das und stellt sinnvolle und zielführende Fragen. Sowas wie "Dir ist aber schon klar dass ..." oder "Du hast aber schon bedacht, dass..." bedeutet in so einem Kontext nämlich vor allem: "Ich zweifle daran, dass du alles bedacht hast." und "Na, ob das so das Richtige für dich ist...?" Und das ist ätzend. Anstatt immer nur von sich selbst und dem eigenen inneren Kritiker auszugehen, ist jedem Menschen um euch rum und auch euch selbst echt mehr geholfen, wenn ihr eine unterstützende Position einnehmt, die der Person klar macht, dass ihr ihr Anliegen ernst nehmt und das Beste für sie wollte. Und wenn ihr das nicht könnt, dürft ihr auch, ganz echt und ehrlich, den Mund halten. Dieses ewige unterschwellige Herumkritisieren hat noch nie jemandem gedient, echt nicht.

Sonntag, 30. Dezember 2018

#77 Das Jahr des Hinschauens.


2018 war ein krasses Jahr, in eigentlich jeder Hinsicht. Ein Jahr der Intensität. Ein Jahr des Hinschauens. DAS Jahr des Hinschauens. Ich glaube, diesmal lohnt sich der Rückblick erst recht.

Das Jahr begann mit einer wirklich fiesen Episode. Mir ging es ungefähr so mies, wie der Winter dunkel war. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich an die erste Jahreshälfte nur noch schemenhaft erinnern. Ich war so getrieben von meinen Ängsten, so versessen darauf, zu funktionieren und zugleich so traurig und erschöpft, dass diese Zeit für mich nur noch eine graue Wolke ist, aus der hier und da eine nette Kleinigkeit herausragt.
Ich weiß, dass das dieser Zeit nicht gerecht wird. Immerhin hatte ich da schon meine ersten großen Mutausbrüche, habe zwischen all den körperlichen Symptomen immer noch gearbeitet, mich auch da schon unbequemen Situationen mit diversen Menschen gestellt und sehr viel Power bewiesen. Dennoch überwiegt das Grau. Aber das ist okay, ich kann damit umgehen.

Nach dem Beginn meiner Krankschreibung im Mai dauerte es fast zwei Monate, bis die Farben zumindest ganz langsam mit ihrer Rückkehr begannen. Anfang Juli heirateten gute Freunde von uns und ich tanzte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder so richtig mit Leib und Seele. Ende Juli kam das Drachenfest - im Vorfeld eine echte Herausforderung, schlussendlich aber eine wahre Bereicherung. Irgendwie der Grundstein für eine nochmal ganz neu gewonnene Liebe zum Larp, vor allem aber auch zur unglaublich herzlichen Larp-Community. (Da ich weiß, dass einige von euch hier lesen: Ich liebe euch! Ihr habt mich so wachsen lassen auf den Cons, die ich dieses Jahr besucht habe. Tausend Dank dafür!)

In Berlin im August, aber auch zu vielen anderen, kleinen folgenden Gelegenheiten, hatte ich Erlebnisse, die ich im Nachhinein als "mein Moment" beschreiben würde und die mir eigentlich klar vor Augen führten was ich zuvor schon wusste, aber doch immer wieder beiseite schob: Ich bin eine Problemlöserin, eine Beraterin, eine Vertrauensperson. Ich kann Menschen berühren, ihnen neue Wege aufzeigen, sie groß machen, ihre Perspektive verändern. Nicht nur so ein bisschen, nicht nur privat. Es gibt kaum etwas im Leben, das mich so erfüllt wie es das Lösen (zwischen)menschlicher Probleme, das Führen tiefgehender Gespräche und das Aufbauen jener, die sich für klein halten, könnten.
Sprich: Ich bin sowas von falsch in meinem Job. Auf dieser Position löse ich gar nichts, höchstens mich selbst früher oder später auf. Daher steht für mich in 2019 definitiv eine berufliche Veränderung an. Wie genau die aussehen wird, weiß ich noch nicht. Klar ist aber, dass ich nebenberuflich eine Ausbildung machen will, die mir entspricht: Coaching, Beratung, Mediation. Ich kann gar nicht genug über die Themen lesen, so viel Bock hab ich darauf. All das dann gerne ohne dabei zu spirituell zu werden, wie es gerade Trend in der Szene ist. Coaching ohne Bullshit. (Falls du das liest, Lara ... du darfst lachen <3) Wo das dann schlussendlich hinführt ... das wird wohl eins meiner großen Abenteuer der nächsten Jahre werden.

