Montag, 13. August 2018

#65 Vom Fremdsein.

Mein großes Thema der letzten Wochen war wohl das Gefühl, fremd zu sein. In vielen Variationen. Ich war unter fremden Menschen, an fremden Orten, in einer fremden Rolle, unter fremden Rollen, ich war mir selbst fremd, ich habe mich in meinem Körper fremd gefühlt und vor allem war ich auch hier, zu Hause, plötzlich irgendwie fremd.
Wir waren unterwegs in den letzten Wochen. Auf dem Drachenfest, unter 5000 liebenswert verrückten verkleideten Menschen. Meine erste Großcon. Wir waren in Berlin, einer Stadt, mit der ich irgendwie nie warm werde, unter Leuten, die ich zwar kannte, aber unter denen ich dennoch irgendwie verloren war in meinen Gedanken. Und dazwischen und danach waren wir zu Hause. Aber sowohl dazwischen als auch jetzt, danach, fühle ich mich hier, zu Hause, plötzlich fremd.
Man könnte sich nun fragen, ob fremd sein auch immer negativ ist. Die Antwort lautet klar: Nein, natürlich nicht. Man kann auch fremd und gerade dadurch frei sein. Man kann das Neue und Unerforschte genießen und für sich erobern. Aber wenn das Gewohnte und das Eigene sich plötzlich fremd anfühlen, dann kann das auch sehr verstörend sein.
Und jetzt, da ich hier sitze und zum ersten Mal seit Wochen wieder schreibe, fühle ich mich ziemlich deplatziert und traurig, irgendwie nirgends zugehörig. Und zugleich bereichert und mutig. Aber vor allem überfordert.
Der Großteil der Menschheit fährt eben weg, macht irgendwo Urlaub oder sonstige Erfahrungen, nimmt ein paar Souvenirs und Fotos mit nach Hause, ist dann vielleicht noch ein, zwei Tage ein wenig wehmütig, dass es wieder vorbei ist und fügt sich dann wieder in den Alltag ein. Zumindest stelle ich es mir so vor. Ich habe keine Ahnung wie das ist, denn ich bin so eben nicht.

Ich sitze heute hier und habe immer noch Tränen in den Augen, weil mich Dinge beschäftigen, die ich vor über zwei Wochen gefühlt habe. Ich kämpfe mit Emotionen und Erinnerungen aus drei verschiedenen Welten, in denen ich mich in nicht einmal drei Wochen bewegt habe und kann die Masse aller Einzelheiten gerade gar nicht ordnen, weil es einfach so viel ist.
Ich weine, weil ich gleichzeitig die Con vermisse, Berlin vermisse und Heimweh habe (das ich eigentlich vor zwei Wochen hatte), obwohl ich schon wieder zu Hause bin, die nächste Con schon bald bevorsteht und ich sogar nochmal nach Berlin fahren könnte, weil die Action dort noch eine Woche andauert. Aber es geht eben nicht um das "Praktische". Es geht nicht um logisches Verständnis. Es geht darum, dass mir kein Detail entgeht. Darum, dass ich bei allem was ich tue, alles um mich herum aufnehme, dass ich alles aufsauge wie ein Schwamm und dass ich genau all das auch verdauen muss - was ich nicht kann, wenn ich weiter in Bewegung bin.
Dass ich hochsensibel bin, weiß ich schon ein Weilchen länger, aber gerade in den letzten Monaten habe ich diesem Teil meiner selbst Raum und Aufmerksamkeit gegeben. Und auch wenn ich es ehrlich und wahrhaftig liebe, die Welt aus meinen Augen zu betrachten, tief und intensiv wahrzunehmen und zu fühlen, ein unglaublich gutes Gespür für Menschen und ihre Bedürfnisse zu haben und mich in alledem auch immer noch weiterzuentwickeln - gerade habe ich mal so ein paar Tage, in denen ich meine "Gabe" hasse. Seit Mittwoch sind wir wieder zu Hause und seitdem liege ich - abgesehen von wenigen Stunden Ausnahme - auf Eis. Ich wünsche mir eigentlich nur einen abgedunkelten Raum mit völliger Stille ohne weiteren Input. Nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr fühlen. Ich würde gerne Urlaub machen und mich selbst dabei zu Hause lassen. Einfach gerade mal nicht mehr wachsen, mich nicht mehr entwickeln. Stillstand. Vielleicht nur für ein paar Minuten?
Ich habe seit drei Wochen nicht mehr richtig geschlafen, meine Haut kribbelt stetig, die meisten meiner Klamotten fühlen sich zu eng und kratzig an (und nein, ich habe kein Gramm zugenommen). Töne und Bilder überfordern mich. Menschen und ihre Emotionen auch. Alles ist zu viel.
Und unter diesem Berg von Shit bin da aber noch ich. Ich, ein soziales Wesen, voller Neugier und Tatendrang, völler Wünsche und Ideen, voller Kreativität. Voller Motivation, voller Träume. Und ich vermisse es so, all das auch voll und ganz sein zu können.
Ich habe solche Momente. Auf dem Drachenfest hatte ich ganze drei Tage davon, in Berlin gab es vor allem eine Nacht mit Gesprächen am Lagerfeuer. Solche Erlebnisse entschädigen mich dann eine Weile für alles. Aber selbst davon muss ich mich dann irgendwie erholen. Und manchmal, an solchen Tagen wie heute, weiß ich nicht mal wie das gehen soll. Wie erholt man sich von sich selbst? Und in meinem Fall noch spezieller: Wie nimmt sich ein Mensch, der auf Grund seiner Ängste auch noch Probleme damit hat, allein zu sein, Zeit für sich? Wie wird man fertig mit diesem stetigen Gefühl, irgendwie anders zu sein und irgendwie nirgends reinzupassen? Wie kann ich leben, echt und wahr und voll, ohne gleichzeitig stetig zu viel zu haben?
Ich weiß, all das ist mein großes Thema. Ich weiß auch, an so vielen Tagen kann ich das alles schon so viel besser als noch vor ein, zwei Jahren. Und ich weiß, dass das eine Lebensaufgabe ist, diese Fragen zu beantworten. Aber gerade wünsche ich mir irgendwie mal eine einfache Lösung. Nur so für den Moment.

Dienstag, 10. Juli 2018

#64 F60.7.

Noch bevor ich anfange zu schreiben, frage ich mich schon, ob ich eigentlich gerade total verrückt geworden bin. Ich habe mich schon oft verletzlich gemacht beim Bloggen, ich habe schon viele tiefe Einblicke gegeben. Aber kein Eintrag war wohl je so intim wie es dieser sein hier sein wird. Kann ich das wirklich machen? Ich schlucke kurz. Und dann wische ich den Gedanken weg und haue eben einfach doch in die Tasten. Schreibe das, was wirklich weh tut. Das, was wirklich Angst macht. Sei du. Also dann.

Viele von euch werden das Foto von der Hochzeit vom letzten Samstag gesehen haben. Ich war glücklich in diesem Moment, das ist wahr. Ich war auch in vielen anderen Momenten an diesem Tag glücklich. Und in ungefähr ebenso vielen Momenten wollte ich mich einfach nur irgendwo in einer Ecke zusammenkauern und wimmern.
Am Samstagmorgen, fünf Minuten bevor wir losfahren wollten, zog ich einen Brief aus dem Briefkasten. Ich habe sehr lange auf den Brief gewartet - es ist der Arztbrief, der auf ein Erstgespräch im Psychotherapiebereich einer großen Klinik folgt, das ich bereits vor über 8 Wochen geführt habe. Er beinhaltet das, worauf ich gewartet habe, aber nicht gefasst war. Ich habe eine neue Diagnose: Dependente (auch: abhängige, asthenische) Persönlichkeitsstörung.
Ich las den Brief bevor wir losfuhren, musste mich dann erst mal setzen, durchatmen, klarkommen. Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Was denen eigentlich einfällt, mir diese Diagnose einfach per Brief mitzuteilen statt mich aufzufangen? Ob die noch ganz bei Sinnen sind, mir eine Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren? Ob das jetzt heißt, dass ich gestört oder kaputt bin? Ob das ein lebenslängliches Urteil ist? Ob mich jetzt jeder, dem ich davon erzähle, wie eine Aussätzige anschauen wird?
Ich weiß nicht viel über diese Störung. Ich weiß nur, dass sehr viele Menschen immer gleich so seltsam vorsichtig werden, wenn man das Wort "Persönlichkeitsstörung" ausspricht. Also wäre man irgendwie ansteckend, gefährlich, ein Monster. "Da muss der Partner aber echt gut auf sich achten, damit er daran nicht kaputt geht." - Ist das so? Bin ich so?

