Sonntag, 30. Dezember 2018

#77 Das Jahr des Hinschauens.


2018 war ein krasses Jahr, in eigentlich jeder Hinsicht. Ein Jahr der Intensität. Ein Jahr des Hinschauens. DAS Jahr des Hinschauens. Ich glaube, diesmal lohnt sich der Rückblick erst recht.

Das Jahr begann mit einer wirklich fiesen Episode. Mir ging es ungefähr so mies, wie der Winter dunkel war. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich an die erste Jahreshälfte nur noch schemenhaft erinnern. Ich war so getrieben von meinen Ängsten, so versessen darauf, zu funktionieren und zugleich so traurig und erschöpft, dass diese Zeit für mich nur noch eine graue Wolke ist, aus der hier und da eine nette Kleinigkeit herausragt.
Ich weiß, dass das dieser Zeit nicht gerecht wird. Immerhin hatte ich da schon meine ersten großen Mutausbrüche, habe zwischen all den körperlichen Symptomen immer noch gearbeitet, mich auch da schon unbequemen Situationen mit diversen Menschen gestellt und sehr viel Power bewiesen. Dennoch überwiegt das Grau. Aber das ist okay, ich kann damit umgehen.

Nach dem Beginn meiner Krankschreibung im Mai dauerte es fast zwei Monate, bis die Farben zumindest ganz langsam mit ihrer Rückkehr begannen. Anfang Juli heirateten gute Freunde von uns und ich tanzte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder so richtig mit Leib und Seele. Ende Juli kam das Drachenfest - im Vorfeld eine echte Herausforderung, schlussendlich aber eine wahre Bereicherung. Irgendwie der Grundstein für eine nochmal ganz neu gewonnene Liebe zum Larp, vor allem aber auch zur unglaublich herzlichen Larp-Community. (Da ich weiß, dass einige von euch hier lesen: Ich liebe euch! Ihr habt mich so wachsen lassen auf den Cons, die ich dieses Jahr besucht habe. Tausend Dank dafür!)

In Berlin im August, aber auch zu vielen anderen, kleinen folgenden Gelegenheiten, hatte ich Erlebnisse, die ich im Nachhinein als "mein Moment" beschreiben würde und die mir eigentlich klar vor Augen führten was ich zuvor schon wusste, aber doch immer wieder beiseite schob: Ich bin eine Problemlöserin, eine Beraterin, eine Vertrauensperson. Ich kann Menschen berühren, ihnen neue Wege aufzeigen, sie groß machen, ihre Perspektive verändern. Nicht nur so ein bisschen, nicht nur privat. Es gibt kaum etwas im Leben, das mich so erfüllt wie es das Lösen (zwischen)menschlicher Probleme, das Führen tiefgehender Gespräche und das Aufbauen jener, die sich für klein halten, könnten.
Sprich: Ich bin sowas von falsch in meinem Job. Auf dieser Position löse ich gar nichts, höchstens mich selbst früher oder später auf. Daher steht für mich in 2019 definitiv eine berufliche Veränderung an. Wie genau die aussehen wird, weiß ich noch nicht. Klar ist aber, dass ich nebenberuflich eine Ausbildung machen will, die mir entspricht: Coaching, Beratung, Mediation. Ich kann gar nicht genug über die Themen lesen, so viel Bock hab ich darauf. All das dann gerne ohne dabei zu spirituell zu werden, wie es gerade Trend in der Szene ist. Coaching ohne Bullshit. (Falls du das liest, Lara ... du darfst lachen <3) Wo das dann schlussendlich hinführt ... das wird wohl eins meiner großen Abenteuer der nächsten Jahre werden.

Anfang September krachte es in unserer Beziehung ordentlich, nachdem wir mehrere Monate in Anspannung (meine Krankschreibung und meine emotionalen Wellen, seine Masterarbeit, sein Arbeitsbeginn, unausgesprochene Bedürfnisse und Erwartungen) gelebt hatten. Daraus entwickelte sich mit den wöchentlichen Zwiegesprächen, die wir nun führen, eine ganze neue Kommunikationskultur zwischen uns, die wir immer wieder gemeinsam weiterentwickeln und verfeinern. Aber vor allem entstand dadurch auch eine Nähe, die ich so noch nie erlebt habe. Die Offenheit und Ehrlichkeit, die wir beide immer wieder einbringen, geben uns die Möglichkeit, mehr Verständnis füreinander zu entwickeln. Ein Resultat dessen ist es, dass es zwischen uns aktuell eigentlich keine Neins mehr gibt. Wir haben nicht nur gemeinsame Ideen für die Zukunft gesponnen, wir haben auch unsere persönlichen Wünsche alle aufs Tablett gelegt, keinen davon ausgesondert, sondern ihnen allen die Möglichkeit eingeräumt, mit der Zeit Realität zu werden - wenn es zu uns und unserem Leben passt. Und irgendwie klingt diese Betrachtung ein bisschen pragmatisch, aber zugleich bin ich davon überzeugt, dass es das ist, was ich mir immer gewünscht habe, wenn ich an Liebe dachte. Die Gewissheit, dass deine Wünsche auch wirklich deine Wünsche sind, weil du sie mit Hilfe deiner Herzensmenschen hinterfragt hast. Und dann zu wissen, dass deine Wünsche gesehen werden und dass sie okay sind. Dass sie nicht "raus" sind auf Grund irgendwelcher Vorbehalte, sondern eine Chance im gemeinsamen Leben erhalten. All dies bewusst zu tun. Und aus alledem ein Wir zu formen. So sind wir jetzt. Ich liebe das.