Anfang September krachte es in unserer Beziehung ordentlich, nachdem wir mehrere Monate in Anspannung (meine Krankschreibung und meine emotionalen Wellen, seine Masterarbeit, sein Arbeitsbeginn, unausgesprochene Bedürfnisse und Erwartungen) gelebt hatten. Daraus entwickelte sich mit den wöchentlichen Zwiegesprächen, die wir nun führen, eine ganze neue Kommunikationskultur zwischen uns, die wir immer wieder gemeinsam weiterentwickeln und verfeinern. Aber vor allem entstand dadurch auch eine Nähe, die ich so noch nie erlebt habe. Die Offenheit und Ehrlichkeit, die wir beide immer wieder einbringen, geben uns die Möglichkeit, mehr Verständnis füreinander zu entwickeln. Ein Resultat dessen ist es, dass es zwischen uns aktuell eigentlich keine Neins mehr gibt. Wir haben nicht nur gemeinsame Ideen für die Zukunft gesponnen, wir haben auch unsere persönlichen Wünsche alle aufs Tablett gelegt, keinen davon ausgesondert, sondern ihnen allen die Möglichkeit eingeräumt, mit der Zeit Realität zu werden - wenn es zu uns und unserem Leben passt. Und irgendwie klingt diese Betrachtung ein bisschen pragmatisch, aber zugleich bin ich davon überzeugt, dass es das ist, was ich mir immer gewünscht habe, wenn ich an Liebe dachte. Die Gewissheit, dass deine Wünsche auch wirklich deine Wünsche sind, weil du sie mit Hilfe deiner Herzensmenschen hinterfragt hast. Und dann zu wissen, dass deine Wünsche gesehen werden und dass sie okay sind. Dass sie nicht "raus" sind auf Grund irgendwelcher Vorbehalte, sondern eine Chance im gemeinsamen Leben erhalten. All dies bewusst zu tun. Und aus alledem ein Wir zu formen. So sind wir jetzt. Ich liebe das.

Ein weiterer großer Step kam im September, als ich endlich eine (tiefenpsychologisch fundierte) Therapie begann und mich von Herrn C. verabschiedete, der mich zuvor 1 3/4 Jahre lang im Zweiwochentakt im Rahmen einer Überbrückungsmaßnahme begleitet hatte, bis ich endlich soweit war diesen Schritt zu machen.
Und damit vertiefte ich meine emotionale Entwicklung diesen Jahres, die ich wie folgt beschreiben würde: Ich habe alle Vermeidungsstrategien über Bord geworfen, bin nicht mehr weggelaufen, habe nichts mehr betäubt. Raus aus ewig alten Mustern, raus aus der Dauerschleife.
Ich habe mir all die Emotionen angesehen, die mich begrüßt haben, bin der ältesten Trauer und der ewig verdrängten Wut begegnet, habe Runden um Runden mit meiner stetigen Begleiterin, der Angst, gedreht, habe dafür die Momente der Freude noch höher leben lassen und bei alledem vor allem einer die Stirn geboten: Der Scham. Ich habe noch offener und ehrlicher geschrieben und kommuniziert, mich noch mehr gezeigt und endlich damit begonnen, für mich einzustehen. Ich bin dabei Risiken eingegangen und werde noch viel mehr eingehen. Mit dem Mut und der Verletzlichkeit kam außerdem die Kreativität in mein Leben. Dass sie schon viel länger in den Startlöchern gestanden hatte, hatte ich nicht wirklich begreifen können. Jetzt ist sie da. Und manchmal sprudelt sie so dermaßen, dass ich gar nicht weiß, wie ein Leben eigentlich ausreichen soll für all diese Ideen. Ich bin mir näher als ich es je gewesen bin und auch wenn es hart und anstregend und oft richtig ätzend ist und war, bin ich stolz auf meinen Mut. Stolz auf diesen Weg.