Ich riss mich irgendwie zusammen und stieg ins Auto. Freunde von uns heiraten, Liebe hat immer Vorrang. Auf der Autobahn werde ich (scheinbar) geblitzt ohne zu wissen wofür. Weil ich eh schon angespannt bin, drehen sich meine Gedanken schließlich ungefähr eine Stunde lang nur darum, ich bin fast ein wenig froh darüber. Dann kommen wir an. (Falls sich an dieser Stelle irgendwer Sorgen bezüglich meiner Fahrtauglichkeit in der Situation gemacht hat: Sowohl ich als auch mein Partner verspürten die ganze Fahrt über keine Unsicherheit in dieser Hinsicht. Falls doch, hätten wir Plätze gewechselt.)
Der Tag hatte so viele schöne Momente in sich, so viele tolle Begegnungen und so viel Liebe. Aber dazwischen, in diesen Momenten, in denen ich mich plötzlich sehr alleine unter Menschen fühle, geht immer wieder diese Falltür in meinem Kopf auf. Die, unter der die Schwärze verborgen ist. Und dann kommen sie, die Gedanken. Ich denke an die tausend Situationen, die mich jetzt schon wissen lassen, dass die Diagnose stimmt:
- Dass es mir schwer bis unmöglich erscheint, Nächte alleine zu verbringen.
- Dass ich mich manchmal schon verlassen fühle, wenn der Mann an meiner Seite nur vor mir einschläft und ich alleine wach liege.
- Dass ich so gerne alleine wegfahren will, aber es nicht kann, weil die Angst davor, mein alltägliches Leben loszulassen, mich gefühlt fast umbringt.
- Dass ich mich vor jedem Spaziergang und jedem Einkauf und überhaupt vor jedem Mal, wenn ich alleine losgehe, ausgiebig verabschiede, weil es sich immer so anfühlt, als könnte es das letzte Mal sein.
- Dass ich Angst davor habe, alleine Zug zu fahren oder zu fliegen, weil ich gleichzeitig auch Angst davor habe, bei einem möglichen Unglück alleine zu sterben.
- Dass ich ständig Ja sage und alles Recht mache, immer da bin und mich unentbehrlich mache, damit ich ja nicht verlassen oder nicht gemocht werde.
- Dass ich sowohl kleine als auch große Entscheidungen oft gar nicht alleine treffen kann, sondern andere Menschen brauche, die mich in dem, was ich möchte, bestätigen.
- Dass ich so wahnsinnig eifersüchtig werden kann wegen Dingen, die einfach nichtig sind.
- Dass ich andauernd dicht machen muss, weil ich mich nicht genug beachtet fühle und daher ständig mein Selbstschutz aktiviert wird.
- etc. pp.
Und wie anstrengend all das ist. Als ich nachts auf einer Steinstufe liege und in den unglaublich schönen Sternenhimmel blicke, kommen mir endlich zum ersten Mal die Tränen. Ich gestatte mir diesen Moment, auch wenn ich gerade auf einer Hochzeitsfeier bin: Sie sind so berechtigt.

Am nächsten Tag fahren wir zurück. Im Auto reden wir. Ich bin plötzlich zuversichtlich, ich habe es angenommen. Aber gleichzeitig macht es mir auch so viel Angst. So viel, dass ich abends plötzlich auf Grund einer vermeintlichen Kleinigkeit crashe. Ich weine über eine Stunde, kriege stellenweise kaum noch Luft. So viel Verdrängen, so viel weglaufen der letzten Jahre bricht sich Bahn. So viel Angst findet plötzlich einen Weg sich auszudrücken. Seitdem weine ich alle ein bis zwei Stunden, fühle mich, als wäre ich wieder da, wo ich vor acht Wochen gewesen bin.
Immer wieder frage ich mich, ob jemand wie ich überhaupt in einer Beziehung sein oder gut für irgendwen sein kann und wie kaputt ich wirklich bin. Ich weiß, dass das nicht sinnvoll ist, ich weiß auch, dass es Quatsch ist. Aber manchmal ist es wirklich schwer, mich selbst für all das nicht zu hassen.

Ich habe die letzten zwei Tage genutzt und habe das Internet befragt zu dieser Diagnose. Dafür, dass sie angeblich die am häufigsten auftretende Art der Persönlichkeitsstörung ist, gibt es erschreckend wenig Informationen darüber. Bücher gibt es eigentlich nur für Therapeuten, nicht wirklich für Betroffene. Wenn, dann nur für Teile des Problems, aber nie für die ganze Sache. Es gibt viel Geschwurbel, wenig Greifbares. Nicht mal ein anständig wirkendes Forum habe ich gefunden.

Ich fühle mich allein damit, verdammt allein. Ich weiß, dass das eigentlich eine Chance für mich ist, denn auch wenn mir diese Diagnose so viel Angst macht und da so viele beschissene Programme in meinem Kopf ablaufen - sie ist auch mein fehlendes Puzzleteil der letzten Jahre. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Menschen mit Angststörung, mit denen ich mich so ausgetauscht habe, einen Teil von dem, was ich empfinde, einfach nicht verstehen. Jetzt verstehe ich zum ersten Mal warum. Ich will diese Diagnose nehmen und ich will sie für mich verwandeln. Ich will das nutzen und was draus machen. Aber ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. (Einen Therapeuten suche ich btw immer noch)

Ich rufe selten wirklich um Hilfe, aber hiermit tue ich es, denn ich fühle mich so unglaublich allein damit. Wenn ihr Quellen, Bücher, Podcasts, Blogs, irgendwas empfehlen könnt, ich bin offen für alles. Wenn ihr selbst eine solche Diagnose habt, wenn ihr jemanden kennt, der eine hat oder wenn ihr euch sonst irgendwie angesprochen fühlt - ich würde mich so freuen von euch zu hören. Ihr könnt den Beitrag auch gerne teilen. Danke.

Mittwoch, 20. Juni 2018

#63 Wer du bist.

Wenn sie mich fragen würden wer du bist, dann würde ich zögern. Ich würde in mich gehen, mit mir hadern. Ich würde fliehen vor der Frage, bis es nicht mehr länger geht und dann würde ich, ganz leise, flüstern: Sie ist meine beste Freundin und meine größte Feindin.

Wenn sie wissen wollten, wie du zu erkennen bist, dann würde ich sagen: Sie ist wie eine Wächterin am Tor. Sie lässt nur jene ein, die es offensichtlich gut mit mir meinen. Doch gleichzeitig schließt sie alle anderen aus. Sie will mich schützen und doch tut sie mir nicht gut, denn sie nimmt mir auch die Möglichkeit zu lernen.

Wenn ich gefragt würde, wie du aussiehst, dann würde ich erwidern: Kennst du das, wenn du einen dunklen Raum betrittst und dann das Licht einschaltest? Die Helligkeit überflutet alles, deine Augen schmerzen und du verharrst, denn du siehst nur noch dieses Licht. Du kannst nicht weitergehen, denn du weißt ja nicht was kommt. Also bleibst du stehen. Egal ob das Licht kalt oder warm ist - es ist zu hell.

Wenn ich beschreiben sollte, wie du dich anfühlst, dann würde ich das Bild von Fesseln zeichnen, die mich zugleich schmerzhaft einengen und wohlig warm umschließen. Ich würde grau als Farbe nehmen, weil es die Lähmung trifft. Weil es die Mitte ist, zwischen der Schwärze und dem Weiß.

Wenn es die Welt interessieren würde, wer du für mich bist, dann würde ich sagen: Es ist traurig, das sagen zu müssen, aber irgendwie ist sie die Welt für mich. Sie ist schon so lange da, sie war mir immer treu. Wenn sie nicht wäre, müsste ich mich wirklich fragen: Wie viel bliebe denn da noch?

