Montag, 8. Oktober 2018

#68 Von Angesicht zu Angesicht.

Es war still um mich im letzten Monat. In eigentlich fast jeder Hinsicht. Ich habe mich ziemlich zurückgezogen, wenig nach außen getragen, wenig mit Menschen gemacht. Ich habe viel gebrütet über einer Masse von Themen. Es hat sich viel getan. Ich habe meine Therapie begonnen und merke jetzt schon, dass es was mit mir macht.
Und: Der Mann und ich haben unsere Gesprächskultur ein wenig überarbeitet bzw. erweitert. Davon möchte ich euch heute gerne erzählen.

Über Monate hinweg hatten wir eigentlich beide das Gefühl, dass wir zwar unglaublich viel und intensiv reden, aber dass wir dabei trotzdem nicht wirklich irgendwo ankommen. Also habe ich mich aufgemacht und mich mit Möglichkeiten der Paarkommunikation beschäftigt. Auf mehreren Wegen stieß ich dabei auf ein Buch namens "Die Wahrheit beginnt zu zweit". Michael Lukas Möller beschreibt dort eine neue, etwas andere Form des Gesprächs in zwischenmenschlichen Beziehungen: Das Zwiegespräch. Man kann es in jeder Art der Beziehung nutzen. Die Regeln sind recht leicht zusammengefasst: Mindestens einmal pro Woche an einem festen Termin, mindestens 1 1/2 Stunden. Nicht zu lange, sondern in einem Zeitrahmen, in dem beide noch aufnahmefähig sind. Keine Fragen (außer Verständnisfragen), keine Ratschläge, kein "den anderen in die eigenen Gefühle eingemeinden" (sowas wie "und dann waren WIR wütend"). Schweigen gehört dazu, wenn es entsteht. Und beide Beteiligten sollen ungefähr gleich viel sprechen. Der Sinn dahinter: Jeder zeichnet dem anderen dabei ein Selbstporträt von sich und eröffnet dadurch einen Weg in die eigene Gedankenwelt und Sichtweise.

Wie soll ich sagen - Es verändert mich, uns, meine und unsere Weise Gespräche zu führen. Plötzlich hat da jeder für sich seinen Raum, um sich zu zeigen, ohne vorher durch Fragen in ein festes Muster gegossen zu sein. Plötzlich erzählt man sich Dinge, die so im Alltag nicht mal eben ans Tageslicht kommen. Plötzlich entstehen da Momente größter Verbundenheit mit denen man nicht gerechnet hat.
Gleichzeitig kommen natürlich auch immer wieder harte Themen auf, durch die man sich kämpferisch einen Weg bahnen muss. Nach manchen Gesprächen ist man auch einfach nur erschöpft. Aber sie verbinden. Immer. Weil man nicht einfach üblichen Mustern folgt und sich dabei in den Gesrächsfäden verheddert.
Wir haben jetzt 5 dieser Gespräche geführt und ich glaube, das Ende der Überraschungen und Möglichkeiten ist noch lange nicht erreicht.

Ich will euch ein Beispiel geben. Seit Monaten verfolgten mich gewisse Themen - Heiraten, Kinder ... Alles was sich irgendwie um Bindung und Beziehung, um "next steps" drehte. Ich hab mir diese Themen immer wieder angesehen, immer wieder versucht Antworten zu finden. Aber ich kam bei nichts heraus, was irgendwie nachhaltig gewirkt hätte. Also brachte ich die Themen immer wieder an. Und gestern gelangen mir im Gespräch gleich zwei großartige Feststellungen.
Zunächst wurde mir klar, dass ich schon seit Wochen zwar immer wieder meine Themen anbringe, aber nie wirklich meine Worte nutze, sondern immer die Formulierungen wähle, die ich für die diplomatischsten halte. Ich scheue also den Konflikt. Und das bringt mich überhaupt nicht weiter, denn am Ende hab ich die Themen zwar angeschnitten, aber für mich gar nichts erreicht. Und deshalb renne ich dann auch danach weiterhin mit einer Art "nicht wegsprechbarem Restdruck" herum. Also setzte ich im Anschluss gleich um, was ich soeben erkannt hatte. Raus mit den Worten, einfach so. Wie mir die Gosch gewachsen ist.
Und dann ging es los. Ich breitete aus, dass ich mir heiraten und Kinder und ein Haus und sonst was wünsche, weil mir in meinem Leben wichtig ist, dass ich auf irgendwas hinarbeiten kann. Und das fehlte mir, ich hatte mein "Warum" und damit auch meinen Antrieb verloren. Ich hatte irgendwie keine Ziele mehr. Da war es also, Ring frei.
Wir gingen durch mehrere Runden, sprachen über unterschiedliche Ansichten, über Trennung bei zu großen Differenzen. Zwischendrin blickten wir uns mehrere Minuten schweigend an, weil keiner etwas sagen wollte. Wir gingen durch alle Emotionen, bereiteten uns und unsere Gefühle im Raum aus. Wir erkannten, wann wir uns verletzten und hielten es aus. Wir gaben uns Raum. Und dann irgendwann passierte es.
Er fragte mich gerade, ob ich nun doch das altbekannte, konservative Familienbild leben wolle und ich lenkte plötzlich ein und ging auf ihn zu. Nein, so krass wolle ich das gar nicht. Eher so und so. Aber vor allem wolle ich träumen.
"Dann lass uns doch neue Träume schaffen!", sagte er. "Aber ich hab doch schon Träume. Da ist ja schon was da. Nur... Irgendwie sind die so unvollständig. Da fehlen deine Farben. Das Bild ist schon da, aber es ist so unvollständig, wenn du es nicht mit mir malst."
Mir kommen jetzt beim Schreiben noch die Tränen, denn in dem Moment veränderte sich plötzlich alles zwischen uns. Während wir vorher noch auf wachsamen Posten gewesen waren, setzte er sich nun auf, rückte auf mich zu und nahm meine Hand. "Das ist es was du willst? Dann sag das doch!" Und während mir die Tränen in Strömen laufen, stammele ich nur "Ich hab das bis eben nicht gewusst." und er streicht mir über den Kopf und sagt "Ich weiß."