Ein weiterer großer Step kam im September, als ich endlich eine (tiefenpsychologisch fundierte) Therapie begann und mich von Herrn C. verabschiedete, der mich zuvor 1 3/4 Jahre lang im Zweiwochentakt im Rahmen einer Überbrückungsmaßnahme begleitet hatte, bis ich endlich soweit war diesen Schritt zu machen.
Und damit vertiefte ich meine emotionale Entwicklung diesen Jahres, die ich wie folgt beschreiben würde: Ich habe alle Vermeidungsstrategien über Bord geworfen, bin nicht mehr weggelaufen, habe nichts mehr betäubt. Raus aus ewig alten Mustern, raus aus der Dauerschleife.
Ich habe mir all die Emotionen angesehen, die mich begrüßt haben, bin der ältesten Trauer und der ewig verdrängten Wut begegnet, habe Runden um Runden mit meiner stetigen Begleiterin, der Angst, gedreht, habe dafür die Momente der Freude noch höher leben lassen und bei alledem vor allem einer die Stirn geboten: Der Scham. Ich habe noch offener und ehrlicher geschrieben und kommuniziert, mich noch mehr gezeigt und endlich damit begonnen, für mich einzustehen. Ich bin dabei Risiken eingegangen und werde noch viel mehr eingehen. Mit dem Mut und der Verletzlichkeit kam außerdem die Kreativität in mein Leben. Dass sie schon viel länger in den Startlöchern gestanden hatte, hatte ich nicht wirklich begreifen können. Jetzt ist sie da. Und manchmal sprudelt sie so dermaßen, dass ich gar nicht weiß, wie ein Leben eigentlich ausreichen soll für all diese Ideen. Ich bin mir näher als ich es je gewesen bin und auch wenn es hart und anstregend und oft richtig ätzend ist und war, bin ich stolz auf meinen Mut. Stolz auf diesen Weg.

Leider bin ich seit Oktober nun sehr beschäftigt damit, nicht in einer Herbst/Winterdepression zu versinken, denn die Therapie ist so anstrengend, dass ich quasi stetig mit offenem Herzen herumlaufe - es ist leicht, mich zu treffen. In dem Ausmaß habe ich das noch nie erlebt, das kann wirklich beängstigend sein. Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass mit der Verletzlichkeit, die ich zeige, auch die Anzahl an Menschen wächst, die mir Mut zusprechen. Und das ist jetzt der Punkt, an dem ich euch mal danken will, liebe Leser*innen. Gerade in den letzten Wochen hat mich so viel liebes, herzliches Feedback erreicht, dass ich mehr als einmal Tränen in den Augen hatte. Es passiert mir immer noch, dass ich in meine alten Muster falle, mir Druck mache, weil ich noch nicht wieder arbeite, in Panik gerate, weil ich nicht weiß, wie ich mit all der Veränderung klarkommen soll oder einfach nur mal wieder in negative Gedankenkreisel abdrifte. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann weiß ich, dass ichs richtig mache. Ich weiß, dass ich mich auf einen ganz schön harten Weg begeben habe und dass ich keine bessere Entscheidung hätte treffen können, als es so zu tun. Und ihr habt mir immer wieder geholfen, den Mut nicht zu verlieren. Danke, von Herzen!

Morgen ist es also vorbei, dieses Jahr. Ich beende es mit sehr gemischten Gefühlen. Denn obwohl ich weiß, dass ich unglaublich viel erreicht habe, bin ich im Moment dennoch so verletzlich und empfindlich wie selten zuvor. Obwohl ich Pläne und Ideen habe und dabei ganz viel Liebe und Motivation empfinde, hatte ich selten so viel Angst. 2018 was ein mutiges Jahr. 2019 werde ich noch viel mehr Mut brauchen. Ich weiß auch, dass der da irgendwo in mir verborgen ist. Gerade fühl ichs nur noch nicht so richtig. Wir werden sehen, wann er sich zeigt.
Euch allen wünsche ich einen guten Rutsch! Habt eine schöne Zeit mit lieben Menschen (oder vielleicht auch nur mit euch selbst?). Auf dass ihr in 2018 zurücklassen könnt, was dort bleiben soll. Auf dass euch in 2019 das begegnen mag, was euch groß macht!

Freitag, 21. Dezember 2018

#76 Gute Gefährten.

Manchmal passiert eine Sache, machmal fällt ein Satz ... und dann bin ich wieder mittendrin, in dem alten Schmerz. Weil die Zeit gar nix heilt. Ja, sie trägt vielleicht Schichten auf, die die alte Wunde verbergen und dann fühle ich mich plötzlich besser und sicherer und kann die Sache vielleicht sogar eine ganze Zeit lang vergessen. Aber dann reicht eben irgendwann auch dieser eine Moment und es ist wieder da.
Sehen, verstehen, vergeben, loslassen. Das heilt. Aber das sind eben mehrere Schritte, die auch gemacht werden müssen, damit es funktioniert. Und die alle zu machen, ohne dabei etwas zu vergessen oder beiseite zu schieben oder vor dem Schmerz zu fliehen - das ist schwer. Und je nach Situation vielleicht noch schwerer.