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Ich bekam bei meiner Therapie die Aufgabe, meine Angst zu zeichnen, zu malen oder, falls ich beides wirklich nicht hinkriege, einen Gegenstand zu finden, der die Angst für mich verkörpert. Das war vor zwei Wochen. Ich habe mich dort vor Ort schon gewehrt gegen Malen oder Zeichnen, in beidem habe ich null Übung und meine Fantasy ist trotzdem so ausgeprägt, dass ich ein sehr klares Bild vor Augen habe, welches ich aber nie auf Papier bringen könnte - unfassbar frustrierend.
Und irgendwie regte sich auch allgemein sehr viel Widerstand in mir. Meine Angst ist schon so lange bei mir, sie ist einfach eine Konstante für mich. Daran möglicherweise etwas ändern zu müssen ist - haha - ziemlich beängstigend.
Zwei Wochen habe ich also diese Aufgabe mit mir herumgetragen, mich stetig gefragt, ob ich mich vielleicht doch irgendwann endlich mal aufraffen und einfach einen Stift in die Hand nehmen kann um herauszufinden, ob ich das mit dem Zeichnen nicht doch hinbekomme. Und dann, gestern, in einem Moment, in dem die Angst mal wieder zu Besuch war, wurde mir eines klar. Wir sind hier nicht in der Schule und das ist keine Hausaufgabe, ich kriege keine Note und niemand erwartet hier viel von mir, abgesehen von mir selbst. Malen, zeichnen, einen Gegenstand wählen - all das ist einfach nicht mein Medium. Mein Medium sind geschriebene Worte. Das ist die beste Wiedergabe all dieser Bilder, die durch meinen Kopf schwirren. Wenn die Tastatur unter den Fingern habe, fließen die Bilder über meine Finger geradezu hinein. Es sind unter anderem diese Momente, für die ich brenne.
Diese Gedanken kamen mir gestern bei einem Spaziergang. Und exakt in diesem Moment brach die Flut von Bildern in meinem Kopf auch schon los. Sie war so mächtig, dass ich mir noch unterwegs eine Bank suchen musste, um die obigen Zeilen per Handy zu tippen. Danach fühlte ich mich um mehrere Kilo leichter. Und heute, bei der Therapie, konnten wir natürlich gut mit meinem Ergebnis arbeiten.
Was lerne ich nun daraus? Es gibt eben nicht immer nur diesen einen und offensichtlichen Lösungsweg. Es gibt so viele Möglichkeiten. Und am Ende gehts um mich, nicht um irgendwelche Ansprüche, die ich irgendwem erfüllen muss. Ich habe meine persönliche Stärke genutzt und ich bin zu einem Ergebnis gekommen, das mich berührt und mir etwas bedeutet. In der Schule hätte ich vielleicht eine 5 bekommen - Thema verfehlt. Aber ich bin eben kein Kind mehr. Ich wähle jetzt die Methode und den Weg. Und das ist manchmal beängstigend, ja. Aber vor allem ist es schön.

Im Übrigen wurde mir heute dann auch noch klar, dass dieses Bild, das ich gezeichnet habe von meiner Angst, schon veraltet ist. Da hat sich nämlich richtig viel getan bei mir in den letzten Wochen und Monaten. Früher war das real für mich, die Angst "zu sein". Auch jetzt vereinnahmt sie mich manchmal noch, sie ist eben doch eine kraftvolle Emotion. Aber es gelingt mir immer öfter, sie von außen zu betrachten - manchmal mit einer Ruhe, die mich selbst beeindruckt. Und auch das zu sehen ist unglaublich befreiend. Ich hatte ja sehr viel Angst davor, in meinem Burnout und meinen Emotionen zu versinken. Aber offensichtlich tun sich da Dinge - viele Dinge. Und das feiere ich.

(Der Beitrag ist eigentlich schon von letzter Woche, kommt diesmal ein wenig verspätet an ;))

Montag, 18. Juni 2018

#62 Mein Burnout 2.0.

Also dann, sprechen wirs doch aus: Ich bin schlicht und ergreifend in meinen zweiten Burnout gerannt.
Man könnte jetzt meinen, dass ich das ja hätte kommen sehen können, weil ich das ja schon mal durch habe, oder dass mir allgemein irgendwelche Anzeichen genug Warnung hätten sein können. Aber so ist es eben mit dem Burnout: Man sieht es nicht kommen. Stattdessen habe ich mir alles so richtig schön geredet:

Dass mir mein Job schon seit 1 1/2 Jahren keinen Spaß mehr macht, weil er sich verändert hat?
- "Ach, andere habens doch schlimmer und die restlichen Kollegen machen den Job doch auch."

Dass ich seitdem (vielleicht auch noch etwas länger) immer wieder körperliche Beschwerden habe, manche auch durchgängig (zB meine Schulter, die mich nach wie vor immer wieder wahnsinnig macht, weil sich dort jede kleinste Anspannung in Schmerzen äußert)? 
- "Na komm, ich bin eben sensibel und anfällig. Da muss ich halt durch."

Dass ich nur noch müde bin, viel zu oft schlecht schlafe und daher auch oft unkonzentriert bin?
- "Das ist eben nicht ganz mein Schlafrhythmus in diesem Job. Ich arrangiere mich schon irgendwie damit."

Dass ich überhaupt keine Ahnung mehr habe, was mir eigentlich Freude macht, weil ich nach der Arbeit eben noch "irgendwas tue", aber keinen Elan mehr für Dinge habe, die mir wichtig sind?
- "Ich hab eben mein Hobby fürs Leben noch nicht gefunden. Und ohne Antrieb sein ist in der heutigen Zeit doch normal. Ich mache ja wenigstens noch ein bisschen was, andere fallen einfach nur noch aufs Sofa."

Dass ich ständig Ängste und Sorgen von der Arbeit und bezüglich meiner Beziehungen zu meinen Kollegen mit nach Hause nehme, ich im Kopf stetig Diskussionen und Gespräche nochmal führe und mich das überhaupt viel zu sehr vereinnahmt?
- "Ich bin halt ein Sensibelchen und kann mich nicht gut abgrenzen, aber ich arbeite ja dran."

Dass ich zu den Menschen, die bei mir vorsprechen, immer unfreundlicher werde und teilweise Dinge entscheide, die gar nicht "ich" sind?
- "Man braucht halt ein dickes Fell für diesen Job. Vielleicht kriege ich das jetzt eben so langsam."

Dass ich schon im Januar einen Blogeintrag geschrieben habe, in dem ich ausführe, dass ich meinen Job eigentlich gar nicht mehr mag, ihn aber nie veröffentlicht habe?
- "Das ist ne Phase, das geht rum!"


Kurzum: Es ist unglaublich, wie sehr man in der Lage ist, sich selbst zu bescheißen, wenn man einfach fest glaubt, dass man Dinge doch auch einfach mal durchziehen muss, wenn die eigenen Muster so mächtig sind und wenn die eigene Angst vor Veränderungen so groß ist wie die meinige.
Ich war bereit, alles Mögliche in Erwägung zu ziehen, um nicht näher hinschauen zu müssen.
Vor ungefähr einem halben Jahr war ich an einem Punkt, an dem ich mich zwischenzeitig mal gefragt habe, ob ich nicht meine Beziehung zugunsten meines Jobs aufgeben sollte, weil sie zeitweise sehr anstrengend war.
Das wird mir heute erst so richtig bewusst und ich erschrecke mich selbst darüber, wie viel ich doch investiert habe, um an meinem alten Glaubenssatz festzuhalten: Ein sicherer Job geht über alles. 
Sollte man das nicht nach dem ersten Burnout gelernt haben? Nope, scheinbar nicht. Mein Leben ist der Meinung, dass ichs noch nicht verstanden habe. Daher jetzt also Nummer 2.
Es ist so erschreckend, wie viel man im eigenen Leben kaputt machen kann, wenn man an Ansichten und Glaubenssätzen festhält, die heute nur noch kontraproduktiv sind.
An meiner Beziehung habe ich damals zum Glück festgehalten und habe mich dem Druck vermeintlich richtiger und wichtiger uralter Ansichten nicht gebeugt - heute ist der Mann an meiner Seite mein größter Halt (neben mir selbst, daran arbeite ich nämlich gerade sehr fleißig) und unsere Beziehung ist mit einer Schönheit und Leichtigkeit gesegnet, die mir immer mal wieder vor Freude die Tränen in die Augen treibt.
Ich habe lange lange Zeit gedanklich Krieg gegen meine Eltern geführt, weil sie mir  bestimmte Dinge mit auf den Weg gegeben haben, die mein kindliches Ich ins Extrem überspitzt hat, aus Angst etwas falsch zu machen. Ich habe so viel Kraft investiert in innere Kämpfe, in Trauer und Wut.
Ich habe meine Gesundheit grenzenlos vernachlässigt, mein Körper war nur noch unzufrieden.