Es war mir nicht klar, wie sehr ich mich nach gemeinsamen Träumen und Visionen sehne. Ich konnte das über die ganze Zeit hinweg nicht in Worte fassen und dann war es plötzlich klar. Dieser Moment war ungefähr der sanfteste große Knall, den man sich so vorstellen kann. Und als wir dann damit begannen, über die kleinen und großen verrückten und weniger verrückten Ideen zu sprechen, wie wir uns unser Leben vorstellen könnten, wurde mir erst wirklich klar, was ich mir eigentlich so richtig wünsche - mit ihm.

Vielleicht wären wir an diesem Punkt auch auf andere Art und Weise gelandet, klar. Aber diese Gespräche machen was mit mir. Und mit uns. Sie machen mutiger. Sie öffnen Türen. Ich habe in jedem Fall schon viel gewonnen. Und jetzt, mit meinem neuen Warum, habe ich auch endlich wieder den Antrieb, um auch die schwierigen Dinge anzugehen. Manchmal braucht man nämlich einen wirklich triftigen Grund, um Ängste überwinden zu können. Manchmal reicht "Ich tue das für mich" halt nicht aus, manchmal braucht es ein "greater meaning". Ich fühle mich echt wohl mit meinem. <3

Falls ihr Fragen zu der Art von Gesprächsführung habt, ihr mal Lust habt euch mit jemandem über eure typische Art in der Beziehung zu reden, auszutauschen oder ihr einfach ganz anderer Meinung seid, freue ich mich sehr über Kommentare und/oder PNs. Ich finde das Thema sehr spannend, ihr ja vielleicht auch?!

Mittwoch, 5. September 2018

#67 Der Sturm der Glaubenssätze.

Heute ist ein Tag, an dem will ich gar nicht aufstehen. Ein Tag, den ich eigentlich am liebsten mit Whisky beginnen will. Viel Whisky. Es ist ein Tag, an dem ich von einer Armee von Glaubenssätzen überrannt werde und keinen Ausweg sehe. Aber von vorne.

Wir sind viel zu lange implodiert. Und vorgestern dann explodiert. Es war Gewitter, es war laut, schmerzhaft und am Ende war es reinigend. Es war das Resultat daraus, dass ich meine Probleme habe und er zu viel um mich kreist, dass ich ihm nicht helfen kann, wenn es mir eh schon schlecht geht und andersrum. Es war das Resultat aus zu viel "aneinander anpassen" und sich dabei selbst verlieren. Es musste so kommen und ich war froh, als es dann endlich raus war. Mit allem Schmerz, aller Wut, Trauer, Enttäuschung. Das Fazit des Ganzen lautet, dass er mehr für sich tun und besser auf sich achten, mehr Dinge unternehmen und nicht zu viel aus Rücksicht auf mich lassen sollte. Schwer für ihn, weil es eben echt nicht leicht zu ertragen ist, wenn ich leide. Schwer für mich, weil same. Dennoch sind wir eben erwachsen und vernunftbegabte Wesen und wir wissen beide, dass es sich lohnt, wenn wir das so machen. Entschlüsse gefasst, Verbindung wiederhergestellt, Gewitterwolken davongefegt, gereinigte Ruhe.

Gestern war ein Tag, an dem war plötzlich mal alles leicht. Wochenlange Spannung war einfach mal weg, atmen ging wieder ohne Probleme, lächeln auch. Wir haben das gut gemacht, wir sind auf einem guten Weg.
Gestern Abend kamen wir dann wieder zusammen, um die Woche, die nächste Zeit und grob auch seinen Urlaub für das nächste Jahr zu planen. Und - ihr mögt es ahnen - seitdem jagen mich meine persönlichen Nazgûl in Form von alten, schmerzhaften Glaubenssätzen. Denn Ja, jetzt trifft er sich also wieder gezielt mit Freunden. Jetzt stehen da also überall Dinge im Kalender, egal ob es mir an dem Tag gut oder schlecht gehen wird. Jetzt sind da über mehrere Wochen die Wochenenden verplant und ich habe kein Vetorecht. Jetzt ist das so. Ich habs ja auch so gewollt. Abends gebe ich dem Ganzen zwar noch etwas Raum, wir sprechen auch noch ein wenig darüber, aber ich bin müde und will mich dem auch nicht mehr vollständig hingeben. Also schlafe ich irgendwann gegen halb 2 ein, nachdem ich das Muster der Raufaser an unserer Decke vermutlich auch im Schlaf noch beschreiben könnte.

Um kurz nach 6 wache ich auf und bin starr. Alles an mir ist Angst und Trauer und auch wenn ich schon wusste, dass das eh so kommt, bin ich wieder nicht wirklich drauf vorbereitet. Ich führe innere Dialoge, versuche mich zu beruhigen, gebe dem Ganzen Raum und weine. Irgendwo dazwischen machen sich Wut und Hilflosigkeit breit und als mir klar wird, dass bald der Wecker geht, nehme ich zumindest den gröbsten Shit in mir zusammen und sperre ihn für den Moment beiseite. Der erwachsene Teil von mir weiß, dass es nichts bringt, wütend auf meinen Mann zu sein. Er kann nichts für meine Geschichte. Also zeige ich nur die Trauer, auch weil ich weiß, dass Wut auf dem Tisch so früh am Morgen das Problem noch größer machen könnte als es nötig ist. Wir reden kurz darüber. Auch darüber, dass er sich auf den Tag freut. Und während ich lächle und ihm sage, dass ich das schön finde, was wirklich die Wahrheit ist, kämpft ein Teil von mir schon unerbittlich gegen die dunklen Schatten, die mir immer wieder flüstern: "Er lässt dich allein, siehst du? Er wird dich immer und immer wieder alleine lassen. Und dann wird es schwarz um dich, ganz schwarz." Ich halte sie im Zaum, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, dann lasse ich den Widerstand los und all das ergießt sich wie schwarzer Teer über mich.