Ich hatte dieser Tage einen wundervollen Austausch mit einer Frau, die ich mittlerweile als "Bekannte mit vielen Gemeinsamkeiten" bezeichnen würde, mit Tendenz zur "Freundin". Vor einem Jahr war sie noch "die, bei deren Namensnennung ich schmerzhaft das Gesicht verzog".
Die Ausgangsgeschichte ist theoretisch schnell erzählt: Zwei Frauen sind interessiert am selben Mann. Die eine ist schon in einer (Poly-)Beziehung mit ihm und verleugnet sich und die Tatsache, dass sie gerade den Eifersuchtstod stirbt. Die andere findet ihn schon seit Jahren toll, sagt es ihm endlich, verbringt eine Nacht mit ihm und bekommt aber schlussendlich doch einen Korb, weil die erste Frau nun eben doch den Mund aufmacht und "Nein!" sagt. Es folgt lange Stille, dann treffen alle irgendwann (wieder) persönlich aufeinander. Zaghafte Annäherung. Mittlerweile haben die beiden Frauen immer mal wieder Kontakt über Facebook. Sie verstehen sich nämlich eigentlich echt gut. Sie sind sich nämlich eigentlich echt ähnlich.
Das ist die Kurzform. Die lange Form beinhaltet die Palette jeglicher Emotionen, Ängste, Sorgen. Sie beinhaltet Schmerz und Trauer und echt viele Tränen. Und für mich, die ich die erste Frau in dieser Geschichte war, beinhaltete sie zuletzt immer noch offene Fragen. Oder auch, um den Bogen zu schlagen: Offene Wunden.
Ich habe damals so viele Fehler gemacht, dass ich gar nicht wüsste wo ich anfangen soll. Vielleicht habe ich auch nur viel zu oft denselben Fehler gemacht. In jedem Fall habe ich nicht für mich eingestanden. Aus Angst, ihn zu verlieren. Aber auch, weil ich mir selbst unbedingt beweisen wollte, dass ich das mit dem Poly-Leben hinkriegen kann. Ich habe zu oft Ja und Amen gesagt, immer wieder, und danach Stunden lang in ein Kissen geheult, immer wieder. Also ja, dass ich mir hier am allermeisten weh getan habe, das steht außer Frage. Daher ja, am "mir selbst vergeben" arbeite ich noch. Aber das wusste ich, das war nicht neu und das war es auch nicht, was sich irgendwie fremd und ungreifbar anfühlte.
Ich hatte ja nun sowohl mit ihm als auch mit ihr gesprochen. Eigentlich schien alles gesagt. Und dennoch waren nach diesem Gespräch die alten Gefühle wieder präsent, der Schmerz wieder da. Da waren irgendwo noch Fragen offen, die ich nicht einmal formulieren konnte. Ein bisschen fühlte ich mich schon wie in einer Sackgasse, ich hatte keine wirkliche Idee mehr. Also sprach ich nochmal mit ihm.
Erwartungen hatte ich eigentlich keine an dieses Gespräch, außer vielleicht allgemein den Druck in meinem Kopf ein wenig zu reduzieren. Aber wie zumeist sollte ich auch hier mal wieder eines Besseren belehrt werden. Während ich nämlich die ganze Zeit über davon ausgegangen war, dass wir uns im Sommer letzten Jahres ja alles gesagt hätten, war mir gar nicht klar, dass ich nicht einmal annähernd alles in Worte gefasst hatte. Ich war ihm gegenüber nie wirklich dazu gekommen, meinem Schmerz voll und ganz Ausdruck zu verleihen, denn meine Schuldgefühle waren damals übermächtig gewesen. Ich hatte mich schlichtweg nie getraut. Und mir dann eingeredet, dass das Thema ja nun durch sei. Nur funktioniert das nie. Es holt dich eh ein, irgendwann. Und bei mir ist gerade ein sehr guter Zeitpunkt dafür, jetzt wo ich plötzlich entdecke, was ich so alles kann und darf und was ich mir so wert bin.
Also tat ich es. Ich zeichnete ihm ein Bild meines Schmerzes. Erzählte ihm von dem krassen Wechselbad der Gefühle und von der Zerrissenheit, von dem Wunsch, bei ihm zu sein und den Momenten, in denen ich mir einfach nur wünschte, all das wäre nicht.
Ich weiß nicht mehr, wie viel ich damals eigentlich gesagt hatte. Was ich aber weiß ist, dass ich es definitiv nie so offen gesagt habe. Und dass er es auch niemals so aufgenommen hätte wie heute, denn auch wenn es nicht einmal 1 1/2 Jahre her ist, sind wir heute eben doch andere Menschen. Jeder für sich und wir miteinander. Und durch diese neue Verbundenheit, die wir uns geschaffen haben, aber zugleich auch durch den Abstand zu damals mit all der Story drumherum, ist uns beiden, vor allem aber ihm, ein neuer Blick auf das Geschehene möglich gewesen.
Nach dem Gespräch kaute ich noch eine ganze Weile auf der Sache herum, wühlte mich durch Gesprächsverläufe von damals und versuchte irgendwie herauszufinden, was da nun wesentlich war für mich. Aber die Antwort sollte er mir geben. Kurz nachdem ich das Handy beiseite gelegt hatte, nahm er mich in den Arm, hielt mich fest und sagte dann das einzige, was so lange gefehlt hatte: "Es tut mir Leid. Ich wollte dich nie so verletzen." Er hatte damals nicht gewusst wie weh mir das alles tat. Das wundert mich nicht, habe ich doch alles daran gesetzt, die Tapfere zu spielen und es vor ihm zu verbergen. Jetzt also, 16 Monate später, ist es gesagt. Ich bin spontan viele Tränen und gefühlt auch viele Kilo leichter.
Es ging mir nicht um Genugtuung oder darum, dass ich gewinne, oder darum, dass er zu Kreuze kriecht. Es ging mir nur darum, gesehen zu werden. Und darum, zu wissen, dass ihm mein Schmerz nicht egal ist.

Diese Geschichte ist in vielerlei Hinsicht sehr aufschlussreich, denke ich. Ich zumindest nehme daraus Folgendes mit:
- Für sich selbst einzustehen, auch wenn es riskant scheint, ist so unglaublich wichtig. Die Vorwürfe, die ich mir selbst gemacht habe, weil ich nicht auf mich geachtet habe, haben allen anderen Schmerz überwogen.
- Verdrängen bringt auf Dauer wenig, die Thematik meldet sich sowieso irgendwann wieder.
- Auch wenn die Dinge lange her sind, kann es sich lohnen, mit den beteiligten Menschen noch einmal darüber zu sprechen, wenn es hin und wieder noch schmerzt. Mit dem Abstand dazu kommt auch ein neuer Blickwinkel.
- Wenn man in irgendeiner Form am Schmerz einer anderen Person beteiligt (nicht schuld!) war, schadet es nie, zu sagen, dass es einem Leid tut. Das zeigt dem anderen: Ich sehe dich und deinen Schmerz und es ist mir nicht egal, dass es dir weh tut.

In dem Moment, in dem es weh tut, vergesse ich das oft, aber eigentlich bin ich grundsätzlich der Meinung, dass dort wo Schmerz ist auch immer eine persönliche Chance verborgen liegt. Und deshalb lohnt sich hinschauen. Echt immer. Wenn er euch zu groß erscheint, dann schaut nicht alleine hin, sondern holt euch gute Gefährten an die Seite. Aber gebt euch selbst die Chance. Und gebt sie vielleicht auch Anderen, indem ihr ihnen gute Gefährten seid.
An dieser Stelle danke ich sowohl meinem Mann als auch der wundervollen Frau, die mit mir Teil dieser Geschichte waren. Auch wenn das nicht leicht war, wart ihr mir, gerade auf diesem letzten Wegabschnitt, gute Gefährten.

Montag, 17. Dezember 2018

#75 Tagesziel: Überleben.