Ich habe mich so lange betäubt und erst jetzt, da ich nach und nach alle meine Betäubungsmittel (Rauchen, Alkohol, Schokolade, Sex, Social Media, Sozialkontakte uvm.) aufgegeben oder reduziert habe bzw. zeitweise reduzieren musste (durch körperliche Erkrankungen und die Depression) und keine andere Wahl mehr hatte, als in den Spiegel zu schauen und mich mit dem zu befassen, was es da zu sehen gab - erst jetzt habe ich all das wirklich sehen können.

Tja, und wie jetzt weiter? Jetzt lerne ich wieder zu leben. Ich lerne, wieder Spaß zu haben. Ich lerne, was wirklich wichtig ist. Ich stelle mich selbst wieder auf die Beine, gehe zur Therapie und zur Osteopathie, bewege mich draußen, habe 8 Kilo abgenommen. Ich meditiere, lese. Ich schlafe! Ich suche nach Dingen, die mir Freude bereiten und fange wieder an, Pläne zu schmieden. Ich bekomme endlich wieder eine Idee davon, wer ich bin. Ich nehme alle meine Beziehungen unter die Lupe, schaue was mich bisher belastet hat und was ich in Zukunft für mich anders machen kann.
Sechs Wochen bin ich jetzt zu Hause und seit ungefähr einer Woche habe ich das Gefühl, dass ich wieder auf dem Weg bin. Das Gefühl von Sinnhaftigkeit kehrt ganz langsam und ganz leise in mein Leben zurück und auch wenn ich noch sehr vorsichtig bin, kriege ich so langsam eine Idee davon, wie sich mein Leben anfühlen könnte, wenn ich es rundum mit Liebe lebe. Der Weg, der vor mir liegt, ist ganz sicher lang und oft bestimmt auch schwierig, aber ich habe endlich wieder Lust, ihn zu gehen. Schritt für Schritt. Und ich lasse euch gerne daran teilhaben.

Dienstag, 8. Mai 2018

#61 Muss es denn schwarz oder grau sein?

Das hier ist irgendwie ein Rant, irgendwie bin ich wütend und irgendwie traurig und irgendwie muss das einfach mal raus, weil es mich eigentlich schon so lange stresst. Und jetzt nervts mich halt so sehr, dass ich endlich mal Worte dafür suche. Und finde.

Ich bin seit Freitag krank zu Hause. Ja, mal wieder. Während ich in den letzten Monaten auch einfach oft Pech hatte (langwieriger grippaler Infekt, Blasenentzündung und andere Spaßigkeiten), hat es mich diesmal psychisch mal wieder richtig umgeworfen. Gründe gibts dafür mehrere. Ein paar Beziehungsdinge, die auf meine üblichen Muster trafen. Allgemein eine stressige Zeit, dadurch, dass durch meine Blasenentzündung vieles liegen blieb. Auf Arbeit wieder Themen, die mir auch am Allerwertesten vorbeigehen könnten, das aber nicht tun, weil ich - gerade wenn ich sowieso schon gestresst und angeschlagen bin - nicht so richtig in der Lage bin, mich abzugrenzen. Und dann kam am Donnerstag die Eröffnung, dass man mir zwar eine ambulante Therapie nahelegt, aber dass ich jetzt leider nochmal mit vier Monaten auf der Warteliste rechnen muss, denn die bisherigen fünf Monate seien ja nur die Warteliste für das Erstgespräch gewesen.
Hätte ich ja irgendwie ahnen können. Trotzdem bin ich damit schlicht und ergreifend vollkommen in mir zusammengefallen. Ich hab mich echt an dieser Sache festgehalten, in der Hoffnung, dass ich endlich ne Möglichkeit kriege, häufiger, stetiger und gezielter an meinen Themen zu arbeiten. Die Gespräche, die ich aktuell alle zwei Wochen führe, sind zwar auch hilfreich und wichtig und ich bin unsagbar froh, dass ich gleich am Freitag eins hatte, denn das hat mich wenigstens davor bewahrt, vollkommen im schwarzen Sumpf zu versinken. Aber dennoch - Das kanns doch einfach nicht sein, dass man Menschen mit psychischen Problemen so hängen lässt. Das macht mich gleichzeitig so traurig und so wütend, dieses Scheiß-System. Aber darüber könnte ich tagelang schimpfen und es würde auch nichts bringen. Also schimpfe ich lieber über andere Dinge, die mir wesentlich näher gehen. Und vor allem Dinge, über die ich immer wieder Angst habe zu sprechen.

Ich bin jetzt also zu Hause, die ganze Woche. Ich habe Freitag schon geahnt, dass es so kommt, weil ich mich mittlerweile gut genug kenne. Also nahm ich mir vor, dass ich gar nichts muss. Ich muss nirgendwo hingehen, ich muss gar nichts tun, wenn ich das Gefühl habe, dass ich nicht kann. Das ist sinnvoll, weil ich mir damit für den Moment den Druck nehme und überhaupt wieder ins Handeln komme - und sei es nur, dass ich plötzlich wieder die Energie finde, den Müll runter zu bringen. Aber dennoch sind diese Gedanken mit unglaublich viel Scham und Schuldgefühl behaftet. Denn wem kann man das denn erzählen, dass man freitags schon weiß, dass man montags vermutlich nicht arbeiten wird? Am Ende bin ich damit doch vor allem "die Faule, die sich schon mal ne freie Zeit geplant hat". Oder nicht?
Und dann gehts weiter mit den Gedanken eben dieser Kategorie. Ich bin also zu Hause und ich bin krank geschrieben, weil ich gerade depressiv bin. Darf ich denn jetzt in der Sonne sitzen und lesen? Darf ich draußen spazieren gehen? Darf ich den Tag schön finden? Darf ich Fotos davon machen und sie auf Facebook stellen? Darf ich abends tanzen gehen, wenn mich das von meinen Tränen ablenkt? Darf ich mit dem Mann meines Herzens irgendwo essen gehen und mich einfach nur darüber freuen, dass wir sind wo wir sind und dass es schmeckt? Darf ich mein Leben auch in Phasen der Depression irgendwie genießen oder muss dann einfach alles schwarz oder grau sein?
Natürlich darf ich. Ich darf all das, wer soll es mir verbieten? Jeder Psychologe, auch jeder Hausarzt, würde mir dazu raten, jetzt das zu tun, was mir gut tut und was mir dabei hilft, wieder auf die Beine zu kommen. Aber das, meine Lieben, ist eben nur die Theorie.
Dann kommt die Praxis um die Ecke und schlägt dir ins Gesicht. Da gibt's nämlich immer irgendwelche verständnislosen Arschgeigen. Und die sind davon überzeugt, dass du eben faul bist und keinen Bock hast. Die sehen in dir nur die Person, die gerade nix leistet und sich stattdessen bei schönem Wetter nen schönen Tag macht. Die Versagerin, die Memme, die Unkollegiale, die schlechte Freundin. Und ja, es gibt zum Glück nur sehr wenige dieser Menschen in meinem Leben. Aber die paar Wenigen, die sind meistens laut. Und es ist so schwer für mich, mich da abzugrenzen. Genau das ist ja irgendwie auch ein Teil meiner Problematik. Und wenn ich dann so müde und am Boden bin, wie das jetzt der Fall ist, dann kann ich es eben gar nicht mehr. Dann werde ich klein und lasse all diese Gefühle und Emotionen, all diese Äußerungen und Blicke nur noch über mich ergehen. Dann gebe ich auf, ziehe mich zurück, verkrieche mich.