"Das ist alles zu viel!"
"Ich kann das nicht ertragen!"
"Ich kann das nicht schaffen!"
"Ich bin allein."
"Ich bin hilflos!"
"Immer wieder verlässt er mich!"
"Immer wieder habe ich keine Chance!"
"Ich bin krank, ich bin das Problem!"
"Ich weiß doch gar nicht, ob ich berechtigte Bedürfnisse nach Nähe habe, oder ob das nur die Krankheit ist!"
"Das ist es eben, ich bin krank. Deswegen hab ich auch nix mitzureden, ich kann ja gar nicht objektiv sein."
"Der ganze Scheiß ist so unfair!"
"Er kann sich immer nehmen was er braucht, er kanns ja einfach durchdrücken und ohne mich wegfahren. Aber ich kann mir die schönen und nahen Momente mit ihm nicht einfach nehmen, wenn ich sie brauche. Dafür brauche ich sein Einverständnis. Und damit bin ich abhängig."
"Wie kann er sich nur darauf freuen, so viel ohne mich zu machen und fern von mir zu sein?"

Und vieles mehr. Es ist mein altes Thema. Das, was für viele Menschen einfach Standard, der Alltag, nicht der Rede wert ist oder zumindest zu sein scheint, nämlich zu akzeptieren und gut damit leben zu können, dass der Partner ein eigenständiger Mensch ist und ein eigenständiges Leben hat ... das ist mein persönlicher Mount Everest. Und manchmal weiß ich nicht, ob der Schmerz auf Grund dieser Gedanken schlimmer ist oder ob es die Scham ist, die sich quasi als zweiter Höllenpfad daneben auftut. Denn wem kann man bitte laut sagen, dass man eigentlich gerne mal nur für eine Weile die komplette Kontrolle über den Partner und sein Leben hätte, damit man einfach mal durchatmen kann? Wem kann man sagen, dass man einfach nicht weiß, ob es okay ist, auch mal Stop zu sagen, weil man einfach keine Ahnung hat, ob das gerade noch gesund oder schon krank ist, was man da denkt? Wem kann man sagen, dass man am liebsten die nächsten Wochen im Koma verbringen würde, bis der gefühlte Marathon wieder vorbei ist? Und wem, dass man manchmal zeitweise einfach gerne nicht mehr da oder auf Tabletten oder Schnaps oder sonstwie weggebeamt wäre, weil es sich einfach immer wieder so anfühlt, als würde es niemals aufhören?

Ich weiß, dass es sich gerade vor allem so unüberwindbar anfühlt, weil es sich summiert und dass all die Einzelteile für sich eigentlich machbar sind. Eigentlich. Aber gerade kann ich mich kaum wehren. Auch nicht gegen die Wut auf ihn. Denn auch wenn ich weiß, dass er für sich das Richtige tut - es fühlt sich an, als wäre meine Grenze übertreten. Und vielleicht ist das sogar so, vielleicht habe ich da irgendwo zwischen alledem eine Grenze, die gerade übertreten wird. Nur kann ich das nicht mit Sicherheit sagen, denn wie ich schon erwähnte: Was davon gesund und was krank ist, das weiß ich oftmals selbst nicht so wirklich. Und an solchen Punkten muss ich mich dann auch noch mir selbst stellen. Dann mache ich mir selbst Vorwürfe, weil ich "das mit mir machen lasse", weil ich "mir das antue". Und ich kann mich nicht gegen mich und meine Selbstvorwürfe wehren, weil ich selbst nicht weiß, was eigentlich richtig ist. Mein dritter Höllenpfad.

Ich schaue in den Kalender, auf die Masse dieser Termine, die für andere Menschen eigentlich ein Normalzustand und nicht mehr als ein Schulterzucken wert wären, und ich fühle mich hilflos. Ich muss da durch. Und dass ich das auch will, das fühle ich gerade gar nicht.

Ich bin aufgestanden und habe diesen Text geschrieben. Ich habe keinen Whisky getrunken. Ich versuche jetzt, irgendwas aus diesem Tag zu machen, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie mir das gelingen soll. Aber irgendwo, so ganz im letzten Eck meines Herzens, habe ich zumindest den Hauch einer Ahnung, dass es irgendwann wieder aufhört. Hoffentlich eher früher als später.

Dienstag, 21. August 2018

#66 Fürs Bleiben entscheiden.