Leider bin ich seit Oktober nun sehr beschäftigt damit, nicht in einer Herbst/Winterdepression zu versinken, denn die Therapie ist so anstrengend, dass ich quasi stetig mit offenem Herzen herumlaufe - es ist leicht, mich zu treffen. In dem Ausmaß habe ich das noch nie erlebt, das kann wirklich beängstigend sein. Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass mit der Verletzlichkeit, die ich zeige, auch die Anzahl an Menschen wächst, die mir Mut zusprechen. Und das ist jetzt der Punkt, an dem ich euch mal danken will, liebe Leser*innen. Gerade in den letzten Wochen hat mich so viel liebes, herzliches Feedback erreicht, dass ich mehr als einmal Tränen in den Augen hatte. Es passiert mir immer noch, dass ich in meine alten Muster falle, mir Druck mache, weil ich noch nicht wieder arbeite, in Panik gerate, weil ich nicht weiß, wie ich mit all der Veränderung klarkommen soll oder einfach nur mal wieder in negative Gedankenkreisel abdrifte. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann weiß ich, dass ichs richtig mache. Ich weiß, dass ich mich auf einen ganz schön harten Weg begeben habe und dass ich keine bessere Entscheidung hätte treffen können, als es so zu tun. Und ihr habt mir immer wieder geholfen, den Mut nicht zu verlieren. Danke, von Herzen!

Morgen ist es also vorbei, dieses Jahr. Ich beende es mit sehr gemischten Gefühlen. Denn obwohl ich weiß, dass ich unglaublich viel erreicht habe, bin ich im Moment dennoch so verletzlich und empfindlich wie selten zuvor. Obwohl ich Pläne und Ideen habe und dabei ganz viel Liebe und Motivation empfinde, hatte ich selten so viel Angst. 2018 was ein mutiges Jahr. 2019 werde ich noch viel mehr Mut brauchen. Ich weiß auch, dass der da irgendwo in mir verborgen ist. Gerade fühl ichs nur noch nicht so richtig. Wir werden sehen, wann er sich zeigt.
Euch allen wünsche ich einen guten Rutsch! Habt eine schöne Zeit mit lieben Menschen (oder vielleicht auch nur mit euch selbst?). Auf dass ihr in 2018 zurücklassen könnt, was dort bleiben soll. Auf dass euch in 2019 das begegnen mag, was euch groß macht!

Freitag, 21. Dezember 2018

#76 Gute Gefährten.

Manchmal passiert eine Sache, machmal fällt ein Satz ... und dann bin ich wieder mittendrin, in dem alten Schmerz. Weil die Zeit gar nix heilt. Ja, sie trägt vielleicht Schichten auf, die die alte Wunde verbergen und dann fühle ich mich plötzlich besser und sicherer und kann die Sache vielleicht sogar eine ganze Zeit lang vergessen. Aber dann reicht eben irgendwann auch dieser eine Moment und es ist wieder da.
Sehen, verstehen, vergeben, loslassen. Das heilt. Aber das sind eben mehrere Schritte, die auch gemacht werden müssen, damit es funktioniert. Und die alle zu machen, ohne dabei etwas zu vergessen oder beiseite zu schieben oder vor dem Schmerz zu fliehen - das ist schwer. Und je nach Situation vielleicht noch schwerer.