Jetzt, da ich hier sitze und diese Worte tippe, bin ich unfassbar wütend über diese Umstände. Es macht mich endlos sauer, wie arschig Menschen sein können. Und auch, dass ich mich so schlecht wehren kann. Ich arbeite daran und das tue ich verdammt nochmal jeden Tag. Auch in den letzten Tagen habe ich wieder neue Dinge gelernt und erkannt und auch wenn sich das alles irgendwie nach abgef****** Sh*t anfühlt, weiß ich doch, dass es am Ende wenigstens noch zu irgendwas gut ist.
Aber was wirklich zu gar nix gut ist, das sind Menschen, die der Meinung sind, noch auf den Schwächsten rumhacken zu müssen. Menschen, die mich plötzlich ignorieren oder mir die kalte Schulter zeigen, weil ich in ihren Augen nicht funktioniere. Menschen, die vor ihren eigenen Problemen davonlaufen und einen Schuldigen brauchen, um nicht in den Spiegel schauen zu müssen.

Es ist das Gefühl, mich verstecken zu müssen hinter schwarzen Gardinen in einem dunklen Keller, das mich so wütend macht. Denn ja, verdammt, ich bin depressiv. Aber ich habe auch das Recht zu lachen. Gestern. Und heute. Und morgen auch noch. Und wenn ich mir zwischen all diesen Phasen in Schwarz und Grau einfach mal eine bunte Phase gönne, dann will ich mich nicht rechtfertigen müssen. Ist das schwer zu verstehen?

Donnerstag, 29. März 2018

#60 Novum Castrum 3 - Ein Con-Rückblick in Rolle.

Ich war vergangenes Wochenende mal wieder auf einer Rollenspiel-Con. Und da ich gerade in letzter Zeit immer häufiger feststelle, dass ich die Cons mittlerweile ganz anders angehe, viel gezielter und tiefer ins emotionale Spiel einsteige und daher wahnsinnig intensive Spielerlebnisse habe, möchte ich zukünftig auch über solche Cons schreiben, wenn sie mich bewegt haben.
Novum Castrum 3 war also der dritte Teil einer Reihe (http://www.novum-castrum.de), die ein Vampire - Dark Ages Setting behandelt. (Mehr zum grundsätzlichen System: https://de.wikipedia.org/wiki/Vampire_aus_der_Alten_Welt)
Es treffen also verschiedene Vampire verschiedener Clans und verschiedener Domänen aufeinander und wie immer geht es um Macht und Intrigen. Mein Charakter, Magdalena, ist vom Clan Gangrel (http://de.vampiremaskerade.wikia.com/wiki/Gangrel) und gehört damit zu den “niederen Clans”. Sie hat keine feste Domäne, sondern lebt im Wald um die Domänen Siegburg und Blankenburg, war aber zuletzt länger auf Reisen.

Für alle, die Vampire nicht kennen, wird das jetzt vielleicht nicht ganz leicht nachzuvollziehen, aber dennoch werde ich einfach einen Rückblick aus Sicht der Rolle schreiben, denn ich will nicht nur einen Einblick in das geben, was ich erlebt habe, sondern gleichzeitig auch eine tiefgehende emotionale Erfahrung verarbeiten. Es hat sich nicht alles genau so zugetragen, ich verändere das Setting bzw. dessen Wiedergabe einfach entsprechend meiner Emotion und Wahrnehmung und kürze hier und da Dinge heraus, auch weil ich mich nicht mehr an alles erinnern kann oder weil manches für Magdalena einfach nebensächlich war. Aber natürlich sind die Kernpunkte schon so passiert. Dem Rückblick in Rolle (IT) wird vermutlich in naher Zukunft noch ein Rückblick außerhalb der Rolle (OT) folgen. Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß mit Magdalenas Geschichte.

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Die erste Nacht

Ich gehe langsam, zögere immer wieder. Noch fünf Stufen. Noch vier. Ich bin nicht sicher, ob es nicht ein Fehler war, herzukommen. Kurz halte ich inne. Niemand da, noch keiner hat mich gesehen. Ich könnte einfach umdrehen und wieder gehen und keiner wüsste, dass ich hier war. Aber es ist dennoch wichtig, dass ich hier bin. Ich habe eine Aufgabe. Also gehe ich weiter. Zögerlich, aber ich gehe weiter.
Nachdem ich über die Türschwelle getreten bin, lasse ich den Blick durch den Raum schweifen. Viele mehr oder minder bekannte Gesichter. Einige vermisse ich noch. Und eines steuert zielstrebig auf mich zu.
Samuels Gesichtsausdruck und sein zackiger Schritt lassen einen gewissen Zorn erahnen. “Wo bist du gewesen?”, zischt er mich an. Ich weiche instinktiv zurück, zeige die Zähne. “Weit weg.” Er treibt mich weiter zurück, macht mir Vorwürfe. Sie hätten mich gebraucht. ER hätte mich gebraucht. Ich schnaube, halb angewidert, halb lachend. Was fällt ihm nur ein, so mit mir zu reden? Für wen hält er sich eigentlich? Dann gehen wir auseinander.Ich schaue dem elenden Malkavianer nach und dann, zwangsläufig, fällt mein Blick auf IHN.

Gideon.

Ich erstarre in der Bewegung, das Blut in meinen Adern gefriert. Dann treffen sich unsere Blicke. Seiner ist nicht zu deuten. Und ich ziehe mich vorsichtig zurück. Die Emotionen in meiner Brust wallen auf, ich muss mich sammeln. Der Hass und der Schmerz vieler Jahre ohne ihn. Die Enttäuschung und Trauer über den Verrat, den er an mir begangen hat. Und zugleich diese widerliche, aber doch so starke Zuneigung. Liebe. Das Gefühl, tiefster Verbundenheit. Ich lehne mich an eine Säule, schließe die Augen. Versuche, die Fassung zu bewahren.
Als ich die Augen wieder öffne, bin ich kalt wie Eis. Meine Gefühle habe ich in der hintersten Ecke meines Herzens eingepfercht. Schließlich folge ich Gideons auffordernder Geste und setze mich an seinen Tisch. Er hat mir den Platz neben sich angeboten, doch ich halte es in Anbetracht der Situation für angemessener, den massiven Holztisch zwischen uns zu haben.
Während er in aller Ausführlichkeit darlegt, dass er mich ja schmerzlich vermisst habe und wie enttäuscht er darüber sei, dass ich einfach verschwunden bin, fixiere ich abwechselnd ihn und Samuel, der nicht von seiner Seite weicht. Beide haben diesen vorwurfsvollen Blick. Und beiden würde ich am liebsten ausgiebig die Fresse polieren. Meine Fingernägel bohren sich in das Holz des Tisches und ich schüttele widerwillig den Kopf. Warum nur sitze ich hier?
Gideon ist mittlerweile dazu übergegangen, mir klar machen zu wollen, dass die Blankenburg doch mein Zuhause sei und ich sie begleiten solle, wenn dieses Treffen vorüber ist. Ich lache wieder nur, diesmal eher verzweifelt. Denn auch wenn ich ihn gerne in Fetzen reißen würde - gleichzeitig will ich auch nicht mehr ohne ihn sein. Glücklicherweise gibt es ja noch Samuel. Jedes seiner Worte ist mir so unsympathisch, dass ich schnell wieder weiß, warum ich eigentlich überhaupt nicht auf der Blankenburg verweilen will. Dann endet das Gespräch mit dem Eintreffen der Gastgeberin. Wir erheben uns.

Richeza, die Fürstbischöfin zu Köln, hat zum Jubiläum ihrer Herrschaft geladen. Die alte Brujah ist immer noch genauso anmutig, genauso überzeugt von sich und ihrer Position wie vor vielen Jahren. Und Gideon hasst sie noch immer. Ich sehe es an seinem Blick als sie den Raum betritt, bevor ich schließlich die Situation ausnutze und mich aus dem Gespräch stehle.
Für mich ist klar, dass ich Gideon allein sprechen muss. Ohne Samuel. Allein der Gedanke an ihn lässt mich die Nase rümpfen. Was findet Gideon nur an diesem Kerl?