Heute ist wieder mal so einer. Ich weiß es schon als ich aufwache, weil die Ameisen unter der Haut schon vor mir wach waren. Es ist einer dieser Tage, an denen die Hoffnung Urlaub hat.
Als der Wecker geht, rühre ich mich nicht wirklich, weiß gar nicht ob ich nun kuscheln will oder nicht, ob ich berührt werden will oder nicht, ob ich überhaupt fühlen kann oder will oder nicht. Alles ist irgendwie grau. Er steht auf. Ich bleibe liegen. Rolle mich in der Decke zusammen, spüre dass meine Hände und Füße wohl kalt sein müssen, aber friere nicht mal.
Tapfer versuche ich irgendwie unsere morgendlichen Rituale mitzumachen. Das Lächeln als er geht gelingt mir eher nur mäßig. Dann bin ich allein. Oft komme ich damit nicht gut zurecht, heute bin ich erleichtert. Ich muss dann weniger die Luft anhalten. Flach atmen genügt.
Ich liege einfach rum. Starre die Gardinen, die Wand oder die Decke an. Das Prouktivste, was mir gelingt, ist mein Handy in die Hand zu nehmen. In solchen Momenten rettet mir Social Media irgendwie doch immer wieder so ein bisschen das Leben, denn ich bin dadurch einfach nicht so einsam mit mir wie ich es wohl ohne wäre.
Irgendwann gegen Mittag verspüre ich zwar immer noch weder Hunger noch Durst, aber die Vernunft zwingt mich, meine Wasserflasche aufzufüllen und weil ich mich zu mehr nicht überreden kann, bestelle ich Pizza und Eis und zahle per Paypal, damit ich mit dem Boten möglichst wenig kommunizieren muss. Als die Pizza kommt, esse ich zwei Viertel. Während ich sonst gerne die größten Stücke nehme, suche ich heute akribisch nach den Kleinsten. Mir wird eigentlich schon vom Geruch schlecht, aber irgendwas muss ich essen. Also runter damit. Das Eis danach geht leichter, zum Glück. Dann sinke ich wieder ins Bett.
Ich höre etappenweise Hörbuch, dann schalte ich es wieder aus weil meine Gedanken so rattern, dass ich die letzten paar Minuten gar nicht mehr zugehört habe. Also schenke ich ihnen Aufmerksamkeit, weine immer mal wieder weil sie irgendwie alle dunkel und kalt und winterlich, nur eben ohne die gemütliche Romantik sind und irgendwann, wenn es genug ist, starre ich wieder, nur dann eben leiser.
Meistens, auch heute, kann ich das gar nicht den ganzen Tag so machen, auch wenn ich mich danach fühle, denn irgendwann entscheidet mein Körper, keine Position mehr bequem zu finden. Also stehe ich auf, gehe duschen und mache dann Hausarbeit. In solchen Momenten hilft es mir, dass ich so darauf trainiert bin, zu funktionieren. Auch wenn es nicht wirklich hilft. Zumindest wird das Unbehagen nicht noch größer dadurch, dass ich den Haushalt vernachlässige.
Jetzt sitze ich hier und tippe das und weiß eigentlich gar nicht, was ich davon will. Ich wollte heute eigentlich was Anderes veröffentlichen, aber danach fühle ich mich nicht. Innerlich hab ich mir schon wieder vorgeworfen, dass ich euch ja neue Topics versprochen habe und jetzt nicht "liefere" was natürlich Bullshit ist, aber wie ich schon sagte ... die Hoffnung hat heute Urlaub. Der Optimismus begleitet sie dann regelmäßig. Sie sind ein hübsches Paar, wie sie da so am Strand liegen und Cocktails schlürfen. Heute passen sie da auch einfach besser hin als zu mir.
Ich schaue auf den Zettel, den die Hoffnung auf meinem Nachttisch hinterlassen hat: "Morgen wird besser, versprochen", steht da. Ich seufze und zucke mit den Schultern. Sie muss es ja wissen.

Freitag, 14. Dezember 2018

#74 Ja, ich bin wirklich krank.

Seit ungefähr zwei Jahren betreibe ich, wenn auch nur in kleinem und meist doch eher privatem Rahmen, Aufklärungsarbeit in Sachen psychische Erkrankungen, insbesondere Depression und Angststörung. Seit zwei Jahren. Da mutet es doch irgendwie ein wenig absurd an, wenn ich jetzt sage, dass ich mir immer noch nicht richtig eingestehen kann, dass ich eine psychische Erkrankung habe. Oder?

Der Groschen fiel, als meine Therapeutin mich fragte, wie krank ich denn nun sei. Die Frage war offensichtlich gewollt provokativ formuliert und kam für mich nun auch nicht völlig überraschend - meine Reaktion hingehen schon. Die erste, sehr leise und merkwürdig abwartende Gegenfrage, die sich in meinem Kopf formulierte, lautete nämlich: "Will sie mich beleidigen?"
Mir war in dem Moment nicht bewusst, was ich da dachte. Überhaupt war diese ganze Therapiesitzung für mich von der völligen Vernebelung meines Kopfes geprägt. Ich kämpfte mich durch die grauen Schleier, gab irgendwelche Antworten von mir und kapierte gar nix, aber die Frage, die blieb hängen. Und genau in dem Moment, als die Sitzung beendet war und ich zur Tür hinaus ging, mischten sich die Karten in meinem bis dato sehr ausgelasteten Gehirn neu und lagen plötzlich offen vor mir.
Ich funktioniere. Ich funktioniere einfach immer. Solange, bis ich nicht mehr funktioniere. Ich funktioniere auf Arbeit, ich nehme anderen mehr ab als ich selbst tragen kann, ich lächle immer sofern möglich, ich meine es nur gut, ich habe Verständnis für alles und jeden und immer.
Ich funktioniere in meiner Beziehung. Du willst lieber das? Kein Thema. Bin ich dir auch nicht im Weg? Lass nur stehen, ich räum das nachher weg. Nein, das macht mir wirklich nichts aus.
Ich funktioniere aber auch, wenn ich es gar nicht brauchen kann, das funktionieren. Beim meditieren zum Beispiel. Da sitze ich plötzlich da und habe Zeit und könnte alles fühlen oder alles mal sein lassen, aber stattdessen zieht sich in mir diese Mauer hoch und ich achte fast wie eine Maschine auf meinen Atem.
Und dann funktioniere ich vor allem bei Arztbesuchen. Bei meiner Hausärztin, meinem Psychiater, meiner Therapeutin. Ständig sitze ich da und plaudere und man könnte meinen, meine Welt sei super und in Ordnung, während in mir ein Wirbelsturm wütet, den ich für kurze Zeit komprimiere und hinter den vielen anderen Dingen in meinem Herzen verstecke, nur damit er dann irgendwann wieder hervorbrechen kann.