Ich hatte dieser Tage einen wundervollen Austausch mit einer Frau, die ich mittlerweile als "Bekannte mit vielen Gemeinsamkeiten" bezeichnen würde, mit Tendenz zur "Freundin". Vor einem Jahr war sie noch "die, bei deren Namensnennung ich schmerzhaft das Gesicht verzog".
Die Ausgangsgeschichte ist theoretisch schnell erzählt: Zwei Frauen sind interessiert am selben Mann. Die eine ist schon in einer (Poly-)Beziehung mit ihm und verleugnet sich und die Tatsache, dass sie gerade den Eifersuchtstod stirbt. Die andere findet ihn schon seit Jahren toll, sagt es ihm endlich, verbringt eine Nacht mit ihm und bekommt aber schlussendlich doch einen Korb, weil die erste Frau nun eben doch den Mund aufmacht und "Nein!" sagt. Es folgt lange Stille, dann treffen alle irgendwann (wieder) persönlich aufeinander. Zaghafte Annäherung. Mittlerweile haben die beiden Frauen immer mal wieder Kontakt über Facebook. Sie verstehen sich nämlich eigentlich echt gut. Sie sind sich nämlich eigentlich echt ähnlich.
Das ist die Kurzform. Die lange Form beinhaltet die Palette jeglicher Emotionen, Ängste, Sorgen. Sie beinhaltet Schmerz und Trauer und echt viele Tränen. Und für mich, die ich die erste Frau in dieser Geschichte war, beinhaltete sie zuletzt immer noch offene Fragen. Oder auch, um den Bogen zu schlagen: Offene Wunden.
Ich habe damals so viele Fehler gemacht, dass ich gar nicht wüsste wo ich anfangen soll. Vielleicht habe ich auch nur viel zu oft denselben Fehler gemacht. In jedem Fall habe ich nicht für mich eingestanden. Aus Angst, ihn zu verlieren. Aber auch, weil ich mir selbst unbedingt beweisen wollte, dass ich das mit dem Poly-Leben hinkriegen kann. Ich habe zu oft Ja und Amen gesagt, immer wieder, und danach Stunden lang in ein Kissen geheult, immer wieder. Also ja, dass ich mir hier am allermeisten weh getan habe, das steht außer Frage. Daher ja, am "mir selbst vergeben" arbeite ich noch. Aber das wusste ich, das war nicht neu und das war es auch nicht, was sich irgendwie fremd und ungreifbar anfühlte.
Ich hatte ja nun sowohl mit ihm als auch mit ihr gesprochen. Eigentlich schien alles gesagt. Und dennoch waren nach diesem Gespräch die alten Gefühle wieder präsent, der Schmerz wieder da. Da waren irgendwo noch Fragen offen, die ich nicht einmal formulieren konnte. Ein bisschen fühlte ich mich schon wie in einer Sackgasse, ich hatte keine wirkliche Idee mehr. Also sprach ich nochmal mit ihm.
Erwartungen hatte ich eigentlich keine an dieses Gespräch, außer vielleicht allgemein den Druck in meinem Kopf ein wenig zu reduzieren. Aber wie zumeist sollte ich auch hier mal wieder eines Besseren belehrt werden. Während ich nämlich die ganze Zeit über davon ausgegangen war, dass wir uns im Sommer letzten Jahres ja alles gesagt hätten, war mir gar nicht klar, dass ich nicht einmal annähernd alles in Worte gefasst hatte. Ich war ihm gegenüber nie wirklich dazu gekommen, meinem Schmerz voll und ganz Ausdruck zu verleihen, denn meine Schuldgefühle waren damals übermächtig gewesen. Ich hatte mich schlichtweg nie getraut. Und mir dann eingeredet, dass das Thema ja nun durch sei. Nur funktioniert das nie. Es holt dich eh ein, irgendwann. Und bei mir ist gerade ein sehr guter Zeitpunkt dafür, jetzt wo ich plötzlich entdecke, was ich so alles kann und darf und was ich mir so wert bin.
Also tat ich es. Ich zeichnete ihm ein Bild meines Schmerzes. Erzählte ihm von dem krassen Wechselbad der Gefühle und von der Zerrissenheit, von dem Wunsch, bei ihm zu sein und den Momenten, in denen ich mir einfach nur wünschte, all das wäre nicht.
Ich weiß nicht mehr, wie viel ich damals eigentlich gesagt hatte. Was ich aber weiß ist, dass ich es definitiv nie so offen gesagt habe. Und dass er es auch niemals so aufgenommen hätte wie heute, denn auch wenn es nicht einmal 1 1/2 Jahre her ist, sind wir heute eben doch andere Menschen. Jeder für sich und wir miteinander. Und durch diese neue Verbundenheit, die wir uns geschaffen haben, aber zugleich auch durch den Abstand zu damals mit all der Story drumherum, ist uns beiden, vor allem aber ihm, ein neuer Blick auf das Geschehene möglich gewesen.
Nach dem Gespräch kaute ich noch eine ganze Weile auf der Sache herum, wühlte mich durch Gesprächsverläufe von damals und versuchte irgendwie herauszufinden, was da nun wesentlich war für mich. Aber die Antwort sollte er mir geben. Kurz nachdem ich das Handy beiseite gelegt hatte, nahm er mich in den Arm, hielt mich fest und sagte dann das einzige, was so lange gefehlt hatte: "Es tut mir Leid. Ich wollte dich nie so verletzen." Er hatte damals nicht gewusst wie weh mir das alles tat. Das wundert mich nicht, habe ich doch alles daran gesetzt, die Tapfere zu spielen und es vor ihm zu verbergen. Jetzt also, 16 Monate später, ist es gesagt. Ich bin spontan viele Tränen und gefühlt auch viele Kilo leichter.
Es ging mir nicht um Genugtuung oder darum, dass ich gewinne, oder darum, dass er zu Kreuze kriecht. Es ging mir nur darum, gesehen zu werden. Und darum, zu wissen, dass ihm mein Schmerz nicht egal ist.