Wenn Beziehungen beginnen, dann ist man doch immer wieder in der Lage, sich selbst zu bestätigen, dass das jetzt einfach perfekt ist und dass es nicht besser sein könnte und dass man ja quasi keine Probleme und Streitpunkte hat. Es ist so schön und man schwebt so herum auf seiner Wolke - nichts kann schief gehen.
Und dann vergeht die Zeit. Man kommt sich näher. Lernt sich kennen. Es kommen Routinen dazu, während immer mehr rosa Wölkchen verblassen. Man zeigt sich ganz, man schlägt plötzlich immer wieder dieselben Themen an. Und dann tut es plötzlich richtig weh. Und manchmal eben nicht nur alle paar Tage mal. Manchmal mehrmals täglich. Dann ist man schon längst gestresst und müde und verärgert und traurig und hilflos und ratlos und fühlt sich allein und im Stich gelassen und überfordert. Und dann kommt NOCH IRGENDWAS dazu. Solange, bis man an den Punkt kommt, an dem man denkt, man will eigentlich nur noch packen und gehen. Man kann das eh nicht mehr, alles zu viel. Und irgendwie auch so aussichtslos, in dieser Endlosschleife.
Das ist der Punkt, an dem man sich entscheidet zu bleiben. Wenn man eigentlich gar nicht bleiben sondern nur noch rennen und weinen will. Dann bleibt man. Weil es auch wieder besser wird.
Gerade glaube ich meinen eigenen Worten nicht, weil ich irgendwie umwirbelt werde von meinen Emotionen und meinen Glaubenssätzen. Gerade kann ich mir auch gar nicht vorstellen, warum er eigentlich bleiben wollen würde, denn ich tue ihm scheinbar so wenig gut. Gerade denke ich darüber nach, dass gehen auch einfacher wäre, weil ich dann entscheide, wann es weh tut. Und gerade bleibe ich. Heute. Und morgen. Und übermorgen auch. Ich bleibe, weil aufgeben keine Option ist. Ich bleibe, weil ich mich dafür entschieden habe. Ich bleibe, weil es Liebe ist.

Montag, 13. August 2018

#65 Vom Fremdsein.

Mein großes Thema der letzten Wochen war wohl das Gefühl, fremd zu sein. In vielen Variationen. Ich war unter fremden Menschen, an fremden Orten, in einer fremden Rolle, unter fremden Rollen, ich war mir selbst fremd, ich habe mich in meinem Körper fremd gefühlt und vor allem war ich auch hier, zu Hause, plötzlich irgendwie fremd.
Wir waren unterwegs in den letzten Wochen. Auf dem Drachenfest, unter 5000 liebenswert verrückten verkleideten Menschen. Meine erste Großcon. Wir waren in Berlin, einer Stadt, mit der ich irgendwie nie warm werde, unter Leuten, die ich zwar kannte, aber unter denen ich dennoch irgendwie verloren war in meinen Gedanken. Und dazwischen und danach waren wir zu Hause. Aber sowohl dazwischen als auch jetzt, danach, fühle ich mich hier, zu Hause, plötzlich fremd.
Man könnte sich nun fragen, ob fremd sein auch immer negativ ist. Die Antwort lautet klar: Nein, natürlich nicht. Man kann auch fremd und gerade dadurch frei sein. Man kann das Neue und Unerforschte genießen und für sich erobern. Aber wenn das Gewohnte und das Eigene sich plötzlich fremd anfühlen, dann kann das auch sehr verstörend sein.
Und jetzt, da ich hier sitze und zum ersten Mal seit Wochen wieder schreibe, fühle ich mich ziemlich deplatziert und traurig, irgendwie nirgends zugehörig. Und zugleich bereichert und mutig. Aber vor allem überfordert.
Der Großteil der Menschheit fährt eben weg, macht irgendwo Urlaub oder sonstige Erfahrungen, nimmt ein paar Souvenirs und Fotos mit nach Hause, ist dann vielleicht noch ein, zwei Tage ein wenig wehmütig, dass es wieder vorbei ist und fügt sich dann wieder in den Alltag ein. Zumindest stelle ich es mir so vor. Ich habe keine Ahnung wie das ist, denn ich bin so eben nicht.

Ich sitze heute hier und habe immer noch Tränen in den Augen, weil mich Dinge beschäftigen, die ich vor über zwei Wochen gefühlt habe. Ich kämpfe mit Emotionen und Erinnerungen aus drei verschiedenen Welten, in denen ich mich in nicht einmal drei Wochen bewegt habe und kann die Masse aller Einzelheiten gerade gar nicht ordnen, weil es einfach so viel ist.
Ich weine, weil ich gleichzeitig die Con vermisse, Berlin vermisse und Heimweh habe (das ich eigentlich vor zwei Wochen hatte), obwohl ich schon wieder zu Hause bin, die nächste Con schon bald bevorsteht und ich sogar nochmal nach Berlin fahren könnte, weil die Action dort noch eine Woche andauert. Aber es geht eben nicht um das "Praktische". Es geht nicht um logisches Verständnis. Es geht darum, dass mir kein Detail entgeht. Darum, dass ich bei allem was ich tue, alles um mich herum aufnehme, dass ich alles aufsauge wie ein Schwamm und dass ich genau all das auch verdauen muss - was ich nicht kann, wenn ich weiter in Bewegung bin.
Dass ich hochsensibel bin, weiß ich schon ein Weilchen länger, aber gerade in den letzten Monaten habe ich diesem Teil meiner selbst Raum und Aufmerksamkeit gegeben. Und auch wenn ich es ehrlich und wahrhaftig liebe, die Welt aus meinen Augen zu betrachten, tief und intensiv wahrzunehmen und zu fühlen, ein unglaublich gutes Gespür für Menschen und ihre Bedürfnisse zu haben und mich in alledem auch immer noch weiterzuentwickeln - gerade habe ich mal so ein paar Tage, in denen ich meine "Gabe" hasse. Seit Mittwoch sind wir wieder zu Hause und seitdem liege ich - abgesehen von wenigen Stunden Ausnahme - auf Eis. Ich wünsche mir eigentlich nur einen abgedunkelten Raum mit völliger Stille ohne weiteren Input. Nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr fühlen. Ich würde gerne Urlaub machen und mich selbst dabei zu Hause lassen. Einfach gerade mal nicht mehr wachsen, mich nicht mehr entwickeln. Stillstand. Vielleicht nur für ein paar Minuten?
Ich habe seit drei Wochen nicht mehr richtig geschlafen, meine Haut kribbelt stetig, die meisten meiner Klamotten fühlen sich zu eng und kratzig an (und nein, ich habe kein Gramm zugenommen). Töne und Bilder überfordern mich. Menschen und ihre Emotionen auch. Alles ist zu viel.
Und unter diesem Berg von Shit bin da aber noch ich. Ich, ein soziales Wesen, voller Neugier und Tatendrang, völler Wünsche und Ideen, voller Kreativität. Voller Motivation, voller Träume. Und ich vermisse es so, all das auch voll und ganz sein zu können.
Ich habe solche Momente. Auf dem Drachenfest hatte ich ganze drei Tage davon, in Berlin gab es vor allem eine Nacht mit Gesprächen am Lagerfeuer. Solche Erlebnisse entschädigen mich dann eine Weile für alles. Aber selbst davon muss ich mich dann irgendwie erholen. Und manchmal, an solchen Tagen wie heute, weiß ich nicht mal wie das gehen soll. Wie erholt man sich von sich selbst? Und in meinem Fall noch spezieller: Wie nimmt sich ein Mensch, der auf Grund seiner Ängste auch noch Probleme damit hat, allein zu sein, Zeit für sich? Wie wird man fertig mit diesem stetigen Gefühl, irgendwie anders zu sein und irgendwie nirgends reinzupassen? Wie kann ich leben, echt und wahr und voll, ohne gleichzeitig stetig zu viel zu haben?
Ich weiß, all das ist mein großes Thema. Ich weiß auch, an so vielen Tagen kann ich das alles schon so viel besser als noch vor ein, zwei Jahren. Und ich weiß, dass das eine Lebensaufgabe ist, diese Fragen zu beantworten. Aber gerade wünsche ich mir irgendwie mal eine einfache Lösung. Nur so für den Moment.