Ich bahne mir meinen Weg durch die Anwesenden. Die Domäne Kaiserswerth ist mittlerweile eingetroffen. Gereon von Rath herrscht dort, ein alteingesessener Ventrue. Er spricht mich an. Stellt sich vor. Als ich erwähne, dass ich nirgends fest beheimatet bin, preist er mir Kaiserswerth an. Ich danke zwar artig, muss aber innerlich lachen. Kaiserswerth! Dann doch eher die Blankenburg. Trotzdem - für einen Ventrue ist er schon bemerkenswert nett. Wenn auch anders als Gideon. Und schon wieder denke ich an ihn. Ich schüttele den Kopf als könnte ich meine wirren Gefühle dadurch loswerden, dann verabschiede ich mich von Gereon von Rath und sehe mich weiter um.

Auch Siegburg ist mittlerweile eingetroffen. Ohne Prinz. Scheinbar haben sie den letzten Statthalter, den Richeza eingesetzt hat, einen Kopf kürzer gemacht. Siegburg fehlt mir manchmal. Auch wenn es nicht mehr so viele der alten Gesichter gibt. Katharina ist noch da. Felix. Der Rest ist mir mehr oder minder fremd, aber dennoch scheinen sie zum üblichen, lockeren Siegburger Volk zu gehören. Ich mag die Mentalität dieses Städtchens. Vielleicht sollte ich irgendwann zurückkehren.
Ich unterhalte mich hier und da, man kennt mein Gesicht. Vielleicht erkennen sie mich auch einfach auf Grund der Hörner. Haben halt nicht so viele, sowas.
Dann trifft mein Clan ein. Jaroslav, der sich mittlerweile zum “Fürsten des Waldes” ausgerufen hat. Hedwig, noch immer wortkarg. Die restlichen Gangrel sind auch nicht unbedingt gesprächig. Ich wechsele hier und da ein paar Worte. Aber am Ende habe ich doch immer wieder nur Augen für Gideon. Verflucht nochmal.
Wieder ergreift mich der Zorn auf ihn. Der elende Mistkerl hat dich bezirzt, dich mit Hilfe seines Blutes an sich gebunden und dich benutzt, Magdalena. Du hast ihn gerne, aber du weißt selbst nicht mehr, wie viel davon echt ist. Vergiss das nicht.
Ich bete mir die Worte wieder und wieder vor, aber ich komme zu nichts. Am Ende sehe ich mir selbst dabei zu, wie ich Gideon kurz alleine abpasse und ihn um ein Gespräch unter vier Augen bitte. Er willigt ein. Wenig später treffen wir uns draußen. Der Nachthimmel ist verhangen, dennoch ist es eiskalt. Wir gehen ein Stück, dann bleiben wir an einer Mauer stehen mit einem Blick auf das Tal.
Warum ich nicht wiedergekommen bin, fragt er mich. Und ich kann nur den Kopf schütteln. “Das weißt du genau, Gideon. Weil du mir meine Sinne genommen hast. Weil ich nur noch frei entscheiden kann, wenn sehr viel Distanz zwischen uns liegt.” Ich seufze. Und er versucht es wieder. Er lächelt. Streckt die Hand nach mir aus. Ich weiche zurück. Und muss bitter lachen. Ein Ventrue und eine … Ziege. Ich würde es ja selbst nicht glauben, wenn mir jemand davon erzählen würde. Gideon versucht alles. Er nutzt seinen Charme, doch ich blocke ab. Wir kommen uns näher, dann weiche ich wieder zurück. Am Ende gehen wir frustriert auseinander. Er, weil er seinen Willen nicht bekommen hat. Ich, weil ich nicht einmal mehr weiß, was mein Wille eigentlich ist.

Die Gespräche aller anderen Anwesenden drehen sich in dieser Nacht vor allem um die Umbrüche, die die Gesellschaft der Kainskinder bewegen. Die Camarilla wurde gegründet. Eine Sekte mit starkem Bestreben nach Ordnung und Geheimhaltung. Ihr entgegen steht der Sabbat, das finstere Chaos. Dazwischen jene, die sich keiner Sekte zugehörig fühlen wollen. Und alle hier vertretenen Domänen müssen sich entscheiden. Manche Tendenzen sind schon abzusehen. Köln und Kaiserswerth sind der Camarilla recht nahe. Siegburg hat keine wirklich Ahnung, aber sie sind dem Sabbat wahrscheinlich näher. Gideon hasst die Camarilla, für ihn ist die Freiheit wichtiger. Also fassen er und Samuel den Entschluss, dass Siegburg, Blankenburg und Lennep (dort sitzt ein Kind von Gideon) ein schönes Bündnis unter Gideon bilden könnten. Mir erzählen sie davon nichts, beide trauen mir nicht mehr genug. Aber wie schon immer habe ich gute Ohren. Solche Dinge entgehen mir nicht.

Zwischenzeitlich gerate ich in ein Gespräch des gesamten Ventrue-Clans. Eigentlich hatte ich nur aus der Ferne geschaut, doch Gideon zieht mich hinzu und stellt mich seinen Clansbrüdern als eine Vertraute vor. Ich fühle mich falsch zwischen ihnen … und dennoch gebe ich gute Ratschläge. Sie hören mir zu. Aus irgendeinem Grund akzeptieren sie mich. Vielleicht brauchen sie eine Stimme der “Niederen”. Ich schüttele mich. Das ist sicherlich nicht die Position, in der ich sein möchte. Und dennoch … Das Gefühl, irgendwie dazu zu gehören und Dinge lenken zu können … Früher hat mich das nicht interessiert, aber jetzt gerade … irgendwie reizt es mich.

Verwundert über meine eigenen Gedanken verlasse ich schließlich die Runde und mische mich wieder unter das Volk. Immer wieder verirre ich mich unter die Siegburger, gebe auch ihnen Ratschläge und werbe für Gideon. Gleichzeitig bleibt mir Samuel ein Dorn im Auge, doch ich verstehe selbst noch nicht so ganz, was eigentlich mein Problem ist. Und dann fällt irgendwann der Groschen. Ich sitze gerade mit Gideon und Samuel am Tisch, als letzterer aufsteht und den Tisch ohne große Worte verlässt. Gideon macht Anstalten sich ebenfalls zu erheben, hält sich aber zurück und blickt Samuel einfach nur nach. In diesem Moment begreife ich. Ich kenne diesen Blick. Es ist der Blick, mit dem ich IHM nachsehe, wenn er geht. Die Art und Weise, wie Gideon Samuels Nähe sucht.
Das, was die ganze Zeit über schon in mir gärte, beginnt zu kochen. Eine Welle rasender Eifersucht überrollt mich und ich entferne mich vom Tisch. Wenn ich mich nicht beruhige, tue ich etwas sehr Dummes. Also stürme ich nach draußen. Ich stapfe grollend durch den Burghof, begegne einzelnen Individuen. Dann plötzlich Samuel, der mir sagt, ich solle auf Gideon aufpassen. Und während ich mir noch mit mir selbst uneins bin, ob ich lieber ihn zerreißen oder Gideon schützen möchte, tragen mich meine Füße bereits zu dem Einen, den ich irgendwie liebe. Und hasse. Aber liebe.

Ich fordere erneut ein Gespräch. Wir treffen uns wieder an derselben Stelle. Und ich konfrontiere ihn mit meiner Beobachtung. Aber er bestreitet es. Sagt mir, ich solle nicht dumm sein. Kommt mir näher, schmeichelt mir. Zieht dann mit der rechten Hand langsam seinen linken Ärmel nach oben und bietet mir sein Handgelenk dar.
Ich erinnere mich an den Geschmack. Lange habe ich nichts so Süßes mehr gekostet. Ich bin so versucht. Wenn ich jetzt trinke, muss ich nicht mehr denken. Ich muss mich nicht mehr wehren. Ich kann mit ihm gehen und die Blankenburg mein Zuhause nennen. Ich kann aufhören zu kämpfen. Und doch wäre ich dann nichts anderes, als eine weitere Marionette Samuels. Ich wäre in Ketten. Nie wieder frei.
Ich weiche angewidert zurück und herrsche ihn an: “Wie kannst du es wagen? Was fällt dir ein, dich zu dieser Geste zu erdreisten? Ist dir klar, welche Schmerzen du mir zugefügt hast mit deiner Entscheidung, mich gefügig zu machen? Über Jahre hinweg hat es mich all meinen Willen gekostet, mich von dir fernzuhalten. Es tat körperlich weh. Und nun, da ich wieder klar denken kann, bietest du mir das erneut an?” Ich vergesse mich fast, während er beschwichtigend versucht auf mich einzureden. Dann beruhige ich mich irgendwann doch. Denn auch wenn ich lieber gehen will - seine Nähe ist zu schön. Ich habe ihn vermisst. So sehr. Und trotzdem … da ist immer noch Samuel. Er ist im Weg. Und er ist eine Gefahr für Gideon. Und damit auch für mich.
Noch während wir dort Seite an Seite stehen und schweigend, beschließe ich, dass ich Samuel loswerden muss. Ganz.