Diese Geschichte ist in vielerlei Hinsicht sehr aufschlussreich, denke ich. Ich zumindest nehme daraus Folgendes mit:
- Für sich selbst einzustehen, auch wenn es riskant scheint, ist so unglaublich wichtig. Die Vorwürfe, die ich mir selbst gemacht habe, weil ich nicht auf mich geachtet habe, haben allen anderen Schmerz überwogen.
- Verdrängen bringt auf Dauer wenig, die Thematik meldet sich sowieso irgendwann wieder.
- Auch wenn die Dinge lange her sind, kann es sich lohnen, mit den beteiligten Menschen noch einmal darüber zu sprechen, wenn es hin und wieder noch schmerzt. Mit dem Abstand dazu kommt auch ein neuer Blickwinkel.
- Wenn man in irgendeiner Form am Schmerz einer anderen Person beteiligt (nicht schuld!) war, schadet es nie, zu sagen, dass es einem Leid tut. Das zeigt dem anderen: Ich sehe dich und deinen Schmerz und es ist mir nicht egal, dass es dir weh tut.

In dem Moment, in dem es weh tut, vergesse ich das oft, aber eigentlich bin ich grundsätzlich der Meinung, dass dort wo Schmerz ist auch immer eine persönliche Chance verborgen liegt. Und deshalb lohnt sich hinschauen. Echt immer. Wenn er euch zu groß erscheint, dann schaut nicht alleine hin, sondern holt euch gute Gefährten an die Seite. Aber gebt euch selbst die Chance. Und gebt sie vielleicht auch Anderen, indem ihr ihnen gute Gefährten seid.
An dieser Stelle danke ich sowohl meinem Mann als auch der wundervollen Frau, die mit mir Teil dieser Geschichte waren. Auch wenn das nicht leicht war, wart ihr mir, gerade auf diesem letzten Wegabschnitt, gute Gefährten.

Montag, 17. Dezember 2018

#75 Tagesziel: Überleben.