Dienstag, 10. Juli 2018

#64 F60.7.

Noch bevor ich anfange zu schreiben, frage ich mich schon, ob ich eigentlich gerade total verrückt geworden bin. Ich habe mich schon oft verletzlich gemacht beim Bloggen, ich habe schon viele tiefe Einblicke gegeben. Aber kein Eintrag war wohl je so intim wie es dieser sein hier sein wird. Kann ich das wirklich machen? Ich schlucke kurz. Und dann wische ich den Gedanken weg und haue eben einfach doch in die Tasten. Schreibe das, was wirklich weh tut. Das, was wirklich Angst macht. Sei du. Also dann.

Viele von euch werden das Foto von der Hochzeit vom letzten Samstag gesehen haben. Ich war glücklich in diesem Moment, das ist wahr. Ich war auch in vielen anderen Momenten an diesem Tag glücklich. Und in ungefähr ebenso vielen Momenten wollte ich mich einfach nur irgendwo in einer Ecke zusammenkauern und wimmern.
Am Samstagmorgen, fünf Minuten bevor wir losfahren wollten, zog ich einen Brief aus dem Briefkasten. Ich habe sehr lange auf den Brief gewartet - es ist der Arztbrief, der auf ein Erstgespräch im Psychotherapiebereich einer großen Klinik folgt, das ich bereits vor über 8 Wochen geführt habe. Er beinhaltet das, worauf ich gewartet habe, aber nicht gefasst war. Ich habe eine neue Diagnose: Dependente (auch: abhängige, asthenische) Persönlichkeitsstörung.
Ich las den Brief bevor wir losfuhren, musste mich dann erst mal setzen, durchatmen, klarkommen. Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Was denen eigentlich einfällt, mir diese Diagnose einfach per Brief mitzuteilen statt mich aufzufangen? Ob die noch ganz bei Sinnen sind, mir eine Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren? Ob das jetzt heißt, dass ich gestört oder kaputt bin? Ob das ein lebenslängliches Urteil ist? Ob mich jetzt jeder, dem ich davon erzähle, wie eine Aussätzige anschauen wird?
Ich weiß nicht viel über diese Störung. Ich weiß nur, dass sehr viele Menschen immer gleich so seltsam vorsichtig werden, wenn man das Wort "Persönlichkeitsstörung" ausspricht. Also wäre man irgendwie ansteckend, gefährlich, ein Monster. "Da muss der Partner aber echt gut auf sich achten, damit er daran nicht kaputt geht." - Ist das so? Bin ich so?