Funktional sein kann viele Vorteile haben in den unterschiedlichsten Situationen, aber echt eklig wird es dann, wenn selbst die Mediziner dich schon fragen, warum du eigentlich da bist, wenn bei dir doch alles in Ordnung scheint. SCHEINT.
Denn ja, ich bin oft begeistert und ich fange an, diesen Change zu lieben und ich bin so froh um all das, was ich gelernt habe, aber mein Gott, es geht mir echt oft mega scheiße dabei. Und das kann und darf ich doch nicht zeigen, denn wenn ich ganz ehrlich dazu stehe, dass ich eigentlich schon seit 15 Jahren an Angst und Depressionen leide, dann ...

Ja, was dann? Dann will mich vermutlich kein Arbeitgeber dieser Welt mehr beschäftigen und dann werden sich Leute von mir abwenden. Dann werde ich gleichgesetzt mit "geistesgestört" und "irre". Dann nennt man mich "bekloppt" und nimmt mich nicht ernst. Dann werden sich die um mich herum immer fragen: "Ist das jetzt sie oder ihre Krankheit?" Dann werde ich ausgegrenzt. Dann bin ich für andere Leute weniger wert, weil ich nicht funktioniere. Dann kann ich noch so viele Tipps und Anregungen geben zum Leben und zum Wachsen, aber wer glaubt mir das denn dann noch?

All das ist in mir. All das ist auch immer mal wieder da, wenn ich irgendetwas von mir nach außen trage. Wenn ich mich auf neues Terrain wage. Wenn ich mich verletzlich machen will oder muss.
Schlimm ist auch, dass mir vieles davon tatsächlich schon passiert ist. Und ja, natürlich weiß ich auch, dass Menschen, die sowas machen, einfach nur selbst ein Problem haben und dass das eigentlich gar nichts mit mir zu tun hat. Aber das ändert ja nichts daran, dass es weh tut. Und auch nichts daran, dass es wieder und wieder meine blöde Pseudo-Funktionalität befeuert hat.

Das Gute daran ist allerdings, dass ich es jetzt gesehen habe. Ich habs kapiert, wie ich funktioniere. Ich habe mir angeschaut, was dahinter steht. Und jetzt setze ich es um.

Ja, ich bin WIRKLICH krank. Nicht nur ein bisschen, nicht nur verborgen. So ganz echt. Seit mehr als der Hälfte meines Lebens. Ich mag gerade an einem Burnout leiden, aber der ist nur eine zusätzliche Erscheinung zu dem, was auch vorher schon da war. Ja, ich habe mit Dämonen zu kämpfen, die mich schon ewig verfolgen und JA VERDAMMT, ich brauche gerade richtig viel Zeit und Kraft, um all das aufzuarbeiten. Ich muss nämlich gerade erst mal leben lernen. Und das darf ich auch. Dabei ist es egal, ob mich irgendwer irgendwie scheiße ansieht, ob ich verurteilt werde oder ob irgendwer mich gerne anders hätte. Ich bin nämlich mutig. Und krass. Und eben auch krank. So what?

Freitag, 7. Dezember 2018

#73 Wie ich schreiben will.

Im Moment verändere ich mich so sehr, dass natürlich auch alle wichtigen Bereiche meines Lebens irgendwie nicht von diesem Wandel verschont bleiben können. Auch das Schreiben nicht.
Seit bestimmt einem Jahr merke ich schon, dass ich eigentlich mehr möchte von diesem Blog, aber bisher hatte ich noch keine wirkliche Idee wie ich das gestalten möchte. Jetzt, so langsam, formt sie sich und das möchte ich natürlich mit euch teilen.

Eigentlich habe ich immer aus großen Emotionen heraus geschrieben. Die meisten von euch, die mir regelmäßig Feedback hinterlassen, wissen es zu schätzen, dass ich euch mitnehme ins Zentrum meines Schmerzes, aber eben auch zu all den Schönheiten, die das Leben lebenswert machen. Und ich habe sicherlich nicht vor, damit aufzuhören. Vielmehr möchte ich mein Jahr des Wagemuts auch hier zur Geltung kommen lassen und mich eben auch beim Schreiben mehr trauen. Ich dachte nämlich viel zu lange, ohne große Emotion würde ich gar keine guten Texte hervorbringen, ohne den Rausch beim Schreiben packe ich die Leute nicht. Aber je besser ich lerne mit meinen Emotionen umzugehen und je mehr ich den Zugang zu mir finde, desto klarer wird mir dabei auch, dass ich auf meine Emotionen jederzeit Zugriff habe, wenn ich das möchte. Klingt wahrscheinlich ein bisschen strange, aber das musste ich wirklich erst verstehen. Mein erstes Fazit also an dieser Stelle: Ich muss nicht auf einen emotionalen Rush warten, um über ein Thema zu schreiben, das mich bewegt. Ich kann das nämlich auch so.

Die Themenvielfalt ist auch so ein Ding, an dem ich sehr lange geknabbert habe. Tatsächlich habe ich nämlich sehr sehr lange geglaubt, dass Emotionen, und da eben vor allem meine eigenen, das einzige seien, wozu ich wirklich eine Meinung haben und äußern könne, weil ich ja für alles andere "nicht Experte genug" bin, um irgendwas darüber in dieses Internetz zu stellen. Passt natürlich in mein sehr altes Muster, mich stetig klein zu machen. Hab ich jetzt aber genug von, wirklich. Denn klar, ich werde zu spezifischen Themen nie so viel Wissen haben wie jemand, der sich über Jahre hinweg damit befasst hat. Aber ich bin ja durchaus jemand, der gerne diskutiert und sich von guten Argumenten überzeugen lässt. Und ich finde nicht, dass es eine Schande ist, wenn ich irgendwo nicht Recht habe und ich dann von jemandem korrigiert werde, der es eben besser weiß. Ich bin ja auch nur ein Mensch. Ab sofort dann eben ein Mensch, der sich an ein paar mehr Dinge heranwagt. Im Blick habe ich vor allem Themen, die hier auch zum Teil auch schon mal angeschnitten wurden, manche gesellen sich aber neu hinzu. Dazu gehören auf jeden Fall: Feminismus, Nachhaltigkeit, Verhütung, Homone, Periode, allgemein für mich relevante politische Themen, ggf. auch Buchempfehlungen, evtl. ein bisschen was über das Schreiben an sich und natürlich meine Herzensthemen Emotionen, Beziehungsangelegenheiten, Persönlichkeitsentwicklung, Körpergefühl und psychische Erkrankungen, allerdings nicht nur bezogen auf meinen Alltag, sondern auch in vielen anderen Kontexten.