Als erstes setze ich meinen Clan davon in Kenntnis, als wir uns später in der Nacht zusammensetzen und uns über den aktuellen Stand in den Domänen austauschen. Ich werbe für Gideon, aber erzähle allen auch gleichzeitig, dass Samuel ihn beeinflusst und dass ich ihn tot sehen möchte. Sie wissen jetzt von Gideon und mir. Keine Details, aber wahrscheinlich können sie sich das meiste eh denken. Dennoch widerspricht mir niemand. Jaroslav weist mich nur darauf hin, dass ich zumindest Richezas Einverständnis haben sollte. Immerhin ist es ihr Grund und Boden. Ich nehme den Ratschlag dankend an und setze ihn umgehend in die Tat um.
In einem langen und umständlichen Vortrag versuche ich ihr verständlich zu machen, was mein Problem ist. Am Ende frage ich einfach nur, ob sie es für legitim hält, jemanden zu töten, wenn man damit jemanden retten kann, den man liebt. Sie bejaht. Ich nicke, dankbar. Und kehre kurze Zeit später wieder zu ihr zurück, um sie um die konkrete Erlaubnis zu bitten, Samuel zu töten. Es überrascht mich nicht wirklich, dass sie einwilligt. Sie verweist mich sogar an Gereon von Rath. Der macht sich nämlich ebenfalls Sorgen um seinen Clansbruder. Und ich ziehe dankbar weiter, um selbigen um seine Hilfe zu bitten. (Heute ist mir übrigens bewusst, dass mich mein reger Kontakt zu Richeza und Gereon viele Sympathiepunkte gekostet hat bei den Anwesenden, die nicht zur Camarilla stehen. Aber in diesem Moment war das irrelevant für mich, es zählte nur Gideon.)
Der alte Ventrue sagt mir seine Unterstützung zu. Und kurz darauf verschwinde ich, um mich zur Tagruhe zu begeben. Ich habe Pläne zu machen.



Die zweite Nacht

Ich bin noch nervöser als in der letzten Nacht, als ich die Räumlichkeiten betrete und mich umsehe. Es ist noch kaum jemand da, interessante Gesprächspartner kann ich noch keine entdecken. Nur Gideon sitzt dort. Bestellt mich wieder zu sich. Und diesmal setze ich mich neben ihn.
Wir drehen uns im Kreis, am Ende geht es wieder um dasselbe. Ich soll ihn begleiten. Ich weigere mich, weil ich nicht mit ihm komme, solange er Samuel hörig ist. Er streitet es ab und unterstellt mir, dass ich mir alles nur einbilde. Ich werde wütend, er wird wütend. Irgendwann bin ich so genervt, dass ich den Tisch verlasse.

Ich warte auf Gereon von Rath. Er ist wichtig für mich, denn er muss Gideon ablenken, wenn ich Samuel zur Rede stelle und anschließend töte. Das ist mein Plan. Als Gereon dann irgendwann erscheint, sagt er mir seine Unterstützung für diesen konkreten Plan zu und positioniert sich in Gideons Nähe. Doch die Zeit vergeht und ich erwische Samuel einfach nie alleine.
Irgendwo sei ein Ritual im Gange, hört man die Anwesenden munkeln. Und Gideon will mich dorthin schicken, weil es angeblich Blutsbänder brechen soll. Ich höre mir die Theorien an und lache nur, als ich erfahre, dass sich viele aneinander binden, um andere Bande zu brechen. Ein schlechter Scherz. Lieber bin ich mit ihm verbunden als mit einem Haufen Chaoten.
Am Ende entscheidet Richeza, dass sie die Vorgänge nicht gutheißen kann und schickt ihre Ergebenen hinunter in den Hof, um dem Ritual Einhalt zu gebieten. Auch Gideon erhebt sich schließlich - und ich folge ihm. Es wird gefährlich, das weiß ich schon. Doch ich weiche nicht von seiner Seite. Nur kurz lasse ich ihn alleine, als er mich bittet, dem Lasombra, der das Ritual durchführt, eine Nachricht zu überbringen. Doch so schnell wie ich gegangen bin, kehre ich zurück. Ich habe mich entschieden. Damals wie heute stehe ich an seiner Seite.

Die Lage spitzt sich zu, Tremere und Tzimisce, die Ventrue gegen “den Pöbel”, alle streiten sich. Gideon bleibt auf der “sicheren Seite” stehen, stets bereit, die Seite zu wechseln, falls es notwendig sein sollte. Auch das wird mir erst jetzt klar. Er hat eben alles durchdacht.
Nach einiger Zeit gesellt sich Samuel zu uns. Ich versuche, ihn zu provozieren, will ihn zur Rede stellen. Doch die beiden haben Pläne. Richeza ist fast alleine oben in der Burg. Also machen Gideon und Samuel sich auf den Weg, sie wollen Rache. Ich folge.
In mir streiten sich viele Fronten. Ich könnte ihnen helfen. Oder nicht. Ich könnte … Ich weiß nicht was ich könnte oder will. Gerade kann ich nur eines: Gideon nicht von der Seite weichen. Ich weiß, dass er gleich einen großen Fehler machen wird. Und ich weiß nicht, ob oder wie ich ihm wirklich helfen kann. Dann sind wir auch schon oben.

Außer Richeza ist nur noch eine Toreador im Raum. Gideon tritt von links an beide heran, spricht laut und deutlich. Er bereitet eine Rede vor, wie immer sucht er den großen Auftritt. Dann trifft Richezas Blick den meinen. Fast unmerklich nickt sie in Samuels Richtung, der sich von rechts an sie heranwagt. Und ich nutze den Moment.
Sowohl Gideon als auch Samuel sind so abgelenkt, dass sie nicht bemerken, wie ich mich Samuel lauernd von hinten nähere. Ich springe ihm in den Rücken, bohre meine Klauen, die ich am heutigen Abend dauerhaft zeige, in sein Fleisch. Wir ringen miteinander, taumeln durch den Raum. Am Ende prügele ich so lange auf ihn ein, bis er in Starre am Boden liegt.

Ich lasse von ihm ab und springe auf. Richeza und ihre Begleiterin stehen vor Gideon, er ist an die Wand gedrängt. Kurz ergreift mich Panik. Sorge. Dann springe ich dazwischen. Ich drücke ihn an die Wand, sorge dafür, dass er sich nicht wehren kann. Und zugleich verteidige ich ihn vor Richeza. Es fallen Worte, doch ich kriege gar nichts mit. Gideon hinter mir flucht und versucht erneut mich einzuwickeln, damit ich ihn loslasse, doch mein Drang danach, ihn zu schützen, ist stärker.
Schließlich betritt Gereon von Rath den Raum. Sowohl er als auch Richeza drängen mich dazu, Samuel den Rest zu geben. Ich übergebe Gideon an Gereon, allerdings nicht ohne mir vorher versichern zu lassen, dass ihm nichts geschehen wird. Dann schlage ich zu und versetze Samuel den letzten Stoß. Er stirbt unspektakulärer, als ich es mir erhofft hatte. Doch ich verspüre Genugtuung.

Gideon schreit. Der Bruch des Blutsbandes ist so deutlich, dass nun niemand mehr daran zweifeln kann. Er beschimpft mich. Sagt, dass ich ihm die letzte Verbindung genommen habe. Ich werde starr. Kurz überlege ich, auch ihn zu töten. Doch dann versucht Gideon erneut, auf Richeza loszugehen. Also werfe ich mich wieder dazwischen und gebe ihr schließlich das Versprechen, auf ihn aufzupassen.
Sie geht nach unten auf den Hof, um die Lage dort zu beruhigen. Alle folgen ihr. Wir bleiben zurück. Gideon redet auf mich ein. Das sei unsere Chance, wir müssten sie töten. Richeza hätte es verdient, sie sei auch nicht besser als alle anderen. Und je länger er redet, desto eher glaube ich ihm. Schließlich führe ich ihn nach unten. Immer wieder versucht er, irgendwen anzugreifen und schafft es nur nicht, weil ich ihn halte. Ich bin gefangen zwischen allen diesen Eindrücken, aber irgendwo tief drinnen wird mir schon jetzt klar, dass Gideon verloren ist. Er ist so voller Hass. Er keift und flucht. Und wahrscheinlich wird er nicht davon loskommen solange Richeza lebt.