Ich riss mich irgendwie zusammen und stieg ins Auto. Freunde von uns heiraten, Liebe hat immer Vorrang. Auf der Autobahn werde ich (scheinbar) geblitzt ohne zu wissen wofür. Weil ich eh schon angespannt bin, drehen sich meine Gedanken schließlich ungefähr eine Stunde lang nur darum, ich bin fast ein wenig froh darüber. Dann kommen wir an. (Falls sich an dieser Stelle irgendwer Sorgen bezüglich meiner Fahrtauglichkeit in der Situation gemacht hat: Sowohl ich als auch mein Partner verspürten die ganze Fahrt über keine Unsicherheit in dieser Hinsicht. Falls doch, hätten wir Plätze gewechselt.)
Der Tag hatte so viele schöne Momente in sich, so viele tolle Begegnungen und so viel Liebe. Aber dazwischen, in diesen Momenten, in denen ich mich plötzlich sehr alleine unter Menschen fühle, geht immer wieder diese Falltür in meinem Kopf auf. Die, unter der die Schwärze verborgen ist. Und dann kommen sie, die Gedanken. Ich denke an die tausend Situationen, die mich jetzt schon wissen lassen, dass die Diagnose stimmt:
- Dass es mir schwer bis unmöglich erscheint, Nächte alleine zu verbringen.
- Dass ich mich manchmal schon verlassen fühle, wenn der Mann an meiner Seite nur vor mir einschläft und ich alleine wach liege.
- Dass ich so gerne alleine wegfahren will, aber es nicht kann, weil die Angst davor, mein alltägliches Leben loszulassen, mich gefühlt fast umbringt.
- Dass ich mich vor jedem Spaziergang und jedem Einkauf und überhaupt vor jedem Mal, wenn ich alleine losgehe, ausgiebig verabschiede, weil es sich immer so anfühlt, als könnte es das letzte Mal sein.
- Dass ich Angst davor habe, alleine Zug zu fahren oder zu fliegen, weil ich gleichzeitig auch Angst davor habe, bei einem möglichen Unglück alleine zu sterben.
- Dass ich ständig Ja sage und alles Recht mache, immer da bin und mich unentbehrlich mache, damit ich ja nicht verlassen oder nicht gemocht werde.
- Dass ich sowohl kleine als auch große Entscheidungen oft gar nicht alleine treffen kann, sondern andere Menschen brauche, die mich in dem, was ich möchte, bestätigen.
- Dass ich so wahnsinnig eifersüchtig werden kann wegen Dingen, die einfach nichtig sind.
- Dass ich andauernd dicht machen muss, weil ich mich nicht genug beachtet fühle und daher ständig mein Selbstschutz aktiviert wird.
- etc. pp.
Und wie anstrengend all das ist. Als ich nachts auf einer Steinstufe liege und in den unglaublich schönen Sternenhimmel blicke, kommen mir endlich zum ersten Mal die Tränen. Ich gestatte mir diesen Moment, auch wenn ich gerade auf einer Hochzeitsfeier bin: Sie sind so berechtigt.

Am nächsten Tag fahren wir zurück. Im Auto reden wir. Ich bin plötzlich zuversichtlich, ich habe es angenommen. Aber gleichzeitig macht es mir auch so viel Angst. So viel, dass ich abends plötzlich auf Grund einer vermeintlichen Kleinigkeit crashe. Ich weine über eine Stunde, kriege stellenweise kaum noch Luft. So viel Verdrängen, so viel weglaufen der letzten Jahre bricht sich Bahn. So viel Angst findet plötzlich einen Weg sich auszudrücken. Seitdem weine ich alle ein bis zwei Stunden, fühle mich, als wäre ich wieder da, wo ich vor acht Wochen gewesen bin.
Immer wieder frage ich mich, ob jemand wie ich überhaupt in einer Beziehung sein oder gut für irgendwen sein kann und wie kaputt ich wirklich bin. Ich weiß, dass das nicht sinnvoll ist, ich weiß auch, dass es Quatsch ist. Aber manchmal ist es wirklich schwer, mich selbst für all das nicht zu hassen.

Ich habe die letzten zwei Tage genutzt und habe das Internet befragt zu dieser Diagnose. Dafür, dass sie angeblich die am häufigsten auftretende Art der Persönlichkeitsstörung ist, gibt es erschreckend wenig Informationen darüber. Bücher gibt es eigentlich nur für Therapeuten, nicht wirklich für Betroffene. Wenn, dann nur für Teile des Problems, aber nie für die ganze Sache. Es gibt viel Geschwurbel, wenig Greifbares. Nicht mal ein anständig wirkendes Forum habe ich gefunden.

Ich fühle mich allein damit, verdammt allein. Ich weiß, dass das eigentlich eine Chance für mich ist, denn auch wenn mir diese Diagnose so viel Angst macht und da so viele beschissene Programme in meinem Kopf ablaufen - sie ist auch mein fehlendes Puzzleteil der letzten Jahre. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Menschen mit Angststörung, mit denen ich mich so ausgetauscht habe, einen Teil von dem, was ich empfinde, einfach nicht verstehen. Jetzt verstehe ich zum ersten Mal warum. Ich will diese Diagnose nehmen und ich will sie für mich verwandeln. Ich will das nutzen und was draus machen. Aber ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. (Einen Therapeuten suche ich btw immer noch)

Ich rufe selten wirklich um Hilfe, aber hiermit tue ich es, denn ich fühle mich so unglaublich allein damit. Wenn ihr Quellen, Bücher, Podcasts, Blogs, irgendwas empfehlen könnt, ich bin offen für alles. Wenn ihr selbst eine solche Diagnose habt, wenn ihr jemanden kennt, der eine hat oder wenn ihr euch sonst irgendwie angesprochen fühlt - ich würde mich so freuen von euch zu hören. Ihr könnt den Beitrag auch gerne teilen. Danke.

Mittwoch, 20. Juni 2018

#63 Wer du bist.

Wenn sie mich fragen würden wer du bist, dann würde ich zögern. Ich würde in mich gehen, mit mir hadern. Ich würde fliehen vor der Frage, bis es nicht mehr länger geht und dann würde ich, ganz leise, flüstern: Sie ist meine beste Freundin und meine größte Feindin.

Wenn sie wissen wollten, wie du zu erkennen bist, dann würde ich sagen: Sie ist wie eine Wächterin am Tor. Sie lässt nur jene ein, die es offensichtlich gut mit mir meinen. Doch gleichzeitig schließt sie alle anderen aus. Sie will mich schützen und doch tut sie mir nicht gut, denn sie nimmt mir auch die Möglichkeit zu lernen.

Wenn ich gefragt würde, wie du aussiehst, dann würde ich erwidern: Kennst du das, wenn du einen dunklen Raum betrittst und dann das Licht einschaltest? Die Helligkeit überflutet alles, deine Augen schmerzen und du verharrst, denn du siehst nur noch dieses Licht. Du kannst nicht weitergehen, denn du weißt ja nicht was kommt. Also bleibst du stehen. Egal ob das Licht kalt oder warm ist - es ist zu hell.