Heute ist wieder mal so einer. Ich weiß es schon als ich aufwache, weil die Ameisen unter der Haut schon vor mir wach waren. Es ist einer dieser Tage, an denen die Hoffnung Urlaub hat.
Als der Wecker geht, rühre ich mich nicht wirklich, weiß gar nicht ob ich nun kuscheln will oder nicht, ob ich berührt werden will oder nicht, ob ich überhaupt fühlen kann oder will oder nicht. Alles ist irgendwie grau. Er steht auf. Ich bleibe liegen. Rolle mich in der Decke zusammen, spüre dass meine Hände und Füße wohl kalt sein müssen, aber friere nicht mal.
Tapfer versuche ich irgendwie unsere morgendlichen Rituale mitzumachen. Das Lächeln als er geht gelingt mir eher nur mäßig. Dann bin ich allein. Oft komme ich damit nicht gut zurecht, heute bin ich erleichtert. Ich muss dann weniger die Luft anhalten. Flach atmen genügt.
Ich liege einfach rum. Starre die Gardinen, die Wand oder die Decke an. Das Prouktivste, was mir gelingt, ist mein Handy in die Hand zu nehmen. In solchen Momenten rettet mir Social Media irgendwie doch immer wieder so ein bisschen das Leben, denn ich bin dadurch einfach nicht so einsam mit mir wie ich es wohl ohne wäre.
Irgendwann gegen Mittag verspüre ich zwar immer noch weder Hunger noch Durst, aber die Vernunft zwingt mich, meine Wasserflasche aufzufüllen und weil ich mich zu mehr nicht überreden kann, bestelle ich Pizza und Eis und zahle per Paypal, damit ich mit dem Boten möglichst wenig kommunizieren muss. Als die Pizza kommt, esse ich zwei Viertel. Während ich sonst gerne die größten Stücke nehme, suche ich heute akribisch nach den Kleinsten. Mir wird eigentlich schon vom Geruch schlecht, aber irgendwas muss ich essen. Also runter damit. Das Eis danach geht leichter, zum Glück. Dann sinke ich wieder ins Bett.
Ich höre etappenweise Hörbuch, dann schalte ich es wieder aus weil meine Gedanken so rattern, dass ich die letzten paar Minuten gar nicht mehr zugehört habe. Also schenke ich ihnen Aufmerksamkeit, weine immer mal wieder weil sie irgendwie alle dunkel und kalt und winterlich, nur eben ohne die gemütliche Romantik sind und irgendwann, wenn es genug ist, starre ich wieder, nur dann eben leiser.
Meistens, auch heute, kann ich das gar nicht den ganzen Tag so machen, auch wenn ich mich danach fühle, denn irgendwann entscheidet mein Körper, keine Position mehr bequem zu finden. Also stehe ich auf, gehe duschen und mache dann Hausarbeit. In solchen Momenten hilft es mir, dass ich so darauf trainiert bin, zu funktionieren. Auch wenn es nicht wirklich hilft. Zumindest wird das Unbehagen nicht noch größer dadurch, dass ich den Haushalt vernachlässige.
Jetzt sitze ich hier und tippe das und weiß eigentlich gar nicht, was ich davon will. Ich wollte heute eigentlich was Anderes veröffentlichen, aber danach fühle ich mich nicht. Innerlich hab ich mir schon wieder vorgeworfen, dass ich euch ja neue Topics versprochen habe und jetzt nicht "liefere" was natürlich Bullshit ist, aber wie ich schon sagte ... die Hoffnung hat heute Urlaub. Der Optimismus begleitet sie dann regelmäßig. Sie sind ein hübsches Paar, wie sie da so am Strand liegen und Cocktails schlürfen. Heute passen sie da auch einfach besser hin als zu mir.
Ich schaue auf den Zettel, den die Hoffnung auf meinem Nachttisch hinterlassen hat: "Morgen wird besser, versprochen", steht da. Ich seufze und zucke mit den Schultern. Sie muss es ja wissen.

Freitag, 14. Dezember 2018

#74 Ja, ich bin wirklich krank.

Seit ungefähr zwei Jahren betreibe ich, wenn auch nur in kleinem und meist doch eher privatem Rahmen, Aufklärungsarbeit in Sachen psychische Erkrankungen, insbesondere Depression und Angststörung. Seit zwei Jahren. Da mutet es doch irgendwie ein wenig absurd an, wenn ich jetzt sage, dass ich mir immer noch nicht richtig eingestehen kann, dass ich eine psychische Erkrankung habe. Oder?