Mit dem Mut kam dieses Jahr auch die Kreativität zu mir. "Ich bin nicht kreativ" war nämlich auch so ein ekliger, über viele Jahre sehr hartnäckiger Glaubenssatz. Eigentlich wars eher "Ich habe nicht den Mut, meiner Kreativität Ausdruck zu verleihen." Und auch das darf jetzt gehen und Platz machen für all das, was da eigentlich in meinem Kopf herumspukt. Ich hab Lust darauf, das endlich auszuleben. Und ich freue mich, wenn ihr mich auf dieser Reise begleitet.

#72 Manchmal geht es auf Umwegen schneller.

Sie ist die Größte, die Stärkste und die Älteste. Sie ist die, die mich in meinem Leben am meisten belastet. Sie kostet mich unendlich viel Kraft und Ressourcen, ihretwegen gebe ich Chancen und Möglichkeiten auf, stehe mir selbst oft im Weg und habe ständig wieder das Gefühl, mich im Kreis zu drehen. Sie ist sowas wie meine persönliche Nemesis, die Angst vor dem Loslassen.

Manchmal genügt es schon, wenn er einfach nur einen Abend weg ist. Das ist vor allem zu Zeiten der Fall, in denen ich eh schon auf dem Zahnfleisch gehe. Es weitet sich aus auf Nächte, die er fort ist. Für die Arbeit geht das noch, das war in meinem Kopf schon immer leichter zu akzeptieren. Wenn er dann zu Freunden fährt, irgendwas anderes Cooles für sich unternehmen will, dann geht das Ganze noch weiter, tiefer, es wächst. Und noch schlimmer wird es dann, wenn ich mir vorstelle, dass ich fort bin. Dass ich gehe und mein eigenes Ding mache und dann nicht nur fort von ihm, sondern auch raus aus meiner Komfortzone bin.

Die Angst, die mich da überkommt, ist schwer zu beschreiben. Wenn sie ihr volles Ausmaß erreicht, fühlt es sich wirklich an, als würde ich das vielleicht nicht überleben. Es sind Erinnerungen aus sehr frühen Kindheitstagen. Hier geht es schon lange nicht mehr um rationales Wissen, ich weiß womit ich es zu tun habe. Hier geht es um fühlen. Um einen Mangel an (Ur- und Selbst-)Vertrauen. Darum, dass ich zum einen glaube, immer verfügbar und greifbar sein zu müssen, mir aber zugleich Druck mache, mutig zu sein und zu wachsen und das am besten stetig und schon vorgestern. Darum, dass ich glaube, aus den Augen ist gleich aus dem Sinn. Darum, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass er wiederkommt, egal wohin er geht. Und darum, dass ich nicht glauben kann, dass mein zu Hause noch da und alles noch in Ordnung ist, wenn ich nach längerer alleiniger Abwesenheit wiederkomme.
Aber egal wie rational ich das betrachte - die Angst da und sie ist groß. Mal mehr und mal weniger, doch irgendwie ist ihre Bedrohlichkeit immer wieder gegeben.

Sie verbaut mir so viel, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll zu erzählen. Ich kann meine Wochen nicht richtig planen, weil ich dabei immer das Gefühl habe, ich muss für ihn noch verfügbar sein, damit wir uns nur ausreichend sehen. Das macht Verabredungen mit Freunden zu einem Drahtseilakt mit vielen "Vielleichts", gerade jetzt, da ich sowieso nur begrenzte Kräfte habe.
Weiter geht es mit all den Dingen, die er gerne mal für sich machen möchte. Ich kann nur schwerlich loslassen, folglich schaut er nebenher immer mit einem Auge (oder beiden) auf mich. "Ist sie okay? Kann ich das so machen?" Es killt also nicht nur unsere jeweilige Flexibilität, sondern auch die Möglichkeit, einfach mal entspannt zu sein. Irgendwie müssen wir ja beide ständig auf mich und meine Angst achten. Und dann tötet sie noch etwas ganz anderes.
Ich bin einer der neugierigsten Menschen, die mir je begegnet sind. Ich habe so vielfältige Interessen, ich will so viel wissen und lernen und Neues ausprobieren. Das ist mit einer generalisierten Angststörung schon nicht leicht, aber mit dieser massiven Angst, die über allem steht, ist es mir quasi unmöglich, einfach mal ein paar Tage irgendwo auf ein Seminar zu fahren, mich einfach mal zum Wandern im Schwarzwald aufzumachen oder endlich mal den Jakobsweg zu gehen oder nach Bali zu fliegen, was ich mir schon ewig wünsche. Wenn ich ehrlich bin, nimmt sie mir sogar die Option, mich in einer Klinik behandeln zu lassen. Denn auch dafür müsste ich loslassen. Und vertrauen. Und ja, mag sein, dass ihr euch jetzt denkt, dass man doch gerade in einer Klinik gut geschützt ist und entsprechendes Personal stetig ansprechbar ist. Nur ist meine Angst so mächtig, dass sie in solchen Momenten mein Vertrauen in das Leben aus Selbstschutzabsichten heraus auf Null reduziert. Und dann ist alles nur noch gefährlich, niemandem kann man trauen. Nichts wird gut. Bis ich mir selbst den Druck nehme, die Situation oder den Gedanken daran auflöse. Es gut sein lasse.

Ob das das Leben ist, das ich führen möchte, könnte ich mich jetzt fragen. Nein, ist es nicht. Ich möchte ein freier, selbstbestimmter Mensch sein. Und ich möchte einen Partner haben, der ebenso frei und selbstbestimmt leben und sein kann.