Wenn ich beschreiben sollte, wie du dich anfühlst, dann würde ich das Bild von Fesseln zeichnen, die mich zugleich schmerzhaft einengen und wohlig warm umschließen. Ich würde grau als Farbe nehmen, weil es die Lähmung trifft. Weil es die Mitte ist, zwischen der Schwärze und dem Weiß.

Wenn es die Welt interessieren würde, wer du für mich bist, dann würde ich sagen: Es ist traurig, das sagen zu müssen, aber irgendwie ist sie die Welt für mich. Sie ist schon so lange da, sie war mir immer treu. Wenn sie nicht wäre, müsste ich mich wirklich fragen: Wie viel bliebe denn da noch?

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Ich bekam bei meiner Therapie die Aufgabe, meine Angst zu zeichnen, zu malen oder, falls ich beides wirklich nicht hinkriege, einen Gegenstand zu finden, der die Angst für mich verkörpert. Das war vor zwei Wochen. Ich habe mich dort vor Ort schon gewehrt gegen Malen oder Zeichnen, in beidem habe ich null Übung und meine Fantasy ist trotzdem so ausgeprägt, dass ich ein sehr klares Bild vor Augen habe, welches ich aber nie auf Papier bringen könnte - unfassbar frustrierend.
Und irgendwie regte sich auch allgemein sehr viel Widerstand in mir. Meine Angst ist schon so lange bei mir, sie ist einfach eine Konstante für mich. Daran möglicherweise etwas ändern zu müssen ist - haha - ziemlich beängstigend.
Zwei Wochen habe ich also diese Aufgabe mit mir herumgetragen, mich stetig gefragt, ob ich mich vielleicht doch irgendwann endlich mal aufraffen und einfach einen Stift in die Hand nehmen kann um herauszufinden, ob ich das mit dem Zeichnen nicht doch hinbekomme. Und dann, gestern, in einem Moment, in dem die Angst mal wieder zu Besuch war, wurde mir eines klar. Wir sind hier nicht in der Schule und das ist keine Hausaufgabe, ich kriege keine Note und niemand erwartet hier viel von mir, abgesehen von mir selbst. Malen, zeichnen, einen Gegenstand wählen - all das ist einfach nicht mein Medium. Mein Medium sind geschriebene Worte. Das ist die beste Wiedergabe all dieser Bilder, die durch meinen Kopf schwirren. Wenn die Tastatur unter den Fingern habe, fließen die Bilder über meine Finger geradezu hinein. Es sind unter anderem diese Momente, für die ich brenne.
Diese Gedanken kamen mir gestern bei einem Spaziergang. Und exakt in diesem Moment brach die Flut von Bildern in meinem Kopf auch schon los. Sie war so mächtig, dass ich mir noch unterwegs eine Bank suchen musste, um die obigen Zeilen per Handy zu tippen. Danach fühlte ich mich um mehrere Kilo leichter. Und heute, bei der Therapie, konnten wir natürlich gut mit meinem Ergebnis arbeiten.
Was lerne ich nun daraus? Es gibt eben nicht immer nur diesen einen und offensichtlichen Lösungsweg. Es gibt so viele Möglichkeiten. Und am Ende gehts um mich, nicht um irgendwelche Ansprüche, die ich irgendwem erfüllen muss. Ich habe meine persönliche Stärke genutzt und ich bin zu einem Ergebnis gekommen, das mich berührt und mir etwas bedeutet. In der Schule hätte ich vielleicht eine 5 bekommen - Thema verfehlt. Aber ich bin eben kein Kind mehr. Ich wähle jetzt die Methode und den Weg. Und das ist manchmal beängstigend, ja. Aber vor allem ist es schön.

Im Übrigen wurde mir heute dann auch noch klar, dass dieses Bild, das ich gezeichnet habe von meiner Angst, schon veraltet ist. Da hat sich nämlich richtig viel getan bei mir in den letzten Wochen und Monaten. Früher war das real für mich, die Angst "zu sein". Auch jetzt vereinnahmt sie mich manchmal noch, sie ist eben doch eine kraftvolle Emotion. Aber es gelingt mir immer öfter, sie von außen zu betrachten - manchmal mit einer Ruhe, die mich selbst beeindruckt. Und auch das zu sehen ist unglaublich befreiend. Ich hatte ja sehr viel Angst davor, in meinem Burnout und meinen Emotionen zu versinken. Aber offensichtlich tun sich da Dinge - viele Dinge. Und das feiere ich.

(Der Beitrag ist eigentlich schon von letzter Woche, kommt diesmal ein wenig verspätet an ;))

Montag, 18. Juni 2018

#62 Mein Burnout 2.0.

Also dann, sprechen wirs doch aus: Ich bin schlicht und ergreifend in meinen zweiten Burnout gerannt.
Man könnte jetzt meinen, dass ich das ja hätte kommen sehen können, weil ich das ja schon mal durch habe, oder dass mir allgemein irgendwelche Anzeichen genug Warnung hätten sein können. Aber so ist es eben mit dem Burnout: Man sieht es nicht kommen. Stattdessen habe ich mir alles so richtig schön geredet:

Dass mir mein Job schon seit 1 1/2 Jahren keinen Spaß mehr macht, weil er sich verändert hat?
- "Ach, andere habens doch schlimmer und die restlichen Kollegen machen den Job doch auch."

Dass ich seitdem (vielleicht auch noch etwas länger) immer wieder körperliche Beschwerden habe, manche auch durchgängig (zB meine Schulter, die mich nach wie vor immer wieder wahnsinnig macht, weil sich dort jede kleinste Anspannung in Schmerzen äußert)? 
- "Na komm, ich bin eben sensibel und anfällig. Da muss ich halt durch."