Der Groschen fiel, als meine Therapeutin mich fragte, wie krank ich denn nun sei. Die Frage war offensichtlich gewollt provokativ formuliert und kam für mich nun auch nicht völlig überraschend - meine Reaktion hingehen schon. Die erste, sehr leise und merkwürdig abwartende Gegenfrage, die sich in meinem Kopf formulierte, lautete nämlich: "Will sie mich beleidigen?"
Mir war in dem Moment nicht bewusst, was ich da dachte. Überhaupt war diese ganze Therapiesitzung für mich von der völligen Vernebelung meines Kopfes geprägt. Ich kämpfte mich durch die grauen Schleier, gab irgendwelche Antworten von mir und kapierte gar nix, aber die Frage, die blieb hängen. Und genau in dem Moment, als die Sitzung beendet war und ich zur Tür hinaus ging, mischten sich die Karten in meinem bis dato sehr ausgelasteten Gehirn neu und lagen plötzlich offen vor mir.
Ich funktioniere. Ich funktioniere einfach immer. Solange, bis ich nicht mehr funktioniere. Ich funktioniere auf Arbeit, ich nehme anderen mehr ab als ich selbst tragen kann, ich lächle immer sofern möglich, ich meine es nur gut, ich habe Verständnis für alles und jeden und immer.
Ich funktioniere in meiner Beziehung. Du willst lieber das? Kein Thema. Bin ich dir auch nicht im Weg? Lass nur stehen, ich räum das nachher weg. Nein, das macht mir wirklich nichts aus.
Ich funktioniere aber auch, wenn ich es gar nicht brauchen kann, das funktionieren. Beim meditieren zum Beispiel. Da sitze ich plötzlich da und habe Zeit und könnte alles fühlen oder alles mal sein lassen, aber stattdessen zieht sich in mir diese Mauer hoch und ich achte fast wie eine Maschine auf meinen Atem.
Und dann funktioniere ich vor allem bei Arztbesuchen. Bei meiner Hausärztin, meinem Psychiater, meiner Therapeutin. Ständig sitze ich da und plaudere und man könnte meinen, meine Welt sei super und in Ordnung, während in mir ein Wirbelsturm wütet, den ich für kurze Zeit komprimiere und hinter den vielen anderen Dingen in meinem Herzen verstecke, nur damit er dann irgendwann wieder hervorbrechen kann.

Funktional sein kann viele Vorteile haben in den unterschiedlichsten Situationen, aber echt eklig wird es dann, wenn selbst die Mediziner dich schon fragen, warum du eigentlich da bist, wenn bei dir doch alles in Ordnung scheint. SCHEINT.
Denn ja, ich bin oft begeistert und ich fange an, diesen Change zu lieben und ich bin so froh um all das, was ich gelernt habe, aber mein Gott, es geht mir echt oft mega scheiße dabei. Und das kann und darf ich doch nicht zeigen, denn wenn ich ganz ehrlich dazu stehe, dass ich eigentlich schon seit 15 Jahren an Angst und Depressionen leide, dann ...

Ja, was dann? Dann will mich vermutlich kein Arbeitgeber dieser Welt mehr beschäftigen und dann werden sich Leute von mir abwenden. Dann werde ich gleichgesetzt mit "geistesgestört" und "irre". Dann nennt man mich "bekloppt" und nimmt mich nicht ernst. Dann werden sich die um mich herum immer fragen: "Ist das jetzt sie oder ihre Krankheit?" Dann werde ich ausgegrenzt. Dann bin ich für andere Leute weniger wert, weil ich nicht funktioniere. Dann kann ich noch so viele Tipps und Anregungen geben zum Leben und zum Wachsen, aber wer glaubt mir das denn dann noch?

All das ist in mir. All das ist auch immer mal wieder da, wenn ich irgendetwas von mir nach außen trage. Wenn ich mich auf neues Terrain wage. Wenn ich mich verletzlich machen will oder muss.
Schlimm ist auch, dass mir vieles davon tatsächlich schon passiert ist. Und ja, natürlich weiß ich auch, dass Menschen, die sowas machen, einfach nur selbst ein Problem haben und dass das eigentlich gar nichts mit mir zu tun hat. Aber das ändert ja nichts daran, dass es weh tut. Und auch nichts daran, dass es wieder und wieder meine blöde Pseudo-Funktionalität befeuert hat.

Das Gute daran ist allerdings, dass ich es jetzt gesehen habe. Ich habs kapiert, wie ich funktioniere. Ich habe mir angeschaut, was dahinter steht. Und jetzt setze ich es um.

Ja, ich bin WIRKLICH krank. Nicht nur ein bisschen, nicht nur verborgen. So ganz echt. Seit mehr als der Hälfte meines Lebens. Ich mag gerade an einem Burnout leiden, aber der ist nur eine zusätzliche Erscheinung zu dem, was auch vorher schon da war. Ja, ich habe mit Dämonen zu kämpfen, die mich schon ewig verfolgen und JA VERDAMMT, ich brauche gerade richtig viel Zeit und Kraft, um all das aufzuarbeiten. Ich muss nämlich gerade erst mal leben lernen. Und das darf ich auch. Dabei ist es egal, ob mich irgendwer irgendwie scheiße ansieht, ob ich verurteilt werde oder ob irgendwer mich gerne anders hätte. Ich bin nämlich mutig. Und krass. Und eben auch krank. So what?