Ich bin endlos frustriert, gerade im Moment. Denn irgendwie dachte ich, ich komme dieser Angst nun endlich bei und kann nach und nach besser mit ihr umgehen. Wenn ich ehrlich bin, wird es im Moment allerdings einfach nur immer schlimmer.
Es bewegt sich viel, das kann man schon sagen. Etwas über ein Jahr führen wir nun keine Fernbeziehung mehr, ungefähr ein Jahr wohnen wir zusammen. Ca. neun Monate sind vergangen, seit wir uns entschieden haben, monogam zu leben. Etwa ein halbes Jahr bin ich nun krank geschrieben und zu Hause. Seit knapp drei Monaten arbeitet er und ist den ganzen Tag über weg, während ich alleine hier bin. Ungefähr zwei Monate sind seit Beginn meiner Therapie vergangen. Doch sind diese Bewegungen nun zu- oder abträglich? Müsste es nicht insgesamt irgendwie besser oder leichter werden?
Bin ich zu ungeduldig mit mir, zu ungnädig? Ist es normal, dass gerade alles schlimmer wird, weil ich alte Wunden öffne und reinige? Gehe ich zu viel auf einmal an, wenn ich mich dieser Angst, meiner Beziehung im Allgemeinen, den Beziehungen zu meinen Eltern und meinem Job gleichzeitig widme?

Ist es unnormal, zu krass und zu gefährlich, wenn ich zwischendrin Momente habe, in denen es für mich so tief in den Keller geht, dass ich mir Medikamente wünsche, um mich betäuben zu können?
Wie schädlich ist es, wenn ich zwischendrin einfach entgleise? Gestern war ich an einem Punkt, an dem ich ihm sagte, er könne am Wochenende schon ohne mich wegfahren, aber vorher solle er mich doch bitte in die Psychiatrie bringen. Als er Anstalten machte, diese Option wirklich zu wählen, wurde ich zum Biest. Ich weiß, dass das emotionale Erpressung ist. Ich versuche alles, wirklich alles, um das im Normalfall zu vermeiden. Aber gestern war ich am Ende meiner Kräfte, ich konnte einfach nicht mehr. Rechtfertigt das irgendwas? Ich weiß es nicht.

Was ich weiß ist, dass es mir Angst macht. Das Ausmaß all dessen. Die Wucht, mit der die Emotion mich ergreifen kann, wenn ich eh schon geschwächt bin und mich nicht richtig zu wehren vermag.
Gut gemeinte Ratschläge, ich solle über einen Klinikaufenthalt oder Medikamente nachdenken, sorgen aktuell vor allem dafür, dass ich innerlich panisch werde und alles in mir schreit, man wolle mich ja nur loswerden. Ich weiß, dass das Quatsch ist. Ich weiß, dass ich damit Menschen, die mich sehr lieben, Unrecht tue. Aber meine innere Abwehr ist so krass bei sowas. Sie fährt alles auf, um eine Reihe von Gefühlen zu reproduzieren, die ich eben irgendwie immer erwarte: "Nicht gewollt werden. Nicht gut genug sein. Eine Last sein. Stören. Sofort ersetzbar sein. Nicht vermisst werden."

Wie ich schon zuvor schrieb, bin ich näher dran an alledem als ich es je war. Aber dennoch schwingt momentan vor allem eine Frage immer wieder mit: Was kann ich denn nur tun? Was kann ich tun, wenn ich all das zwar sehe, aber die Angst so massiv ist, dass ich nicht einfach hindurch gehen kann? Was kann ich tun, außer Medikamente nehmen oder in eine Klinik gehen? Worauf kann ich achten, wo kann ich ansetzen? Was kann ich versuchen?
Denn wenn ich ehrlich bin, weiß ich manchmal nicht was schlimmer ist: Die Angst selbst zu erleben oder mich immer wieder fragen zu müssen, ob es jemals besser wird.

--- Cut.
Ich schrieb das am 23.11., also vor zwei Wochen. Den Beitrag habe ich seitdem nicht veröffentlicht, weil ich irgendwie noch nicht den Moment dafür gefunden hatte. Und irgendwie auch, weil er mal wieder einige Dinge enthält, für die ich mich schlicht und einfach schäme. Aber heute bin ich gar nicht so unglücklich darüber, dass ich ihn noch nicht veröffentlicht habe, denn das versetzt mich in die großartige Situation, die gesagten Dinge noch einmal betrachten und einen anderen Blick auf all das werfen zu können und euch auch gleich daran teilhaben zu lassen.
Zwei Wochen später sind meine Ängste natürlich nicht verschwunden. Sie sind immer noch da, sie sind gerne noch laut. Und dennoch habe ich in dieser Zeit schon viel bewegt für mich. Jeder dieser Tiefpunkte ist irgendwie eben ein Wendepunkt. Jeder Schmerz ist im Moment ein Wachstumsschmerz. Und aus dem Wochenende, das auf den oben genannten Text folgte, ist viel an Erkenntnis und viel an neuen Umgangsweisen mit bestimmten Dingen, vor allem aber mit mir selbst erwachsen.
Ich habe damit begonnen, lauter zu werden. Ich stehe noch deutlicher und zeitnaher für mich selbst ein. Ich wanke nicht mehr so sehr umher, ich versuche nicht mehr, es IHM recht zu machen. Ich mache es erst mal mir recht. Ich frage jetzt zuerst MICH was ich will. Bezogen auf Wochen- und Monatsplanung. Bezogen auf meine Kräfte. Angepasst an die Situation.
Ich habe aufgehört, mich ständig beweisen zu wollen. Denn dass ich dieses Wochenende, von dem ich schon Wochen zuvor eigentlich geahnt hatte, dass es vielleicht problematisch werden könnte, unbedingt durchziehen wollte, lag vor allem daran, dass ich ihm, mir und am besten auch allen unseren Freunden beweisen wollte, dass ich ja nicht diese kaputte Frau bin, wegen der man ständig Dinge absagen oder auf etwas verzichten muss. Ich habe mich selbst so unter Druck gesetzt, dass das ja schlicht und ergreifend nichts werden konnte. Und damit höre ich jetzt ebenfalls auf.
Natürlich habe ich dann gleichzeitig auch die Sorge, dass ich mich auf dem aktuellen Zustand "ausruhe" und mich nicht mehr entwickle. Ja ich weiß, is Quatsch, ne? Den Tag, an dem ich mal nicht versuche, mich weiterzuentwickeln, der muss erst noch erfunden werden.
Man kann sich ja jetzt auch wieder fragen, warum ich denn noch gar nichts dazu geschrieben habe, dass ich am "Loslassen" selbst gearbeitet hätte ... weil hab ich nicht. Nicht, weil ich darin nicht besser werden möchte, sondern weil es gerade gar nicht die Zeit dazu ist. Ich bin an einem Punkt, an dem ich so müde und ausgelaugt bin von all den Themen, an dem ich zusätzlich geschlaucht bin vom Winter und von Arztterminen und von der Krankenkasse und all dem Papierkram, dass es jetzt gerade nicht dran ist, große neue Schritte zu wagen. Und diese Erkenntnis ist irgendwie auch eine Art von Loslassen. Nur eben nicht die ursprüngliche. Aber das ist okay. Ich verliere mein Ziel nämlich nicht aus den Augen, nur weil ich gerade an anderen Dingen arbeite. Im Gegenteil, ich lege ja gerade die Grundsteine dafür, es irgendwann mt einem guten Gefühl erreichen zu können. Geduld und Verständnis für mich selbst sind da ungemein hilfreich.