Auf dem Hof wird wieder diskutiert - oder immer noch. Alle reden durcheinander, überall sieht man Waffen. Manche sind vom Hof verbannt worden, manche sind abgereist. Manche sind tot. Aber keiner wagt es, wirklich den Aufstand zu proben.
Gideon wittert erneut seine Chance und ergreift das Wort gegen Richeza. Ich lasse ihn jedoch nicht an mir vorbei. Lange Zeit halte ich ihm und seinen Worten stand. Dann irgendwann tritt Jaroslav heran und fordert die Umstehenden auf, Gideon eine Waffe zu geben. Dieser nimmt sie dankbar entgegen. Schwingt noch einmal große Reden. Dann lasse ich ihn los.

Blind vor Wut rennt er hinein in die fünf Bewaffneten, die Richeza verteidigen. Sie schmettern ihn zurück, er prallt gegen mich. Einen Moment wird mir schwindelig, ich versuche nicht zu fallen. Dann liegt er plötzlich am Boden.
Es ist unzählige Jahre her, dass ich meinen letzten Atemzug tat und viele menschliche Eigenschaften habe ich bereits vergessen, doch jetzt, in diesem Moment, der sich wie ein ganzes Jahrzehnt anfühlt, kann ich spüren, dass mein Herz bricht. Ein schrilles Klirren jagt durch meinen Kopf. Ich höre mich schreien. Um nicht wahnsinnig zu werden vor Schmerzen, reiße ich die Augen auf und richte den Blick auf all jene, die beteiligt waren.
In blinder Wut gehe ich auf Geryss los. Sie ist meine Clansschwester. Und sie hat geholfen, ihn zu töten. Zu töten. Gideon ist tot. Ich schlage auf sie ein, ringe auch mit ihr, wie zuvor mit Samuel. Doch sie ist stärker als ich und irgendetwas lässt mich zurückweichen. Sie folgt mir nicht, lässt mich gehen. Heute würde ich mir wünschen, sie hätte mich einfach getötet. Schlussendlich fällt mein Blick wieder auf ihn. “Gideon…” Es ist nur ein Flüstern, aber es sagt alles aus.
Richeza bittet darum, dass man ihn anständig bestatten möge. Und ein letztes Mal hebe ich ihn vom Boden und bringe ihn fort.

Ab hier ziehen die Ereignisse nur noch in Schemen an mir vorbei. Früher habe ich mich immer gefragt, warum manche der Unseren so dumm sind, ihr eigenes Blut zu verbrennen um menschlich zu wirken. In dieser Nacht bin ich dankbar für die Möglichkeit, Tränen zu weinen, die zwar nicht echt sind, sich aber dennoch so anfühlen.

Ich bin taub. Nehme alles nur noch durch einen Schleier wahr. Irgendwann finde ich mich neben Jaroslav wieder. Er tröstet mich. Zu diesem Zeitpunkt ist mir noch nicht klar, dass er dafür gesorgt hat, dass Gideon die Möglichkeit zum Sterben bekam. Vermutlich weil Jaroslav mich befreien wollte.
Um mich herum streitet man sich darüber, wer nun die Blankenburg bekommen soll.
“Ich möchte sie haben”, sage ich leise. “Sie hat IHM gehört.” Jaroslav deutet in Richtung der Obrigen, die schon andere Pläne gemacht haben. “Dann geh und hol sie dir. Du solltest schneller sein als ich.”
Ich senke beschämt den Blick. “Ich bin nicht stark genug.” Es schmerzt, aber es ist wahr. Auch Jaroslav weiß das.
Ich bin wenig überrascht, als er den neuen Blankenburger Statthalter wenig später tötet und sie selbst beansprucht. Passt zu ihm. Ich bin schon im Inbegriff, wütend zu werden, doch im Vorbeigehen teilt er mir mit, dass ich die Verwaltung übernehmen könne, wenn ich es mir zutraue. Ich nicke.

Mein Blick fällt auf Gideons Glas, das noch immer auf dem Tisch steht, an dem er vor ungefähr einer Stunde noch gesessen hat. Ich nehme es und schenke mir frisches Blut ein. Die Hälfte trinke ich sofort.
Im Anschluss trete ich vor Richeza, das Glas auf die Art und Weise schwenkend wie Gideon es tat. Ich setze sie davon in Kenntnis, dass ich ab sofort die Blankenburg verwalten werde. Sie nickt, dann spricht sie mir ihr Beileid aus. Ich danke ihr. Dann trinke ich den Rest des Glases aus, packe es in meine Tasche und gehe.

Die Treppen nehme ich noch langsam. Auf dem Burghof blicke ich mich um. Es ist stiller geworden. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Zu rennen beginne ich erst, als ich den Waldrand erreiche. Ich laufe, als ginge es um mein Leben. Noch einmal laufen mir die Tränen über das Gesicht. Vergessen ist der Hass, da ist nur noch der Verlust übrig. Als ich mich unbeobachtet fühle, bleibe ich stehen und ein markerschütternder, endlos wirkender Schrei lässt den Wald erzittern, als ich dem Schmerz freien Lauf lasse.
Dann Stille. Ich verharre kurz. Dann renne ich weiter. Ich will nur noch weg. Nur noch alleine sein. Nur ich und mein Schmerz. So soll es sein. Ich schlage den Weg gen Blankenburg ein.

Montag, 19. März 2018

#59 Vom Gefühl, zu versagen.

Ich schreibe nur noch sehr wenig im Moment. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte. Tatsächlich fühle ich mich in den letzten Wochen unglaublich disconnected, wahnsinnig weit entfernt von meinen Freunden, meiner Umwelt. Aber aus dem selben Grund, aus dem ich kaum noch schreibe melde ich mich auch seltener und führe weniger intensive Gespräche.

Was much davon abhält, ist das stetige Gefühl, versagt zu haben. Ja, ich arbeite an mir und ja, ich löse Probleme. Aber gleichzeitig gibt es auch diese Dinge, die sich immer und immer wieder wiederholen. Und jedes Mal, wenn ich dann wieder in einem Loch versinke, jedes Mal, wenn ich wieder meinen Kampf kämpfe, jedes Mal wenn wieder die Tränen laufen, schäme ich mich. Ich schäme mich, weil ich es schon kenne. Weil ich solche Tage schon so oft überstanden habe und weil ich dennoch, obwohl ich es so oft hinbekommen habe, doch immer wieder da lande.
Meinen Freunden will ich teilweise schon gar nichts mehr davon erzählen, weil ich immer nur denke: "Joa, kennen wir schon. Du wusstest beim letzten Mal schon keinen Rat, ich wusste beim letzten Mal schon keinen Rat. Dann kann ich es ja auch gleich lassen und dich einfach nicht damit belästigen." Und genau so ist es mit dem Schreiben. Was bringt es schon, dasselbe Thema wieder und wieder aufzugreifen? Mittlerweile hat wohl jeder kapiert, dass ich nicht gut allein sein kann. Dass ich mit Eifersucht und Verlustangst zu kämpfen habe. Dass ich viel zu oft und viel zu schnell überfordert bin. Nix Neues, oder? Also warum nochmal darüber schreiben?

Ich bin frustriert, weil ich all das sehe und begreife, weil ich meine Probleme kenne und weil ich teilweise auch Lösungsansätze habe, aber trotzdem passiert es immer wieder. Ich habe dennoch immer wieder Tage, die ich einfach nur "überstehen" muss. Und ich bin es so Leid, mein Leben damit zu vergeuden, Dinge einfach nur zu überstehen. Aber egal wie sehr ich all das durchblicke, am Ende kommen diese Tage eben doch immer wieder. Und vielleicht ist es die Kunst, diesen Umstand einfach anzunehmen. Aber gerade kann ich das nicht. Das alles macht mich müde.