Dass ich nur noch müde bin, viel zu oft schlecht schlafe und daher auch oft unkonzentriert bin?
- "Das ist eben nicht ganz mein Schlafrhythmus in diesem Job. Ich arrangiere mich schon irgendwie damit."

Dass ich überhaupt keine Ahnung mehr habe, was mir eigentlich Freude macht, weil ich nach der Arbeit eben noch "irgendwas tue", aber keinen Elan mehr für Dinge habe, die mir wichtig sind?
- "Ich hab eben mein Hobby fürs Leben noch nicht gefunden. Und ohne Antrieb sein ist in der heutigen Zeit doch normal. Ich mache ja wenigstens noch ein bisschen was, andere fallen einfach nur noch aufs Sofa."

Dass ich ständig Ängste und Sorgen von der Arbeit und bezüglich meiner Beziehungen zu meinen Kollegen mit nach Hause nehme, ich im Kopf stetig Diskussionen und Gespräche nochmal führe und mich das überhaupt viel zu sehr vereinnahmt?
- "Ich bin halt ein Sensibelchen und kann mich nicht gut abgrenzen, aber ich arbeite ja dran."

Dass ich zu den Menschen, die bei mir vorsprechen, immer unfreundlicher werde und teilweise Dinge entscheide, die gar nicht "ich" sind?
- "Man braucht halt ein dickes Fell für diesen Job. Vielleicht kriege ich das jetzt eben so langsam."

Dass ich schon im Januar einen Blogeintrag geschrieben habe, in dem ich ausführe, dass ich meinen Job eigentlich gar nicht mehr mag, ihn aber nie veröffentlicht habe?
- "Das ist ne Phase, das geht rum!"


Kurzum: Es ist unglaublich, wie sehr man in der Lage ist, sich selbst zu bescheißen, wenn man einfach fest glaubt, dass man Dinge doch auch einfach mal durchziehen muss, wenn die eigenen Muster so mächtig sind und wenn die eigene Angst vor Veränderungen so groß ist wie die meinige.
Ich war bereit, alles Mögliche in Erwägung zu ziehen, um nicht näher hinschauen zu müssen.
Vor ungefähr einem halben Jahr war ich an einem Punkt, an dem ich mich zwischenzeitig mal gefragt habe, ob ich nicht meine Beziehung zugunsten meines Jobs aufgeben sollte, weil sie zeitweise sehr anstrengend war.
Das wird mir heute erst so richtig bewusst und ich erschrecke mich selbst darüber, wie viel ich doch investiert habe, um an meinem alten Glaubenssatz festzuhalten: Ein sicherer Job geht über alles. 
Sollte man das nicht nach dem ersten Burnout gelernt haben? Nope, scheinbar nicht. Mein Leben ist der Meinung, dass ichs noch nicht verstanden habe. Daher jetzt also Nummer 2.
Es ist so erschreckend, wie viel man im eigenen Leben kaputt machen kann, wenn man an Ansichten und Glaubenssätzen festhält, die heute nur noch kontraproduktiv sind.
An meiner Beziehung habe ich damals zum Glück festgehalten und habe mich dem Druck vermeintlich richtiger und wichtiger uralter Ansichten nicht gebeugt - heute ist der Mann an meiner Seite mein größter Halt (neben mir selbst, daran arbeite ich nämlich gerade sehr fleißig) und unsere Beziehung ist mit einer Schönheit und Leichtigkeit gesegnet, die mir immer mal wieder vor Freude die Tränen in die Augen treibt.
Ich habe lange lange Zeit gedanklich Krieg gegen meine Eltern geführt, weil sie mir  bestimmte Dinge mit auf den Weg gegeben haben, die mein kindliches Ich ins Extrem überspitzt hat, aus Angst etwas falsch zu machen. Ich habe so viel Kraft investiert in innere Kämpfe, in Trauer und Wut.
Ich habe meine Gesundheit grenzenlos vernachlässigt, mein Körper war nur noch unzufrieden.

Ich habe mich so lange betäubt und erst jetzt, da ich nach und nach alle meine Betäubungsmittel (Rauchen, Alkohol, Schokolade, Sex, Social Media, Sozialkontakte uvm.) aufgegeben oder reduziert habe bzw. zeitweise reduzieren musste (durch körperliche Erkrankungen und die Depression) und keine andere Wahl mehr hatte, als in den Spiegel zu schauen und mich mit dem zu befassen, was es da zu sehen gab - erst jetzt habe ich all das wirklich sehen können.

Tja, und wie jetzt weiter? Jetzt lerne ich wieder zu leben. Ich lerne, wieder Spaß zu haben. Ich lerne, was wirklich wichtig ist. Ich stelle mich selbst wieder auf die Beine, gehe zur Therapie und zur Osteopathie, bewege mich draußen, habe 8 Kilo abgenommen. Ich meditiere, lese. Ich schlafe! Ich suche nach Dingen, die mir Freude bereiten und fange wieder an, Pläne zu schmieden. Ich bekomme endlich wieder eine Idee davon, wer ich bin. Ich nehme alle meine Beziehungen unter die Lupe, schaue was mich bisher belastet hat und was ich in Zukunft für mich anders machen kann.
Sechs Wochen bin ich jetzt zu Hause und seit ungefähr einer Woche habe ich das Gefühl, dass ich wieder auf dem Weg bin. Das Gefühl von Sinnhaftigkeit kehrt ganz langsam und ganz leise in mein Leben zurück und auch wenn ich noch sehr vorsichtig bin, kriege ich so langsam eine Idee davon, wie sich mein Leben anfühlen könnte, wenn ich es rundum mit Liebe lebe. Der Weg, der vor mir liegt, ist ganz sicher lang und oft bestimmt auch schwierig, aber ich habe endlich wieder Lust, ihn zu gehen. Schritt für Schritt. Und ich lasse euch gerne daran teilhaben.