Es sind immer wieder ähnliche Themen, immer wieder dieselben alten Glaubenssätze. Aber dennoch ist jedes Mal wieder ein bisschen anders. Jede Erkenntnis hat eine Bedeutung, jeder Schritt ist wertvoll. Das sage ich mir selbst, aber das sage ich auch allen von euch, die sich mühsam durch den Sumpf emotionalen Schmerzes ackern. Gebt nicht auf, geht weiter. Und schaut nach zwei Wochen zurück, um dann zu sehen, dass ihr wieder einen wesentlichen Schritt gemacht habt.

Freitag, 23. November 2018

#71 Ein ewiger Kreis.

Ich starre auf meine Tastatur, auf den grauen Himmel, dann wieder auf die Tastatur. Alles ätzt mich an, ich mag einfach nicht mehr. Tränen wollen sich schon gar keine mehr zeigen, ich bin zu erschöpft zum weinen.
Ich habs heute schon geschafft zu lachen, ganz echt. Sogar telefoniert hab ich. Und nette Dinge im Internet an Leute geschrieben. Ein ganz normaler Mensch war ich, immer mal wieder, so für ein paar Minuten. Aber immer wieder bog ich ab auf diesen Pfad. Zurück in diesen Zustand.
Die Ameisen unter meiner Haut kehren stetig wieder. Es kribbelt und kribbelt, aber kratzen und kneifen bringen nichts, denn auch wenn es sich so anfühlt als seien sie da, sind sie doch nur in meinem Kopf. Und während ich irgendwie versuche, nicht wahnsinnig zu werden in all der Spannung und mal kurz nicht auf das Herzrasen in meiner Brust zu achten, denke ich, dass ich so langsam, verloren in all den Empfindungen, gar nicht mehr weiß, was eigentlich das Problem ist.

Sie ist ein Gedankenkonstrukt, diese Depression. Am Ende sind es immer wieder einfach Gedanken, die vorbeikommen. Gedanken, die ich glaube, weil sie ja schon so lange da sind. Und wenn ich sie erst geglaubt habe, werfen sie Emotionen ab. Wie Kampfbomber, nur mit ungreifbarer Munition. Emotionen, die sich so stark wie nie anfühlen, weil ich ja meine Verteidigungsanlagen eingerissen habe. Ich will ja sehen und wissen und fühlen, ich will ja damit arbeiten. Aber dann trifft mich all das eben auch mitten ins Herz. Und mein Herz ist müde, genau wie ich. Wir rasen beide auf Vollgas durch dieses Labyrinth an Empfindungen, ohne Karte, ohne Plan. Wir probieren alle paar Wochen eine neue Strategie, immer wieder ist auch was Hilfreiches dabei und wir sind stolz, weil wir was Neues erkannt haben. Aber genauso landen wir immer und immer wieder hier, an diesem Punkt, völlig erschöpft, aus der Puste, immer noch voller Anspannung. Dann erfüllt uns, mich und mein Herz, diese tiefe, schwarze Traurigkeit von neuem, die nichts anderes neben sich duldet. Höchstens die Angst, die darf manchmal auf nen Tee vorbeikommen. Die Traurigkeit ist dann wie so manche Omi, sie stopft die Angst mit Kuchen und Keksen voll. Und die Angst, gut genährt, wächst dann. Wächst dann, bis sie zur Panik wird. Sie wird so groß, dass mein Herz und ich uns beengt fühlen von ihr. Manchmal nimmt sie uns die Luft zum atmen.
Heute ist die Angst nur ganz leise, als würde in einer lauten Bar irgendwo ganz hinten in der Ecke jemand eine Melodie auf einem Piano spielen, die man kaum noch hören kann. Ungefähr so klingt sie, zwischen all dem Schwarz. Mein Herz beginnt ganz langsam und leichtfüßig zu ihrer Melodie zu tanzen.

Ich weiß, dass es mir nicht hilft, wenn ich mir immer wieder sage, dass ich nicht mehr kann und dass ich erschöpft bin und dass das alles zu viel für mich ist. Ich weiß auch, dass es nicht hilfreich ist, wenn ich mich nun frage, ob das wohl für immer so sein wird und wie ich so jemals wieder arbeiten soll und wie es sein kann, dass meine Freunde mich noch mögen und ob ich wirklich glauben kann, dass er mich einfach weiterhin lieben wird, wenn ich so bin. Aber ich bin zu erschöpft, um mich zu wehren gegen diesen ewigen Kreis.
Ich weiß auch, dass dieser Tag vorübergehen wird. Dass ich vielleicht heute noch wieder lachen werde, weil es immer, wenn es abwärts ging, auch wieder aufwärts geht. Ich weiß sogar, dass ich einer der mutigsten Menschen der Welt bin. Dass ich es richtig mache, auch wenn ich bisher nicht in eine Klinik gegangen bin oder mir habe Medikamente verschreiben lassen. Ich weiß, dass ich am Ende sagen kann: I did it my way. Und das wird gut sein. All das weiß ich, irgendwo. Doch gerade hilft es mir nichts.

Der schwarze Schatten namens Trauer hat zwei Hände geformt, die mein Herz nun sanft zu den Klängen der Angst durch den Raum schweben lassen. Zwei weitere Arme strecken sich nach mir aus, legen sich um meine Schultern. "Komm, tanz noch ein bisschen mit uns!", flüstert die Trauer in mein Ohr. Ihre Arme sind stark. Für den Moment zieht sie mich mit sich, hält mich, weil meine eigenen Füße mich kaum noch zu tragen vermögen. Kurz überlege ich, ob es nicht sinnvoll ist, mich zu wehren, doch ich verwerfe den Gedanken wieder. Unwillkürlich beginne ich, die Melodie der Angst mitzusummen. Sie ist mir so vertraut.