Freitag, 7. Dezember 2018

#73 Wie ich schreiben will.

Im Moment verändere ich mich so sehr, dass natürlich auch alle wichtigen Bereiche meines Lebens irgendwie nicht von diesem Wandel verschont bleiben können. Auch das Schreiben nicht.
Seit bestimmt einem Jahr merke ich schon, dass ich eigentlich mehr möchte von diesem Blog, aber bisher hatte ich noch keine wirkliche Idee wie ich das gestalten möchte. Jetzt, so langsam, formt sie sich und das möchte ich natürlich mit euch teilen.

Eigentlich habe ich immer aus großen Emotionen heraus geschrieben. Die meisten von euch, die mir regelmäßig Feedback hinterlassen, wissen es zu schätzen, dass ich euch mitnehme ins Zentrum meines Schmerzes, aber eben auch zu all den Schönheiten, die das Leben lebenswert machen. Und ich habe sicherlich nicht vor, damit aufzuhören. Vielmehr möchte ich mein Jahr des Wagemuts auch hier zur Geltung kommen lassen und mich eben auch beim Schreiben mehr trauen. Ich dachte nämlich viel zu lange, ohne große Emotion würde ich gar keine guten Texte hervorbringen, ohne den Rausch beim Schreiben packe ich die Leute nicht. Aber je besser ich lerne mit meinen Emotionen umzugehen und je mehr ich den Zugang zu mir finde, desto klarer wird mir dabei auch, dass ich auf meine Emotionen jederzeit Zugriff habe, wenn ich das möchte. Klingt wahrscheinlich ein bisschen strange, aber das musste ich wirklich erst verstehen. Mein erstes Fazit also an dieser Stelle: Ich muss nicht auf einen emotionalen Rush warten, um über ein Thema zu schreiben, das mich bewegt. Ich kann das nämlich auch so.

Die Themenvielfalt ist auch so ein Ding, an dem ich sehr lange geknabbert habe. Tatsächlich habe ich nämlich sehr sehr lange geglaubt, dass Emotionen, und da eben vor allem meine eigenen, das einzige seien, wozu ich wirklich eine Meinung haben und äußern könne, weil ich ja für alles andere "nicht Experte genug" bin, um irgendwas darüber in dieses Internetz zu stellen. Passt natürlich in mein sehr altes Muster, mich stetig klein zu machen. Hab ich jetzt aber genug von, wirklich. Denn klar, ich werde zu spezifischen Themen nie so viel Wissen haben wie jemand, der sich über Jahre hinweg damit befasst hat. Aber ich bin ja durchaus jemand, der gerne diskutiert und sich von guten Argumenten überzeugen lässt. Und ich finde nicht, dass es eine Schande ist, wenn ich irgendwo nicht Recht habe und ich dann von jemandem korrigiert werde, der es eben besser weiß. Ich bin ja auch nur ein Mensch. Ab sofort dann eben ein Mensch, der sich an ein paar mehr Dinge heranwagt. Im Blick habe ich vor allem Themen, die hier auch zum Teil auch schon mal angeschnitten wurden, manche gesellen sich aber neu hinzu. Dazu gehören auf jeden Fall: Feminismus, Nachhaltigkeit, Verhütung, Homone, Periode, allgemein für mich relevante politische Themen, ggf. auch Buchempfehlungen, evtl. ein bisschen was über das Schreiben an sich und natürlich meine Herzensthemen Emotionen, Beziehungsangelegenheiten, Persönlichkeitsentwicklung, Körpergefühl und psychische Erkrankungen, allerdings nicht nur bezogen auf meinen Alltag, sondern auch in vielen anderen Kontexten.

Mit dem Mut kam dieses Jahr auch die Kreativität zu mir. "Ich bin nicht kreativ" war nämlich auch so ein ekliger, über viele Jahre sehr hartnäckiger Glaubenssatz. Eigentlich wars eher "Ich habe nicht den Mut, meiner Kreativität Ausdruck zu verleihen." Und auch das darf jetzt gehen und Platz machen für all das, was da eigentlich in meinem Kopf herumspukt. Ich hab Lust darauf, das endlich auszuleben. Und ich freue mich, wenn ihr mich auf dieser Reise begleitet.